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So dreist vertuschte Berlinale-Gründer Bauer seine NS-Karriere | BR24

© Picture Alliance

Alfred Bauer (Mitte) mit Mario Adorf (li.) und Horst Buchholz

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    So dreist vertuschte Berlinale-Gründer Bauer seine NS-Karriere

    Er war ein "ausgesprochener Opportunist" und in der Nazi-Zeit ein bestens informierter Film-Funktionär. Nach dem Krieg, so das Institut für Zeitgeschichte, nutzte Alfred Bauer die "chaotischen" Verhältnisse, um sich als Regime-Gegner zu inszenieren.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Der seit 1987 alljährlich verliehene "Alfred-Bauer-Preis" der Berlinale wurde in diesem Jahr gestrichen – aus gutem Grund: Der erste Leiter der Berliner Filmfestspiele war unter Nazi-Verdacht geraten. Angeblich, so im Februar die Gerüchte, hatte der gebürtige Würzburger, der 1986 starb, seine Rolle als Referent in der NS-Reichsfilmintendanz in der Nachkriegszeit systematisch verschleiert. "Bauer war über die gesamten Abläufe und Vorgänge in der deutschen Filmindustrie bestens informiert", so das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in seiner Studie im Auftrag der Berlinale, die dem BR vorliegt.

    Demnach "bewährte" sich der Mann aus Sicht seines Vorgesetzten, des SS-Obergruppenführers Hans Hinkel sogar so sehr, dass er nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde und stattdessen eine Gehaltserhöhung bekam. Ungeachtet seiner herausgehobenen Vertrauensstellung unter den Nazis schrieb Bauer dem Berliner Magistrat schon im Februar 1946: "Da ich mich dem Film seit zwanzig Jahren mit Herz und Seele verschrieben habe, habe ich auch in meinem Beruf dem Film niemals um der Nazi-Politik willen, sondern um des Filmes als solchen willen gedient."

    Dreiste Verteidigungsstrategie bei Entnazifizierung

    Schon eine Woche nach dem Ende der NS-Herrschaft am 15. Mai 1945 bat der umtriebige und überaus ehrgeizige Bauer das Kulturamt Charlottenburg um eine "Beschäftigung im Kulturbereich", bereits einen Monat später wollte er sich nach eigenen Worten vom seiner Meinung nach "völlig unbegründeten Nazi-Schein endgültig befreien", obwohl er jahrelang enger Mitarbeiter der Chefs der NS-Reichsfilmintendanz war. In seinem zweijährigen Entnazifizierungsverfahren, das erst im Mai 1947 endete, behauptete Bauer dreist, er sei auf seinem einflussreichen Posten geblieben, "um Schlimmeres zu verhindern". Er sei nämlich der einzige gewesen, an den sich Schauspieler in Not "mit Rat und Tat" wenden konnten.

    © Brüchmann/Picture Alliance

    Publikum auf der Berlinale 1955

    Bauer verschwieg seine Mitgliedschaft in der Würzburger SA und behauptete wie viele andere Mitläufer, "zwangsweise" in die NSDAP eingetreten zu sein. In der Studie heißt es, schon die Mitglieder der Entnazifizierungskommission hätten zahlreiche "Widersprüche, Verschleierungsversuche, Lügen und Halbwahrheiten" aufgedeckt, was Bauers Verfahren erheblich in die Länge gezogen habe. Bauer habe sich schließlich "absichtlich im Hintergrund" gehalten, um "nicht unnötig Aufmerksamkeit auf seine Tätigkeiten" in der NS-Zeit zu lenken. Dieser Plan ging auch deshalb besonders gut auf, weil Berlin an der Nahtstelle zwischen Ost und West ganz und gar vom Kalten Krieg geprägt war und 1951, bei der ersten Berlinale, kaum jemand Interesse hatte, "alte Geschichten" aufzudecken. In der Berichterstattung der Zeit kommt Bauer überhaupt nicht vor – wie auch nicht auf damaligen Pressefotos.

    Vor 1945 nur ein "kleines Licht"?

