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So erzählt Kat Menschik mit Bildern eine zweite Geschichte | BR24

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Bildrechte: Audio: BR / Bild: Kat Menschik

Kat Menschiks Illustrationen sind keine Bilder zum Text, sondern führen ein Eigenleben. Mit Tiefe und Witz lockt sie in Parallelwelten, fremde Universen und bizarre Panoptiken. Dabei lehrt sie uns Achtsamkeit.

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So erzählt Kat Menschik mit Bildern eine zweite Geschichte

Tiere, Pflanzen, menschliche Organe: Kat Menschiks Illustrationen sind keine Bilder zum Text, sondern führen ein Eigenleben. Mit Tiefe und Witz lockt sie in Parallelwelten, fremde Universen und bizarre Panoptiken. Dabei lehrt sie uns Achtsamkeit.

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Von
  • Niels Beintker

Was ist des Menschen Herz? Nur ein Muskel, etwa faustgroß, der sich – solange wir leben – in unserer Brust bewegt und unser Blut unablässig zirkulieren lässt? Bumm, Bumm, Bumm. Oder doch viel mehr? Wer Kat Menschik in die Bilderwelten folgt, stellt sich vermutlich irgendwann diese Frage. Immer wieder sieht man dort das menschliche Herz, anatomisch präzise gezeichnet: die Muskelmasse, rot bis orange, überzogen von feinen Adern, darüber das Geflecht der zentralen Blutbahnen.

Das Motiv findet sich im ersten Band von Kat Menschiks illustrierter Bibliothek, einer Auswahl von Kafka-Texten. Man kann es ebenso entdecken in den Bildern zu ETA Hoffmanns Erzählung "Die Bergwerke zu Falun". Und auch auf dem Cover des illustrierten Tierlebens, das Kat Menschik zu Texten des Biologen Mark Benecke gestaltet hat: das Herz, hier neben vielen anderen Motiven, neben Faltern, Käfern, Larven. Ein Herzensmotiv, wie sie selbst sagt: "Dieses organische Herz, also nicht das Herz-Herz, sondern richtig das anatomische Herz, hat eine wunderschöne Form. Es sieht auch schon so organisch und weich und rund aus. Und es bedeutet natürlich Leben, lebendig sein. Das mag ich sehr, es zu zeichnen und immer wieder aufzugreifen. Sollte ich mir jemals ein Tattoo stechen lassen, wäre es dieses organische Herz in allen seinen Formen."

Das Herz als Sinnbild für Kat Menschiks Kunst

Worte wie "schön" oder "wunderschön" benutzt Kat Menschik liebend gerne. Das Herz – wie sie es zeichnet – ist eigentlich auch ein gutes Sinnbild für ihre Kunst. Starke Kontraste sind ein wichtiger Wesenszug: Hier das Leben, kräftig, rot, spürbar pulsierend, dort das Nichts, Dunkelheit oder auch weißer Raum. Kat Menschiks Bildsprache lebt von solchen Kontrasten, im Fall der Motive, im Fall der Farbe. Ebenso im Fall der Linien, mit denen sie arbeitet, mal ganz fein, mal kräftiger. Immer entsteht eine ganz eigene, besondere Tiefe. Die Künstlerin zeichnet mit Tusche und Feder, erzählt sie dieser Tage, in ihrem Haus auf dem Land, gut 60 Kilometer nordöstlich von Berlin.

Später werden die Blätter am Computer bearbeitet, sagt sie: "Dann wird das gescannt. Ich arbeite weiter im Photoshop, im Computer und setze gerade, klare Farbflächen. In erster Linie, weil ich das auch schön finde, weil mir das gefällt. Und weil ich eine gewisse Geradlinigkeit überhaupt gerne habe. Das spielt vielleicht auch ins Leben direkt hinüber, dass man sagt: Hab eine Haltung, sag Ja, Nein, Schwarzweiß. Und alles dazwischen kann man ja gerne mit Farbe füllen."

© Kat Menschik
Bildrechte: Kat Menschik

Feder- und Tuschezeichnungen wie das Faultier werden am Computer nachbearbeitet

Hand aufs Herz, sagen wir gerne, um ehrlich das zum Ausdruck zu bringen, was uns wichtig ist. Auch das eine mögliche Assoziation bei einem Spaziergang durch Kat Menschiks grafische Welt. Hände sind ebenfalls ein zentrales Motiv, ein Herzensmotiv für sie. Hände, die ins Nichts greifen, Hände die einander berühren, Hände, denen vielleicht etwas entglitten ist. Oder, die – auf ihre Weise – von einer Sehnsucht erzählen. Ein Bild aus der Ausgabe von Shakespeares "Romeo und Julia" zeigt eine Hand, die sich ausstreckt, zum Balkon in Verona. Eine rote Fassade, eiserne Gitterstäbe, darüber ein Vorhang, vom Wind gefaltet, lila und weiß gestreift.

