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Der große Fluss weist die Richtung. Das Eiserne Tor - der Donaudurchbruch in Rumänien
© picture alliance / Arco Images GmbH
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Der große Fluss weist die Richtung. Das Eiserne Tor - der Donaudurchbruch in Rumänien

Auf in den Osten Europas. Harald Grill packt seine Sachen.

Auf in den Osten Europas. Harald Grill packt seine Sachen.

Angst vor langen Distanzen hat Harald Grill auf keinen Fall. Zweimal schon durchstreifte er wandernd Europa, einmal von Syrakus nach Regensburg, das andere Mal vom Nordkap in seine Oberpfälzer Heimat. Im Sommer 2015 setzte er sich ins Auto und fuhr zum Schwarzen Meer, tausende Kilometer, allzu gerne auf Nebenwegen. Viele Geschichten hat er unterwegs gesammelt. Einige erzählt der Schriftsteller und Lyriker in seinem neuen Buch.

Niels Beintker: Sie hätten in jede Himmelsrichtung aufbrechen können. Nun folgten sie der Donau Richtung Osten und Südosten, in Richtung Balkan. Warum wollten Sie gerade diesen Teil Europas erkunden?

Harald Grill: Ich war neugierig, weil so viele Menschen von dort weggehen wollen. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das an der Landschaft liegt. Also wollte wissen, wie die Menschen in diesem Teil Europas leben, was da dahintersteckt. Dabei kann ich keine Reiseführer brauchen.

Die haben sie ja sowieso nicht gebraucht. Sie setzten sich einfach ins Auto und fuhren los.

Ich habe so ungefähr die Richtung im Kopf. Und ich brauche zum Beispiel die Flüsse zur Orientierung. Flüsse geben einer Landschaft ein Gesicht. Ein Anfangspunkt war ein Ort namens Billed, in Rumänien. Ich musste über einen Fluss übersetzen, über den Mieresch. Und der hat mir die Richtung vorgegeben. Dann aber muss man wieder jemanden fragen. Aber wie, wenn man kein Rumänisch kann? Dann kommt ein Mensch mit einem Esel daher und ich frage gestikulierend. Er zeigt mir, wo Billed ist. Und ich entdecke einen Anker, tätowiert auf seinem Unterarm. Er ist ein Seemann, der sich auskennt. Ich bin dann in die Richtung gefahren. Zwei Stunden war ich unterwegs, auf Feldwegen und holprigen Pisten. Da geht mir das Herz auf.

In ihrem Buch über die Reise führen sie uns in eine Welt abseits der Hauptstraßen. Einfache Wege sind langweilige Wege, schreiben Sie einmal. Und ebenso gerne folgen sie den Flüssen. Im Grunde genommen sind die Flüsse ja auch immer wieder Nebenwege. Inwiefern kann man da die Welt anders entdecken?

Vieles ist dem Zufall überlassen. Natürlich habe ich ein paar feste Termine gemacht. Da ist zum Beispiel ein Wirtschaftsberater in Temeschwar. Er hat mir erklärt, wie schwierig es manchmal ist, Firmen in der Region anzusiedeln. Er arbeitet mit dem Bundesland Rheinland-Pfalz zusammen und vermittelt Firmen in Rumänien, mit denen die Unternehmen dort kooperieren können. Der schickt mich dann wieder irgendwohin – und ich komme zum Rundfunk in Temeschwar, zum deutschen Radioprogramm. Und die Menschen dort erzählen mir dann, dass Herta Müller in der Nähe geboren worden ist. So geht es dann weiter.

Ihre Reise führt immer wieder in die Geschichte, mitunter weit zurück. Etwa dann, wenn sie in der Hafenstadt Constanza am Schwarzen Meer stehen und über den Dichter Ovid schreiben. Er lebte dort in der Verbannung. Aber auch neuere Zeitschichten sind zu entdecken, etwa die vergessene Geschichte der Tschechen, die im Banat in Rumänien nach einer neuen Heimat suchten. Oder auch der im Grunde in Europa wenig präsente russisch-türkische Krieg aus dem 19. Jahrhundert, der zur Herauslösung Bulgariens aus dem Osmanischen Reich führte und zur Unabhängigkeit des Landes – ein so brutaler Krieg. Kann man der Geschichte in diesem Teil Europas überhaupt entkommen?

Unmöglich. Überall gibt es Geschichten von Heiducken, von den Freiheitskämpfern. Das sind Volkshelden, in Rumänien, in Bulgarien und in der Ukraine sowieso. Damit muss man sich auseinandersetzen. Ein Beispiel: In einer Stadt am nördlichen Rand des Balkan-Gebirges traf ich ein Pärchen. Da steht eine riesige Statue, so groß wie ein Kirchturm einer Dorfkirche. Ich habe gefragt: ‚Ist dieser Mensch so wichtig?‘. Die Antwort: ‚Ja, er hat ein Schiff auf der Donau entführt, zwei Jahre vor diesem Befreiungskrieg.‘ Er wollte die Unabhängigkeitskriege gegen die Türken anheizen. Mit 200 Genossen hat er diese Schiffe überfallen. Ich sagte: ‚Das ist ja Terrorismus.‘

Der Mann war ein Desperado.