    Pikant dabei: Ein Konkurrent von Alfred Bauer um die Leitung der Filmfestspiele, Oswald Cammann, musste seine Ämter in der frühen bundesdeutschen Filmwirtschaft ruhen lassen, nachdem bekannt geworden war, dass er in der NS-Reichsfilmkammer tätig gewesen war. Bauer profitierte davon, obwohl er selbst mindestens ebenso belastet war. Nicht genug damit: Aus "sicherer Entfernung" zur Gründungsphase der Berlinale, nämlich erst in den 1970er Jahren, behauptete Bauer sogar, er habe das Festival aus der Taufe gehoben, obwohl dieses Verdienst dem amerikanischen Filmoffizier Oscar Martay zukommt. Dieser wiederum begründete seine Rückendeckung für Bauer mit den Worten: "Lasst mich machen, ich rede euch auch nicht in eure Jobs. Bauer war vor '45 nur ein kleines Licht."

    © AKG/Picture Alliance

    Großer Auftrieb: Kino am Kurfürstendamm

    "Bauer war ein idealtypischer Repräsentant des jungen, ambitionierten NS-Filmfunktionärs", urteilt der Verfasser der Studie, Tobias Hof: "Er war nicht nur ein wichtiger Funktionär innerhalb der Reichsfilmintendanz (RFI), sondern er war auch umfassend über die Tätigkeiten der RFI informiert und spielte im Bereich der Produktionsplanung eine herausragende Rolle. Vergegenwärtigt man sich die Bedeutung der RFI innerhalb des deutschen Filmwesens während des 'Dritten Reichs', so kann bereits auf der jetzigen Quellenlage festgestellt werden, dass Bauer einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Funktionieren des deutschen Filmwesens innerhalb der NS-Diktatur und damit zur Stabilisierung und Legitimierung der NS-Herrschaft leistete."

    Wie viel Entscheidungsspielraum hatte Bauer?

    Schwierig sei es allerdings, Aussagen über Bauers "persönliche Entscheidungskompetenz" zu machen. Viele Akten seien im Bombenkrieg vernichtet worden. Studien über andere Funktionäre und Beamte im NS-Regime hätten jedoch gezeigt, dass auch Funktionäre wie Bauer "Einfluss auf Entscheidungen nehmen konnten". Gedeckt durch ihre Vorgesetzten hätten sie im Rahmen der Vorgaben "eigene Spielräume" gehabt, konnten sich später jedoch mit dem Hinweis, ihre Vorgesetzten hätten "die Richtlinien bestimmt", der politischen Verantwortung entziehen.

    © Geisler-Fotopress/Picture Alliance

    Berlinale-Empfang 1951

    Vielsagend ist ein Gutachten des zuständigen NS-Ortsgruppenleiters über Bauers Charakter. Demnach sei der Mann ein "bescheidener, anspruchsloser Mensch" und "sittlich und moralisch einwandfrei". Wie das damals zu verstehen war, wird aus dem Hinweis deutlich, Bauer sei zudem "ein eifriger SA-Mann" und habe stets die Versammlungen besucht: "Seine politische Einstellung ist einwandfrei, und es wird auch weiterhin von ihm sein voller Einsatz für Staat und Bewegung erwartet". Dass er am 31. Juli 1943 aus der NSDAP austrat, wie Bauer behauptet, ist jedenfalls nicht zutreffend, vielmehr zahlte er lediglich keine Beiträge mehr – "womöglich aus materiellen Beweggründen", wie Tobias Hof schreibt.

    Berlinale: Erkenntnisse sind "bestürzend"

    Der ganze Vorgang wirft kein günstiges Licht auf die Berlinale, die erst jetzt die historische Belastung ihres Gründungsdirektors aufklären ließ, obwohl es schon lange Hinweise darauf gab. Geschäftsführerin Mariette Riessenbeek nannte die Erkenntnisse "bestürzend". Letztlich geht es aber wohl weniger um Alfred Bauer persönlich, als um seine ganze Generation, die sich zwischen Karriere und Anpassung entscheiden musste. Dies ist den Nachgeborenen erspart geblieben, weshalb sie mitunter vorschnell urteilen und verurteilen. Umso wichtiger, dass in diesem Fall eine sorgfältige Studie nun alle Aspekte beleuchtet und ausreichend Platz lässt für unterschiedliche Meinungen zum beruflichen Lebensweg von Alfred Bauer.

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