Die Hand eines Menschen zu zeichnen sei jedes Mal eine Herausforderung, sagt Kat Menschik: "Am Motiv der Hände reizt mich, dass es schwer ist, sie so zu zeichnen, dass sie gut aussehen. Ich sehe so oft Zeichnungen, die ich schön finde. Und dann schau ich auf die Hände und denke: Oh, was sind das für Würstchen da dran. Das ist wirklich so ein innerer Ehrgeiz von mir, Hände zu zeichnen, die richtig gut und elegant aussehen, die anatomisch stimmen. Und dann ist das auch ein ganz wundervolles Motiv: organisch, baumartig, mit den kleinen Ästchen, Fingerchen. Man kann alles ausdrücken. Man kann Kraft ausdrücken, Zartheit und Geborgenheit. Alles, was wir mit den Händen tun können, kann ich ja dann auch zeichnen. Wenn ich es kann."

Geboren wurde Kat – Kathrin – Menschik 1968 in Luckenwalde, einer Kleinstadt im Süden Berlins. Sie machte eine Ausbildung als Schaufenster-Dekorateurin, nach dem Ende der DDR studierte sie Kommunikationsdesign in Berlin und später auch in Paris. Zunächst war sie Comic-Zeichnerin, gab mit einigen Kommilitoninnen ein eigenes Magazin heraus und gründete einen kleinen Verlag – all das übrigens ohne große Comic-Biographie. Abgesehen vom "Mosaik" gab es ja keine Comics in der DDR.

Von dort führte der Weg zur Illustration. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verpflichtete sie Ende der 90er Jahre als Illustratorin, Buchverlage wurden aufmerksam auf ihre Kunst. Eines der wichtigen Bücher aus dieser Zeit ist die Ausgabe von Haruki Murakamis Erzählung "Schlaf". Weitere Bände mit illustrierten Texten des japanischen Schriftstellers folgten. Auf ihrem Instagram-Account zeigte Kat Menschik kürzlich ein lustiges Bild: Jemand hatte eine Torte gebacken und sie wie eines ihrer Murakami-Cover verziert.

Mit Illustrationen eine zweite Geschichte erzählen

"Wenn ich Texte illustriere – und das mache ich ausschließlich, ich mache nie Bilder um der Bilder willen oder freie Kunst, ich arbeite immer zusammen mit Autoren und Texten –, also wenn ich Texte illustriere, ist es mir wichtig, dass ich mit den Zeichnungen etwas anderes aussage, als im Text steht. Es muss nicht immer ganz weit vom Text weggehen. Aber was ich überhaupt nicht leiden kann, ist, genau zu illustrieren, was da im Text steht. Weil ich denke, das ist ja auch nicht nötig. Ich habe ja selber die Mittel, eine zweite Geschichte zu erzählen, mit dem Mittel des Bildes, der Bildsprache. Wenn ich einen Text lese, dann kann ich auch ein bisschen weiter weggehen vom Text. Das ist unterschiedlich, je nach Geschichte, die ich vorliegen habe, kann ich mich entscheiden, mal richtig zu bebildern oder aber ganz weit weg zu gehen. Und das finde ich gut. Und das gehört zentral auch zu meiner Arbeit."

© Kat Menschik
Bildrechte: Kat Menschik

Ausschnitt aus Kat Menschiks tierischem Panoptikum

Kat Menschiks Bilderwelten werden immer wieder von Tieren bevölkert. Kein Wunder eigentlich, dass sie irgendwann auch ein Tierbuch machen würde. Das ist der jüngste Band der von ihr herausgegebenen und gestalteten Illustrierten Bibliothek. Die Reihe gibt es seit 2016 und feiert, mit jeweils zwei kleinen Bänden im Jahr, die Buchkultur. Jeder Band anders, vom Text, ebenso bei Material, Haptik und – wichtig – Farbe. Alle zusammen bibliophil, opulent gestaltet und gleichzeitig überhaupt keine unerschwingliche Buchkunst.

