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So attackiert Böhmermann das Geschäft der Online-Spielcasinos | BR24

© Tom Wagner/BR Bild

Jan Böhmermann

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    So attackiert Böhmermann das Geschäft der Online-Spielcasinos

    Der ZDF-Satiriker bleibt sich treu: Auch in seiner dritten Sendung widmet er einem heiklen Thema viel Sendezeit. Diesmal ging es um das Milliardengeschäft der Internet-Spielhallen, eine Sause auf Sylt, einen Mordfall auf Malta und ein neues Gesetz.

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    Voraussichtlich ab Mitte kommenden Jahres wird das Online-Zocken in ganz Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen wie einem monatlichen Maximaleinsatz von 1.000 Euro völlig legal sein - so jedenfalls sieht es ein neuer "Glückspielstaatsvertrag" vor, den sich alle 16 Länder vorgenommen haben. Bereits seit 15. Oktober dieses Jahres gilt für die milliardenschwere Industrie eine Art "Duldungsphase", in der sie sich "bewähren" soll und nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird, solange sie bestimmte Regeln einhält. Deren Kontrolle ist jedoch weitgehend ungeklärt. Gleichwohl würde mit der jetzt ins Auge gefassten Neuregelung das Geschäft der Online-Casinos endlich aus einer rechtlichen "Grauzone" geholt. Anlass für ZDF-Moderator Jan Böhmermann ("Magazin Royale"), sich in seiner Sendung ausführlich mit der Branche zu beschäftigen - was die allerdings kaum begrüßen dürfte.

    "Knossi" und Baxxter als umstrittene Werbefiguren

    Gleich zu Beginn verwies Böhmermann darauf, dass "38 Prozent aller Deutschen" gelegentlich Spieleinsätze riskieren, ein zugeschalteter Experte schätzte die Zahl derjenigen, die süchtig sind nach Glücksspielen oder zumindest damit Probleme haben, auf rund 500.000. Illustriert wurde das mit Fernseh-Spots vom Glücksspiel-Anbieter "Hyperino", eine Firma, für die "Scooter"-Frontmann H.P. Baxxter wirbt. Auch der vor allem bei jüngeren Altersgruppen sehr bekannte Online-Zocker Jens "Knossi" Knossalla, der auf der Plattform "Twitch" regelmäßig zu sehen ist und dort 1,5 Millionen Follower haben soll, durfte sich vor den Walzen eines Automaten, wie bei ihm üblich, die Seele aus dem Leib schreien.

    Herbe verspottet wurden "Social Casinos", also Internet-Spielbanken, bei denen es zwar nicht um "echtes Geld" geht, sondern um Punkte, Sachpreise oder Verlosungen, die aber dennoch als "Einstiegsdroge" von Zockern gelten.

    © Ben Knabe/ZDF

    Seriös verpackt: Böhmermann

    Böhmermann kam darauf zu sprechen, dass Schleswig-Holstein 2011 kurzzeitig das Online-Spielen legalisierte, allerdings nur für Bürger im eigenen Land. Diese Regel wird seitdem jedoch systematisch umgangen, da viele Zocker bei der Anmeldung einfach falsche Angaben über ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort machen. Nur so ist es möglich, dass rund vier Millionen Deutsche bei diversen Plattformen angemeldet sind, obwohl Schleswig-Holstein nur knapp 2,9 Millionen Einwohner hat.

    Die von Anfang 2012 bis Februar 2013 erteilten Lizenzen gelten bis heute, was von EU-Gerichten auch bestätigt wurde. Kurz bevor damals Internet-Einsätze in Schleswig-Holstein möglich wurden, gab es eine "Sponsoren-Veranstaltung" auf Sylt, so der Moderator, und blendete ein Zitat aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 5. April 2011 ein, wonach das Event in einem "Fünf-Sterne-Hotel" stattfand. Mit dabei: FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, der damalige starke Mann der CDU im hohen Norden, Christian von Boetticher und Boris Becker - mit den, wie es Böhmermann ausdrückte, "leeren Taschen von Wimbledon".

    "Nie Zusammenhänge, nur Zufälle"

    Nur ein halbes Jahr nach der "unverbindlichen Gedanken-Austauscherei im Sylter Luxushotel, bezahlt von der Glücksspielindustrie", so der Satiriker, habe die Kieler CDU/FDP-Regierungskoalition das Gesetz zur Neuordnung des Glücksspiels beschlossen, das in Deutschland erstmals den Weg bahnte für legale Online-Casinos. Die Beteiligten wehrten sich übrigens mit der Begründung, von Einflussnahme habe keine Rede sein können, "weil sie ja ohnehin schon vorher dasselbe" gewollt hätten wie die Sponsoren. Böhmermann: "In juristischen Grauzonen gibt es nie Zusammenhänge, nur glückliche Zufälle.“

    © Christophe Gateau/BR Bild

    Große Augen

    Nicht unerwähnt blieb, dass "Hyperino" seinen Firmensitz wie die meisten Online-Casinos auf der „dritt zwielichtigsten Insel der Welt nach Sylt und Love Island" habe, nämlich Malta. Dort gebe es "günstige Steuern und nicht so viele nervige Kontrollen“. Seinen Auftritt hatte auch Tony Axisa, Berater der Firma "Cybergaming Consultants", der nach Einschätzung des "Organized Crime and Corruption Reporting Project" (OORCP) Verbindungen zur italienischen Mafia haben soll.

    Ermordete Journalistin recherchierte

    Böhmermann beschrieb Axisa als "Mann, der aussieht wie ein ‚Sopranos‘-Nebendarsteller, gefangen im Körper eines Drittklässlers mit Haarausfall" und verwies darauf, dass der jetzige Berater der Zocker-Branche zuvor in der maltesischen Behörde für Glücksspiel gearbeitet und den dort gültigen Staatsvertrag mit verfasst habe. In dieser Angelegenheit habe auch die am 16. Oktober 2017 durch eine Autobombe ermordete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia recherchiert.

    Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU) hatte Mitte Oktober gesagt, sie halte es für bedauerlich, dass die Bundesländer in Sachen Online-Glücksspiel eine Liberalisierung anstreben: "Die Länder dürften im Moment kaum in der Lage sein, die neuen Spielregeln mit der gebotenen Konsequenz zu vollziehen." Auch der Fachbeirat Glücksspielsucht, der die Bundesländer beim Thema Glücksspiel beraten soll, hatte die Duldung mehrfach kritisiert.

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