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So geht Guntram Vesper in "Tieflandsbucht" der Geschichte nach | BR24

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Guntram Vespers autobiographischer Roman "Frohburg" ist auch eine Geschichte Deutschlands: Der Lyrikband "Tieflandsbucht" versammelt jetzt seine Gedichte. Im Interview erzählt er, wie sehr auch diese Gedichte von der Zeitgeschichte geprägt sind.

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So geht Guntram Vesper in "Tieflandsbucht" der Geschichte nach

Guntram Vespers autobiographischer Roman "Frohburg" ist auch eine Geschichte Deutschlands: Der Lyrikband "Tieflandsbucht" versammelt jetzt seine Gedichte. Im Interview erzählt er, wie sehr auch diese Gedichte von der Zeitgeschichte geprägt sind.

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Mit "Tieflandsbucht", einer neuen Ausgabe der Gedichte Guntram Vespers, ist das gesamte literarische Werk von Vesper wieder im Bewusstsein. Der Schriftsteller und Lyriker – geboren 1941 im sächsischen Frohburg – begann früh, Gedichte zu schreiben, bereits als Schüler, nach der Flucht seiner Familie in die Bundesrepublik. Prägend für Vesper wurde die Begegnung mit dem Werk Peter Huchels, eines Dichters, der, obschon einer anderen Generation angehörend, auch zu denen gehörte, die aus dem eigenen Land vertrieben wurden. In der frühen DDR war Peter Huchel Cheflektor der Zeitschrift "Sinn und Form". Wegen seiner offenen und liberalen Haltung wurde er von den Genossen der SED schikaniert und isoliert. Ein Leben in Einsamkeit in Wilhelmshorst bei Berlin, eine perfide Überwachung durch die Stasi und schließlich die Übersiedelung in den Westen waren die Folge. Immerhin: Huchels Verse fanden den Weg in die Welt und erreichten so auch Guntram Vesper.

Niels Beintker: Warum wurde gerade Peter Huchels Poesie so wichtig für Sie?

Guntram Vesper: Ich weiß gar nicht, wann ich die ersten Gedichte von Peter Huchel gelesen habe. Jedenfalls hinterließ die erste Begegnung mit seinen Gedichten einen fulminanten Eindruck. Das waren Texte, die ich – als Leser – noch nicht an anderer Stelle und von einem anderen Autor gelesen hatte. Die lagen – von der Ästhetik, vom Wortmaterial, von den Bildern her – für mich auf einer erstrebenswerten Linie. Vielleicht nicht auf einer Ideallinie, aber auf einer erstrebenswerten Linie. Ich war ja noch relativ jung. Da entstand der Eindruck: So hätte ich auch gerne geschrieben. Das war bei Rilke so. Das war bei Benn so. Und das war dann bei Brecht so, bei den "Buckower Elegien". Sie haben mir sehr gut gefallen, als ich sie kennenlernte. Und das war bei Peter Huchel so. Bei ihm kam noch das merkwürdige Lebensschicksal hinzu. Als ich ihn wahrnahm und als ich mit ihm in Verbindung trat, lebte er ja noch in Wilhelmshorst bei Berlin. Er war aber geächtet. Die Partei hatte ihm die Redaktion der Zeitschrift "Sinn und Form" abgenommen. Und nun saß er da.

Er durfte auch das Land nicht verlassen. Er durfte nicht einmal zu Preisverleihungen in die Bundesrepublik reisen.

Er war fixiert. Er durfte aber meinen Brief empfangen. Den Brief eines Lesers, der heimlich selber schrieb. Daraufhin hat er mir ein Foto geschickt. Ich war noch Schüler. Das Foto steht in meinem Bücherregal, mit einer Widmung auf der Rückseite. Ich habe dann sein Schicksal nicht mehr aus den Augen verloren. Huchel ist eine stehende Größe in meiner literarischen Welt geworden, beginnend in dieser Zeit. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch andere Lyrik wahrgenommen hätte. Ich habe gerade die beiden ersten Gedichtbände von Hans Magnus Enzensberger in den Händen gehabt und habe mir noch einmal diese Texte angeguckt. Das ist schon ein anderer Ton. Aber als Liebhaber mag ich beides. Die Natur-Gedichte mit dieser gesellschaftlichen Ausweitung oder Bedeutung auf der einen Seite. Und, ich würde einmal sagen, dieses ungehobelt Moderne von Enzensberger auf der anderen Seite – Gedichte für Leser, die keine Gedichte lesen – das war ich auch.