Staunen und dabei Achtsamkeit lernen

Das illustrierte Tierleben zu Texten des Biologen Mark Benecke erzählt von Glühwürmchen, Staren und Vampirfledermäusen, ebenso von betrunkenen Elchen, Meerjungfrauen und Silberfischchen. Der Band steht seit Wochen auf der Bestseller-Liste. Er will Leserinnen und Leser zum Staunen animieren, mit dem, was er erzählt, ebenso aber mit dem, was er zeigt.

Über viele Bilder von Kat Menschik kann man das sagen: Sie machen uns staunen. "Wenn wir jetzt über das Tierbuch sprechen, dann kann ich direkt mal über meine Lieblingsgeschichte vom Oktopus sprechen und wie klug und gewitzt und sogar frech der ist. Mir ging es so, dass ich vor Jahren mal eine Dokumentation über Kraken gesehen habe und dachte, wie klug die sind! Das wusste ich vorher nicht. Dass die neun Gehirne haben. In jedem der acht Arme haben sie so etwas wie ein Gehirn. Und dann noch einmal im Kopf. Die sind unfassbar schlau, so dass ich direkt danach dachte, ich kann die doch nicht mehr essen. Das geht überhaupt nicht mehr. Und ich merke, dass ich von Tag zu Tag mehr lerne, über die Dinge, die uns umgeben und die Dinge, die man achten muss. Und die man sich bewusst machen muss, vielleicht bevor man auf sie achten kann, um sich zu bemühen, sie zu schützen. Und das ist auch ein großer Anlass für mich, die Dinge zu tun."

Der Oktopus – realistisch gezeichnet – gleitet über das schwarz grundierte Bild. Er ist koloriert, mit verschieden Lila-Tönen. Um das Tier herum verschiedene Detailansichten, ein Arm mit den Saugnäpfen etwa, dazu befruchtete Eier und gerade geschlüpfte Kopffüßler: ein Kreislauf des Lebens.

© Kat Menschik
Bildrechte: Kat Menschik

Ein superschlaues Tier: der Oktopus

Biologische Atlanten und Schautafeln waren eine Inspirationsquelle für Kat Menschik, der Titel des jüngsten Buches zitiert ja auch den gleichnamigen Klassiker von Alfred Brehm, das große Tierleben. Wer den Blick weitet, vom Oktopus zu den vielen anderen Bildern von Kat Menschik, kann entdecken, dass auch die Kunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein wichtiger Bezugspunkt ist.

Die Bilderwelten des Jugendstils zitiert Menschik immer wieder, nie vordergründig, plakativ, vielmehr indirekt. Sie spricht gerne von einer großen Schatztruhe und zwei Dingen, die sie gerne benutze: "Da ist alles Florale, Organische. Das zeichne ich sehr gerne. Dann aber auch Schrift. Schrift in Bildern als Gestaltungselement zu benutzen, finde ich super. Ich versuche, das einzubauen, wo es geht. Den Kontrast von einer geraden Schrift zu floralen Mustern oder Inhalten zu zeichnen, das mag ich sehr gerne. Und das ist dann aber auch nicht nur der Jugendstil. Wenn man sich zum Beispiel 50er-, 60er-Jahre-Grafik anschaut, nehme ich auch da ganz viel heraus. Etwa die Schriften oder die Farbgebung. Im Grunde benutze ich alles, was mir in die Finger kommt, was ich sehe, was ich selber schön finde, um das umgearbeitet oder eingearbeitet zu benutzen."

Dialog zwischen Bildern und Weltliteratur

Die Illustration gilt hierzulande als angewandte Kunst – und wird allzu oft belächelt oder gänzlich ignoriert. Kat Menschik gehört zu einer Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die dieser ablehnenden Haltung auf ihre Weise begegnen: mit ungewöhnlichen Büchern und Bildern, aber zum Beispiel auch mit Schmuck. Ein Wesenszug dieser Kunst ist das fortwährende kreative Pendeln zwischen den großen Polen U und E. Das kann man im Werk von Kat Menschik entdecken, ebenso in dem von Kolleginnen und Kollegen wie Anke Feuchtenberger, Georg Barber alias ATAK oder Henning Wagenbreth, die alle jeweils eine ganz eigene ästhetische Sprache haben.

