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Düsterer als "Auerhaus": Bov Bjergs neuer Roman "Serpentinen" | BR24

© picture alliance/dpa/ Sebastian Gollnow

Straße auf die Schwäbische Alb

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Düsterer als "Auerhaus": Bov Bjergs neuer Roman "Serpentinen"

Können wir unserer Herkunft entrinnen, oder lastet sie wie ein Fluch auf uns? In seinem neuen Roman "Serpentinen" fokussiert der Berliner Bestsellerautor schwere existenzielle Probleme. Bov Bjerg über Herkunft und das Befreiungspotenzial von Kunst.

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Heute erscheint ein Roman, von dem sich jetzt schon sagen lässt, dass er große Aufmerksamkeit erregen wird. Das liegt zuvörderst an der Erzählkunst seines Verfassers. "Serpentinen" heißt dieser Roman, und verfasst hat ihn der 1965 geborene Berliner Autor Bov Bjerg, dem 2015 mit "Auerhaus" ein mittlerweile auch fürs Kino verfilmter Bestseller gelang. Wie "Auerhaus", so spielt auch "Serpentinen" in Bov Bjergs Heimat auf der Schwäbischen Alb. Knut Cordsen hat mit Bov Bjerg über seinen Roman gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Bjerg, man muss bei der Lektüre von "Serpentinen" gelegentlich an "Auerhaus" denken. Höppner, so hieß ja schon damals der Erzähler. In "Serpentinen" trägt sich der Erzähler mal unter diesem Namen im Gästebuch einer Hotelunterkunft ein. Auch der Name seines Jugendfreundes Frieder, den wir aus der "Auerhaus"-WG kennen, taucht in Ihrem neuen Roman auf. Inwiefern knüpft Ihr Roman "Serpentinen" an "Auerhaus" an?

Bov Bjerg: Man kann, wenn man will, den Roman als eine Fortsetzung lesen, das ist aber nicht zwingend. Der Ich-Erzähler ist dreißig Jahre älter als der Höppner in "Auerhaus", das neue Buch spielt auch nicht Anfang der 1980er-, sondern Mitte der 2010er-Jahre, um 2015 herum. Der Erzähler ist also ungefähr 50. Diese Anspielungen auf "Auerhaus" waren zunächst eher so ein privates Spiel. Es hat einen gewissen Reiz, daran anzuknüpfen. Ich wollte aber auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, es handle sich um eine wirkliche Fortsetzung. Dann wären viele Leute sehr enttäuscht, die vielleicht hoffen, genau den Sound und die Leichtigkeit von "Auerhaus" in "Serpentinen" wiederzufinden. "Serpentinen" ist deutlich düsterer als "Auerhaus", wo der Ich-Erzähler sein eigenes Leben noch vor sich hatte. Das ist bei dem Ich-Erzähler in "Serpentinen" dann doch ein bisschen anders.

In der Tat. Auch das Thema Suizid war schon ein Thema in "Auerhaus". Hier in "Serpentinen" kehrt es wieder, und zwar in Form einer regelrechten Selbstmörder-Dynastie, der der Erzähler entstammt. Die Spannung liegt nun darin, dass man nicht weiß, ob er dieses traurige Erbe seiner Väter und Vorväter – das Erbe von Vater, Großvater und Urgroßvater, die sich erhängt, erschossen, ertränkt haben -, fortführen wird auf seine Weise. Um es mit den ersten vier Worten Ihres Romans zu fragen: "Um was geht es?"

Das fragen Sie jetzt mich! Ich habe das versucht, auf über zweihundert Seiten zu beantworten. Das ist natürlich schwer jetzt in ein paar Sätze zu fassen ...

Dann versuche ich es mal. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte. Ein Vater reist mit seinem Sohn in seine württembergische Heimat, auf die Schwäbische Alb, und er reist zurück in seine eigene traumatische Kindheit, in der er als Siebenjähriger miterleben musste, wie sein Vater sich nach mehreren gescheiterten Selbstmordversuchen schließlich den Strick nahm und mit 44 Jahren starb. Das ist ein Fluch, denn der Trübsinn, dem schon drei seiner Vorfahren zum Opfer fielen, dieser "Schwarze Gott" der Depression bestimmt auch das Leben Ihres Erzählers, der viel über seine "Auslöschung" nachdenkt.

© picture alliance / Geisler-Fotopress

Bestsellerautor Bov Bjerg ("Auerhaus") hat einen neuen Roman geschrieben: "Serpentinen"

Ja, so ist es, aber das ist hoffentlich nicht das Einzige, was nach der Lektüre hängenbleibt. Denn es geht schon auch um die Frage: Kann man sich von so etwas befreien? Das ist eine Frage, die in Bezug auf verschiedene Aspekte eine Rolle spielt in diesem Roman. Da ist einmal die Befreiung von der sozialen Herkunft, die eine Rolle spielt, die Befreiung von der geographischen Herkunft und die Befreiung von vermeintlich zwingenden Flüchen der Vergangenheit. Muss sich der Protagonist zwangsläufig auch das Leben nehmen, nur weil seine Vorfahren sich das Leben genommen haben?