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Guntram Vesper vor seinem Bücherregal, im Hintergrund befindet sich auch das Foto von Peter Huchel.

Ich wollte nicht sagen, dass Peter Huchel der einzige ist. Er spielt eine besondere Rolle für Sie, neben vielen anderen. Seine Gedichte sind unter anderem, wie Sie einmal geschrieben haben, allgemeine Dokumente unseres Jahrhunderts und unser aller Geschichte. Und sie haben auch besondere Bilder. Welche sind Ihnen da besonders wichtig?

Das eine Gedicht zitiere ich: "Caputher Heuweg". Das gehört in mein Bücherregal, natürlich, mit so vielen anderen Texten. Das ist das Wunderbare, dass ein Bücherregal nicht nur zehn Bücher enthält. Sondern dass jeder Autor, von dem ein Produkt drinsteht, in Buchform, nicht dem anderen gleicht. Das ist wie beim Fußball. Sie sitzen alle da auf den Rängen. Aber sie kommen alle aus verschiedenen Richtungen, gehen in verschiedene Richtungen und haben verschiedene Gesichter. In meinem Keller gibt es noch ein Ersatzregal für Bücher. Die erstrecken sich über alle Geschosse und bis in die Garage hinein – da ist auch die Stirnwand zur Hälfte mit Büchern gefüllt. Im Keller habe ich ein Heftchen gefunden, in dem steht, was nicht unwichtig, aber auch nicht von großer Bedeutung ist: "Stimmen zu Stalins Tod", eine sehr merkwürdige Bekundung von Peter Huchel: "Stalin hat uns wissenschaftlich das und das mit auf den Weg gegeben..." Es ist nicht so wie bei Franz Fühmann, der dann gleich gesagt hat: "In 1.000 Jahren wird man das noch auf den Knien verehren." Aber das war auch ein bisschen merkwürdig. Und das muss man auch sehen. Das verhindert auch, dass man nur bei der Poesie stehenbleibt. Man muss schon den Autor mit in den Blick nehmen. Das habe ich ja auch getan bei Peter Huchel. Diese Gefangenschaft in Wilhelmshorst, dieses Geächtet-Sein, der Nachbar als Spitzel. Man sieht aber: Es gibt noch einen vorgeschalteten Teil der Biographie, so wie bei Robert Havemann ja auch und bei vielen anderen. Der gehört auch zur Wahrheit.

"Ich erkannte die leeren / Fotos der Kinderzeit wieder / Landschaft aus Bäumen / Wiesen und Wasser" – der Auftakt zum Gedicht "Gegenstände der Poesie". Die Welt Ihrer Kindheit, Frohburg, ist vielfach präsent in der Summe Ihrer Poesie – überhaupt in Ihren Büchern. Ein ganzer Gedichtband widmet sich diesem Kosmos Frohburg. Es gibt andere verbindende Themen in Poesie und Prosa, zum Beispiel die Geschichte, die Zeitgeschichte. Welches Potential kann das Gedicht haben für die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte?

Der Prosatext, wenn er umfangreicher ist, holt ja weit aus, zielt in größere Entfernung. Das Ziel ist weiter weg. Das Gedicht ist doch das einzelne Bild, im Grunde genommen. Eine Art Pixel. Und das Bild ist dann der Gedichtband. Man kann im Gedicht den Leser im Gegensatz zur Prosa schwer – wenn er noch nicht gehen kann – irgendwo hinführen. Eine gewisse Erfahrung mit Gedichten, eine gewisse Erfahrung mit der Zeitgeschichte und mit der Geschichte der Lyrik sollte schon da sein. Deswegen sind Menschen, die das nicht haben, oft auch nicht begeistert vom Gedicht. Es gibt aber auch Nichtleser, die, wenn sie ein Gedicht hören, angerührt sind oder sich als betroffen erweisen. Letztendlich läuft es wieder auf die Frage hinaus: Was unterscheidet die Lyrik von der Prosa? Und was unterscheidet das Reden über die Einzelheit oder über den kleinen Ort – da zu leben – von den großen Zusammenhängen und den übergeordneten Tendenzen? Das geht ja durcheinander. Und ich versuche, das auch in Gedichten zu verbinden oder zusammenzubringen. Im Grunde genommen ist das der Reiz, der für mich von Gedichten ausgeht: Dass sie, im Prinzip, diese Möglichkeit haben. Es gibt ein Gedicht über den antijüdischen Slánský-Prozess in der Tschechoslowakei. Ebenso über den Ungarn-Aufstand und all diese Dinge. Und die mit lyrischer Sprache, die aber nicht überschwänglich ist und auch nicht von Bildern wimmelt – das lehne ich ab, dieses ausufernde, ich würde beinahe sagen Bildertum – darzustellen oder zu vermitteln. Oder zu transportieren.