Über die Bücher finden diese Bilder immer wieder ihren Weg in eine breitere Öffentlichkeit. So auch bei Kat Menschik, die mit ihrer illustrierten Bibliothek eine Möglichkeit gefunden hat, Texte unter anderem aus der Weltliteratur mit ihren Bildern in einen Dialog zu bringen – und gleichzeitig das Buch als haptisches Erlebnis begreifbar zu machen. Für sie ist das Medium immer auch eine kleine Galerie: "Ich finde immer, wenn man Bücher herstellt, wenn man Ressourcen verbraucht, dann sollte man sich doch Mühe geben, sehr, sehr schöne Bücher zu machen. Viel mehr vergibt man sich damit auch nicht. Wenn ich denke – auch ein Buch meiner Reihe – Shakespeare, 'Romeo und Julia', das haben wir alle in der Schule gelesen. Und wenn man das im Regal stehen hat, dann ist das doch umso besser, wenn das richtig schön ist und man das gerne herausnimmt und aufblättert. Was ich an Büchern aber auch toll finde, ist, wenn man sie gelesen hat, dass man sie dann auch wieder zuklappen kann und sie wenig Platz verbrauchen, man sie ins Regal stellen kann und bei Bedarf wieder herausholen. Anders als bei Bildern beispielsweise. Das ist mir manchmal zu groß und zu umfangreich – und dann hängt die ganze Wohnung schon voller Bilder und es ist kein Platz mehr. Das Buch kann man immer überall noch verstauen."

© Verlag Galiani Berlin
Bildrechte: Verlag Galiani Berlin

Seit Wochen auf der Bestsellerliste: Kat Menschiks illustriertes "Thierleben"

Das nächste Bilderbuch von Kat Menschik ist schon auf dem Weg. Im Mai folgt ein weiterer Band der Illustrierten Bibliothek – und dem "illustrirten Thierleben" ein kleines grafisches Herbarium, mit Blumen aus der Bergwelt Georgiens, aus Swanetien. Da ein Frühlingsenzian, dort eine Breitglockenschachblume, im Hintergrund das Hochgebirge, die Bilder wie botanische Schautafeln umrahmt. Und dazu Texte von georgischen Autoren. Kat Menschik sagt, sie war zweimal im Kaukasus unterwegs, wandern. Die schönsten Reisen ihres Lebens seien das gewesen. Ungelogen, fügt sie hinzu: "In dem Fall ist es so, dass ich zum ersten Mal die Bilder gemalt habe. Ich habe nicht gezeichnet. Die sind im Original 50 mal 70 Zentimeter groß. Ich habe jetzt ein Jahr hier gesessen und Blumenbilder gemalt. Es sollte auch so ein bisschen erinnern an alte Lexika oder botanische Nachschlagewerke. Was ich machen wollte, war, in der mir schönsten, möglichen Form Porträts dieser Blumen zu malen, aber immer auch so eingebettet in ihre Landschaft. Also, dass ich im Hintergrund die Berge male und die Wiesen und versuche, dieses Gefühl zu vermitteln, das ich hatte, als ich das in echt gesehen habe. Ich habe mich darauf beschränkt, ausschließlich Pflanzen zu malen. Und diese stehen dann aber im Gegensatz zu den Geschichten, die wir ausgewählt haben. Ich möchte, wenn man das Buch durchblättert, diese Blumenporträts sehen und etwas anderes lesen."

Wumm! Bilder mit Tiefe und Komik

Und irgendwann gibt es vermutlich wieder ein Bild mit einem Herz, anatomisch exakt gezeichnet. Und die Hände in unterschiedlichen Ausprägungen. Und alle möglichen Farben, gerne auch kräftig und kontrastreich, etwa so wie beim Auftakt ihrer eigenen Buchreihe, mit Kafkas Erzählungen. Der Leineneinband zwischen Petrol und Flaschengrün, der schmale Buchblock lila bis fast violett. Wumm. Kat Menschiks Bilder haben nicht nur eine eigene Tiefe, über die graphische Sprache hinaus. Manchmal sind sie auch komisch, die einen vordergründig, die anderen versteckt. Zu Alexander Puschkins Erzählung "Pique Dame" gibt es eine Reihe von Spielkarten-Bildern, die Gesichter auf ihnen überhaupt nicht realistisch, sondern comichaft, irgendwie auch eine Fratzenparade. Es wäre totlangweilig, immer nur das Gleiche zu machen. Und überhaupt: Es würde etwas fehlen ohne diese eigenwillige, bunte Kunst.

"Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben" ist bei Galiani Berlin erschienen.

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