Die beiden haben sich gegen diese Aussage gewehrt. Ein anderes Beispiel: Die Bulgaren unterscheiden sehr stark zwischen den Sowjets, die Besatzer waren im Land nach dem Zweiten Weltkrieg, und den russischen Befreiern aus dem 19. Jahrhundert. Zar Alexander II. gilt in Bulgarien als Befreier. Er wird hochgeschätzt. Man trifft sich an seinem Denkmal. Dagegen wird das Denkmal des russischen Soldaten mit der Kalaschnikow von Sprayern umgestaltet. Man hat ‚Santa Claus‘ darauf gesprüht oder auch ‚Batman‘. Das war übrigens ein großer Skandal. Manche Leute schätzen die Kommunisten noch immer. Sie sagen: ‚Da war sowieso alles besser.‘

Eine sehr wechselvolle, auch sehr leidvolle Geschichte, gerade auch in dieser Region Europas. Zur Neugier an der Geschichte kommt bei Ihnen immer auch die Liebe zur Literatur. Sie stehen etwa im Geburtshaus von Herta Müller. Dann treffen sie den großartigen Schriftsteller Mircea Cartarescu aus Rumänien. Und Sie folgen den Spuren von Elias Canetti. In Bulgarien wiederum haben sie die Ursprünge der gotischen Schrift entdeckt. Was hat es damit auf sich?

Das war in Veliko Tarnovo, in der alten Hauptstadt von Bulgarien. Dort gibt es Ausgrabungen einer alten römischen Stadt, Nikropolis ad Istrum. Der gotische Bischof Wulfila hat dort gelebt, im 4. Jahrhundert nach Christus. Er hat die gotische Schrift entworfen. Und es gibt eine berühmte Bibel. Das ist eines der ersten deutschsprachigen Literatur-Denkmale. Die gotische Schrift gab es noch eher als die kyrillische. Erst fünfhundert Jahre später haben Kyrill und Method erst die kyrillischen Buchstaben kreiert, auf der Basis des griechischen Alphabetes. Das kriegt man so nebenbei mit. Aber man braucht, wenn man so reist, auch diese naive Neugierde eines Kindes. Manchmal fällt es mir schwer, weil ich dahinter schauen will, weil ich mir alles erklären will. Aber wenn mir das gelingt, so geradeaus naiv-neugierig auf Leute zuzugehen, da öffnet sich die Welt wesentlich schöner.

Eine Station der Reise. Die alte bulgarische Hauptstadt Veliko Tarnovo

Eine Station der Reise. Die alte bulgarische Hauptstadt Veliko Tarnovo

Trotzdem sind Sie sie beständig in der Gegenwart unterwegs. Sie haben so große Kontraste erlebt: immer wieder die so große Armut hier und ein so protziger Reichtum dort. In Odessa, am Dreh und Angelpunkt der Fahrt, werden sie Beobachter einer Gesellschaft, die von der Annexion der Krim und vom Krieg im Osten der Ukraine gezeichnet ist. In welcher Stimmung haben Sie diese bedeutende Stadt erlebt?

Schon im rumänischen Constanza hat man mich gewarnt, dorthin hinzufahren. ‚Da ist Krieg, die bringen dich um!‘ Ich habe gemerkt, dass die Rumänen schwer einschätzen können, was dort, im Nachbarland, läuft. Sie fahren auch nicht gerne über die Grenze. Als ich dann in Odessa war, war es eigentlich ganz normal. Viele Touristen waren dort. Ich habe versucht, ein Gespräch mit dem Bürgermeister zu organisieren. Erst hieß es, das ginge nicht. Aber er hat mich eingeladen, weil Regensburg eine Partnerstadt von Odessa ist. Ich war in einer Kindertagesstätte. Ich war in einem Altenheim. Und ich bin jeder Spur, die man mir angeboten hat, nachgegangen. Ich habe in der Universität vorgelesen vor Studentinnen und Studenten. Und ich habe mit Schülerinnen und Schülern einer deutschen Schule gesprochen und Ihnen meine Eindrücke aus Rumänien und Bulgarien weitergetragen. Das war für mich Odessa.

Wer große Reisen macht, verändert sich immer auch ein Stück und kommt anders nach Hause zurück. Was haben Sie mitgenommen von dieser großen Fahrt?

Mein Ziel ist immer, weltoffen zu bleiben. Ich bin sehr verwurzelt im Bayerischen Wald und ich bin so gerne dort. Die großen Reisen durch Europa habe ich immer umgedreht. Ich habe gesagt, ich gehe heim, ich gehe nach Hause. Die Welt ist mir offen. Und das ist wieder passiert. Ich habe Konserven der Geschichte entdeckt. Und ich habe gelernt, welche Zufälle Geschichte steuern können. Man hat mich gewarnt bevor ich weggegangen bin. ‚Was willst du da? Das sind ja alles Gauner, die dir das Auto klauen.‘

Die üblichen Klischees.

Aber es hat sich nicht gelohnt, mein Auto zu klauen. Ich bin ein gefährlicher Erzähler. Ich stehle manchen Leuten Zeit. Ich höre nicht mehr auf, weil ich voller Geschichten bin. Und bei jedem Erzählen ordnen sich diese neu in meinem Kopf. Die Welt wird für mich überschaubarer.

Harald Grills Buch „Hinter drei Sonnenaufgängen. Balkan-Streifzüge durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa“ ist im Lichtung-Verlag erschienen. Gedichte, die auf der Reise entstanden sind, finden sich auch im Band „baustellen des himmels“, erschienen in der Edition Toni Pongratz. Am 31. März liest Harald Grill in Aldersbach, am 2. April bei den Weidener Literaturtagen, am 5. April in Nittenau.

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Autoren

Niels Beintker

Sendung

Diwan - Das Büchermagazin vom 10.02.2019 - 14:05 Uhr