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So erhellt Bernhard Neff mit alten Matheaufgaben Zeitgeschichte | BR24

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Das Schulfach Mathematik wird von vielen gehasst. Doch was in der Schule berechnet wird, ist aus historischer Perspektive mitunter lehrreich: Die gestellten Aufgaben sind Ausdruck ihrer Zeit. Bernhard Neff hat sie gesammelt.

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So erhellt Bernhard Neff mit alten Matheaufgaben Zeitgeschichte

Das Schulfach Mathematik wird von vielen gehasst. Doch was in der Schule berechnet wird, ist aus historischer Perspektive mitunter lehrreich: Die gestellten Aufgaben sind Ausdruck ihrer Zeit. Bernhard Neff hat sie gesammelt.

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Bernhard Neff, Geschichts- und Mathematiklehrer, hat in deutschen Schulbüchern des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der NS-Zeit, der DDR und der BRD Hunderte von Mathematik-Aufgaben gesammelt. Die aussagekräftigsten haben es in sein Buch geschafft, inklusive Kommentar. Damit wolle er "den Wahnsinn der Aufgaben offenlegen".

Eins seiner vielen Fundstücke, das aus dem Jahr 1941 stammt, ist ein schlagendes Beispiel für die Militarisierung selbst des Mathe-Unterrichts: "'Fünf Soldaten legen in zwei Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht. Wenn nun 20 Mann sechs Stunden arbeiten?' Mein Kommentar dazu ist ganz kurz: Ja was dann? Die 20 können dann bummeln, was sicher nicht im Sinne des Führers ist", sagt Neff.

Aufgaben und "Nichtaufgaben"

Bei aller Analyse zeigt Neffs Buch auch eine unfreiwillig komische Dimension von Schulaufgaben, zum Beispiel solche, die sich als "Nichtaufgaben" entpuppen. So bezeichnet Neff Aufgaben, bei denen die Schüler sich selbst die Frage stellen sollen. Als Beispiel führt er eine aus dem Jahr 1938 für die Volksschule, viertes Schuljahr, an. Sie lautet: "'Die beiden ersten und die beiden zweiten Klassen mit 40, 38, 42 und 37 Schülern besuchen den Film vom Reichsparteitag'. Punkt. Das war es schon, das ist die Aufgabe. Jetzt kann sich jeder überlegen, dass man natürlich Prozente ausrechnen kann und ähnliches."

Ähnliche Nichtaufgaben gab es dann auch in der DDR. Da wurde zum Beispiel im Jahre 1980 Folgendes formuliert: "Zehn Pioniere üben für eine Feier einen Volkstanz. Sie üben in zwei gleich großen Gruppen. Stelle selbst die Frage und rechne." Solche Aufgabenstellungen kann man - mit ein bisschen gutem Willen - als Anleitung zum eigenständigen Denken verstehen. Oder aber - was Neff auch für möglich hält - , als Zeugnis frustrierter Mathelehrer, die so ihre Aggressionen ausleben.

Apropos Lehrer

Die meisten Aufgaben sind von Lehrern gesammelt und irgendwo auch von Lehrern herausgegeben worden. Seit dem Kaiserreich gibt es allerdings einen Quellen-Corpus, eine Sammlung von Aufgaben, die dann auch noch in Weimar, im Nationalsozialismus, in der DDR und der frühen Bundesrepublik Verwendung finden und an denen kaum etwas verändert worden sei. In der DDR, die in puncto Fachdidaktik sehr fortschrittlich und modern gewesen sei, habe man versucht, die Fragen intelligenter zu gestalten. Auch die Bundesrepublik habe in späten Jahren mehr auf Didaktik gesetzt und sich von dem alten Quellenkorpus gelöst.

"Legen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht …": Die lustigsten Matheaufgaben von 1890 bis heute. von Bernhard Neff ist bei Riva erschienen.

© Riva/ Montage BR

"Legen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht …": Die lustigsten Matheaufgaben von 1890 bis heute. von Bernhard Neff

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