© Guntram Vesper, Privatbesitz

Ein Bild aus Frohburg, gemalt von Guntram Vesper. Im Band "Tieflansbucht" blickt er immer wieder schreibend auf die Stadt der Kindheit zurück.

Ist es damit legitim, Ihre gesammelten Gedichte als ein Geschichtsbuch aus dem 20. Jahrhundert zu lesen?

Ja. Mein Geschichtsbuch. Und was das Thema Frohburg angeht: Schon in den ganz frühen Gedichten, am Anfang, hat bereits manches mit Frohburg zu tun oder nimmt dort seinen Ausgang. Das Gedicht "Wohin geht der Krebs zur Nacht" und ein weiteres Gedicht haben Zusammenhänge zum und Anstöße bekommen vom 17. Juni 1953 und von der Erschießung des einen Arbeiters aus der Frohburger Gegend. Das war dann schon um 1960. Ebenso gab es Gedichte, die Ortsnamen aus der Frohburger Gegend im Titel transportieren, "Teiche bei Eschefeld" etwa. Und das zieht sich dann im Grunde genommen durch meine ganze lyrische Arbeit. Die Tonfälle wechseln aber im Lauf der Jahre und Jahrzehnte. Es gibt – von der Sprache her – ein sehr karges Beginnen. Dann werden die Gedichte sehr viel länger, Anfang der achtziger Jahre. im Band "Die Illusion des Unglücks". Sie greifen auch weit aus. Plötzlich ist man im Gedicht im Schwarzerde-Gebiet der Ukraine. Dort spielt sich ein Schicksal ab. Und dann kommt der Gedichtband "Frohburg". Das sind dann wieder streng organisierte, kürzere Gedichte. Da ist dann ausdrücklich von der Kindheit und Frohburg, einer Kleinstadt in Deutschland, während des Krieges und nach dem Krieg die Rede. Und dann kommt am Ende ja der längere Zyklus "Tieflandsbucht", der dem Band den Titel gegeben hat. Da wird es ein bisschen wortreicher und greift aus, ist aber immer noch relativ eng an der Biografie. Aber da taucht die Autobahn A 38 auf. Und da sind wir schon in der jüngsten Vergangenheit.

Auch die Literatur und ihre Geschichte gehören zum Gegenstand ihres Schreibens. Autoren wie Balzac oder auch Maupassant, ebenso Friedrich Hölderlin. Wenn wir auf Hölderlin blicken: Inwiefern ist das eine Stimme, die Ihnen wichtig ist für das Schreiben? Inwiefern ist das ein Bezugspunkt?

Für mich ist Friedrich Hölderlin schon vom Schicksal her sehr aufmerksamkeitsheischend. Ich habe einmal im Tübinger Hölderlin-Turm vorgelesen. Unter den Zuhörern waren zwei Tübinger Professoren: Paul Hoffmann und Hans Mayer, ehemals Leipzig. Paul Hoffmann war ehemals in der Emigration in Neuseeland, am anderen Ende der Welt. Wir sind vom Stift über die Hänge hinunter zum Hölderlin-Turm gelaufen. Links oben das Krankenhaus, in dem Hölderlin auch war. Und das war ein ganz tiefgehendes Erlebnis für mich. An Hölderlin schätze ich das, was ich auch an Georg Trakl so schätze. Das sind die unglaublichen Metaphern, die zum Teil so rätselhaft sind, dass sie mich riesig begeistern. Die sind wie Brillanten, im Grunde genommen. Wenn ich diese im Gedicht verorte, gehören sie ja auch nur mir. Ich weiß nicht, nicht wie viele Leute sich zur gleichen Zeit in Deutschland oder auf der Welt genau die Zeile, den Vers im Gedicht mit diesem und jenem Bild zu Gemüte führen. Ich fühle mich dann direkt angesprochen. Bei Trakl ist das natürlich genauso.

Guntram Vespers Buch "Tieflandsbucht. Die Gedichte" ist im Frankfurter Schöffling-Verlag erschienen.

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