BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

So fulminant ist Bob Dylans neues Album Rough & Rowdy Ways | BR24

© Audio: BR/ Bild Bob Dylan

Inbrunst statt Zerstreuung: An Bob Dylans 39. Studio-Album wird man sich noch lange erinnern

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

So fulminant ist Bob Dylans neues Album Rough & Rowdy Ways

Er geht auf die achtzig zu und gilt als Fixstern am Firmament der Liedermacher. Jetzt legt Dylan ein intimes, schwermütiges Werk über den amerikanischen Wahnsinn vor. Er hat es selbst produziert – und es wurde ein Meilenstein seines Schaffens.

Per Mail sharen

Er singt! Obschon es jahrelang Debatten darüber gab, ob er es überhaupt kann: singen. Nein, er beschwört, fleht, klagt an, und zwar die Mutter aller Musen, die "Musica". Deshalb ist uns "Holy Bob" so kostbar, der Fixstern unter den Himmeln der Liedermacher, der Barden und, ja, sagen wir ruhig: Prediger. Denn darüber singt er im Song "Black Rider": "Be honestly fair, let all your earthly thoughts be a prayer". Also, sei ehrlich und fair und mache deine kleinen irdischen Gedanken je zu einem Gebet. Das darf er, das muss er, wie es scheint, denn schließlich gehört er zur Covid-19-Risikogruppe und hat, mittendrin, sein 79. Lebensjahr vollendet. Er, auch so ein Black Rider, hat tatsächlich beinahe alles gesehen und wahrlich kunstvoll in Literatur verwandeln können und fast scheint es, als sei dieses ganze Doppelalbum – zehn neue Stücke sind versammelt – ein einziges Gebet, eine Beichte, eine Lebensbilanz.

Ungeheuerlichkeiten eines Musikerlebens

"Den Rubikon überschreiten" singt er, eine Denkfigur, die seit den tollkühnen Abenteuern des Gaius Julius Caesar beim Marsch auf Rom stellvertretend ist für etwas Ungeheuerliches, ja fast Verbotenes tun. Bob Dylan hat mehrfach den Rubikon überschritten, angefangen Mitte der sechziger Jahre mit der unter Folkfreaks verpönten Elektrifizierung der Americana bis hin zu unter Rockfans als verstiegen verachteten Bekenntnissen zur christlichen Religion.

© dpa / Picture Alliance

Ruhmreiche Zeiten: Bob Dylan und Band in den 80ern

Es war ein trauriger Tag im November 1963, erinnert sich Bob Dylan im längsten Stück "Murder most foul" – es ist fast siebzehn Minuten lang. Dylans Karriere hatte gerade Fahrt aufgenommen. Ein Jahr zuvor war seine erste Platte erschienen, nachdem John F. Kennedy ermordet worden war. Von da an räsoniert der Chronist des amerikanischen Wahnsinns oder vielleicht doch eher Traums, flicht Textzitate von Rock, Pop, Country und Folksongs mit historischen Daten und Namen zu einer Saga des Widerstands, zu einer Ballade der Gefallenen und doch Aufrechten und nicht nur dieses Stück ist eine Generalwatschn für den noch amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Eine versteckte Dankesrede für den Literaturnobelpreis

Während dieser siebzehn Minuten kommt dem Hörer eine wie Beate Klarsfeld in den Sinn, die 1968 dem damaligen deutschen Bundeskanzler Kiesinger die bis heute berühmte Ohrfeige verpasste. Aber das ist nicht die Sache Bob Dylans. Man kann genauso gut diese siebzehn Minuten "Murder most foul", übrigens ein Zitat aus Shakespaeares "Hamlet", auch als verspätete Dankesrede für den Literaturnobelpreis vor vier Jahren hören. Oder als düstere Prognose sich immer schneller vollziehender katastrophischer Wandlungen. Alles sehr zurückgenommen und intim musiziert, und auch so aufgenommen.

© Domenech Castello/Picture Alliance

Bob Dylan mit Inbrunst

Der Kontrabass klingt sehr nah und direkt, nichts von poppiger Opulenz, nichts von oder für den Tanzboden, nichts von großspuriger Orchestrierung, nichts von Zerstreuung oder Unterhaltung. Die Grundstimmung dieser zehn Songs ist nämlich durchweg melancholisch, getragen, lento. Ich hab das Herz eines Geschichtenerzählers wie Poe einer war, singt er in "I contain multitudes". Ich habe Leichen im Keller, davon erzähle ich euch besser nicht. Stattdessen trinke ich auf die Wahrheit und alles, was wir bislang gesagt haben. Dylan hat viele Tonträger veröffentlicht, aber diese eine, "Rough & Rowdy Ways", gehört sicher zu jenen Kulturgütern, an die man sich auch in ferner Zukunft auf fernen Sternen erinnern wird.

An diese Platte wird man sich noch lange erinnern

Dylan hat das Album selbst produziert. Er braucht keinen wie Rick Rubin, der noch Johnny Cash oder Neil Diamond dazu ermutigen musste, mit ihren knarzigen, morbiden Stimmen das Glück und Elend in dieser Welt gleichermaßen zu feiern und zu beklagen. Nein, Dylan "contains" tatsächlich "multitudes". Er ist – und wenn ja, wie viele? Jedenfalls gehört diese Musik zum Wichtigsten, was in diesem 21. Jahrhundert bislang produziert worden ist.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!