Ihr Erzähler ist ein angesehener Soziologie-Professor in Berlin, verheiratet mit einer erfolgreichen Juristin, und jemand, der seiner alles andere als bildungsbürgerlichen Dorfkindheit einfach nicht entkommt. Irgendetwas bindet ihn an seine Wurzeln. Ich musste beim Lesen an einen Satz denken, den mir ein Freund meiner Großmutter mal sagte, als ich aus meinem norddeutschen Dorf nach München ging: 'Lass dir die Fremde zur Heimat, aber die Heimat nie zur Fremde werden.' Ihrem Erzähler will die Heimat, die er schon lange verlassen hat, auch nicht fremd werden. Würde sie ihm fremd werden, wäre das für ihn, so sagt er es, ein 'Verrat'.

Das Wort 'Verrat' fällt vor allem in Bezug auf die soziale Herkunft, aber auch in Bezug auf den Dialekt und den Wechsel vom Dialekt ins Hochdeutsche oder wie die Österreicher das nennen, das 'Reden nach der Schrift'.

... "Die Sprache zu wechseln, das war Verrat", heißt es einmal.

Genau. Das will der Ich-Erzähler vermeiden. Trotzdem wäre dieser Verrat für ihn vielleicht die einzige Möglichkeit, da anzukommen, wo er sich hin entwickelt hat.

Einmal wird in Ihrem Roman indirekt Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" erwähnt. Kein Zufall, oder?

Nein, ich habe mich mit vielen Freunden über dieses Buch unterhalten und war erstaunt, wie unterschiedlich die Sichtweisen darauf waren. In meiner Erinnerung ging die öffentliche Rezeption in Deutschland hauptsächlich in die Richtung: Der zeigt uns mal, wie die Linken die Arbeiterklasse verraten haben, und deshalb sind die Arbeiter jetzt alle Nazis geworden. Die Linken sind daran schuld! Die Freunde, mit denen ich gesprochen habe, haben einen komplett anderen Blick auf das Buch. Für die ist es so wie für mich entweder die Geschichte einer schwulen Emanzipation oder die Geschichte einer Emanzipation von der sozialen Herkunft. Die Rezeption in Deutschland war ganz merkwürdig und meiner Ansicht nach auch komplett unzutreffend. Als ob niemand das eigentliche Thema dieses Buches von Eribon sehen will, nämlich wie schwer es ist, sozial aufzusteigen, egal, was du auf dem Kasten hast. Und was alles an Kräften am Werk ist, um dich daran zu hindern, da anzukommen, wo du das Zeug hättest hinzugehen.

Die Kunst ist eine Art Rettungsanker für Ihren Erzähler. "Kunst war das, von dem die Herkunft keine Ahnung hatte", heißt es mal sehr schön. Sie beschreiben, wie sich dem Erzähler in seiner Jugend durch die Begegnung zum Beispiel mit Gemälden Max Beckmanns, eine neue Welt öffnet. War die Kunst für Sie auch ein Mittel der Befreiung?

Ja, und zwar bereits als ich noch nicht in Berlin war. Als Jugendlicher war Kunst tatsächlich das Andere für mich. Meine soziale Herkunft ähnelt der meines Protagonisten. Du hast mit einer Arbeiter-Herkunft nicht unbedingt den Zugang zur Kunst in die Wiege gelegt gekriegt. Und dann ist die Beschäftigung mit Kunst in der Pubertät und danach auch ein Mittel, um sich von seiner sozialen Herkunft zu befreien und vor allem zu sehen, dass es auch noch etwas Anderes gibt. Das hat mich sehr beeindruckt und sehr geprägt und sehr angezogen als Jugendlicher. Die bildende Kunst, das Theater, selbst heute verpönte Sachen wie Pantomime – ich fand das alles sehr reizvoll und habe gemerkt: Da ist etwas, von dem die Herkunft keine Ahnung hat.

"Lügen, Legenden, Familienbla" – das ist eine wiederkehrende Wendung in Ihrem Roman. "Serpentinen" handelt ja genau von diesem familiären Geschichtengespinst, das jeder auf andere Weise kennt. Unter anderem, weil das "Familienbla" die nationalsozialistische Vergangenheit der eigenen Sippe wortreich beschweigt. Das weiß Ihr Erzähler, und der entwickelt einen regelrechten Nazi-Tick. Er sieht überall Nazis.

Ja, richtig, aber es sind ja auch überall Nazis. Darin entspricht mir mein Erzähler. Das ist so eine halbironische Beschreibung meiner eigenen Weltwahrnehmung.

Ihr Roman ist schon als "BRD Noir" beschrieben worden. Können Sie damit was anfangen?

Ja, durchaus. Ich finde ihn gar nicht so schlecht, weil er auf den Punkt bringt, dass auch die 1980er im Westen Deutschlands, in der Bundesrepublik, nicht unbedingt eitel Sonnenschein waren und die Jahrzehnte davor schon gar nicht. Es wird ja im wiedervereinigten Deutschland immer so getan, als ob alles Schlimme vor 1989 in der DDR stattgefunden hat. Das stimmt ja überhaupt nicht. Diese beiden Landesteile waren sich vor 89 in sehr vielen Punkten auf sehr gruselige Weise ähnlich. Von daher finde ich den Begriff "BRD Noir" tatsächlich passend.

Bov Bjergs Roman "Serpentinen“ erscheint heute bei Claassen.

© Claassen/ Montage BR

Cover Bov Bjerg: "Serpentinen"

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