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So arbeitet Indiens Meister-Architekt Balkrishna Doshi | BR24

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Er hat es geschafft, die Reichen und die Mittelschicht unter einem Dach zu vereinen: Der indische Architekt Balkrishna Doshi steht für eine "dynamische" Bauweise mit lokalen Materialien, errichtet von örtlichen Handwerkern. Das "klingt" wie Indien.

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So arbeitet Indiens Meister-Architekt Balkrishna Doshi

Er hat es geschafft, die Reichen und die Mittelschicht unter einem Dach zu vereinen: Der indische Architekt Balkrishna Doshi steht für eine "dynamische" Bauweise mit lokalen Materialien, errichtet von örtlichen Handwerkern. Das "klingt" wie Indien.

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Betont eng ist der Eingang zu dieser Ausstellung im Architekturmuseum in der Münchner Pinakothek der Moderne gehalten, man betritt sie gleichermaßen durch ein Nadelöhr und befindet sich dann im nachempfundenen Wohnzimmer des Architekten. Der Besucher steht in der Diele, die eins zu eins den Proportionen innerhalb des immer wieder umgebauten und erweiterten Hauses von Balkrishna Doshi im westindischen Ahmedabad entspricht. Links öffnet sich ein weiter lichter Raum, als plakatgroßes Foto geschickt in die Ausstellungs-Architektur integriert. Indische Musik ist zu hören, und auf einem Kanapee, das an der Schwelle zwischen Flur und Wohnzimmer steht, kann man Platz nehmen.

Kuratorin Khushnu Panthaki Hoof, eine Nichte des inzwischen 92jährigen Architekten, hat die Wanderausstellung diesmal so konzipiert, dass man sich im Doshi-Universum sofort Zuhause fühlt. Auf die imaginierten eigenen vier Wände des Baumeisters folgen einige der Wohnprojekte, die er im Laufe seiner Karriere in Indien geplant und gebaut hat, darunter so wegweisende Entwicklungen wie das LIC Mixed Income Housing in Ahmedabad, das 1973 für die Angestellten einer Versicherungsgesellschaft entstand.

© Iwan Baan/Pinakothek der Moderne

Außenansicht von Sangath

Einkommensunterschiede spielen keine Rolle mehr

Kuratorin Khushnu erzählt, was die Anlage so besonders macht: "Mein Großvater sollte dort drei verschiedene Arten von Einheiten bauen – für die Manager, für die leitenden Angestellten und für das einfache Personal. Er meinte, er wolle diese Trennung nach Einkommensklassen nicht und hat dann alles in einen Topf geworfen. Heraus kam dabei eine Ansammlung von dreistöckigen Häusern in Pyramidenform. Die größte und komfortabelste Wohnung ist immer unten, darüber eine deutlich kleinere und ganz oben eine sehr kleine für die Arbeiter. Sie alle benutzen dieselbe Treppe. Nach der Fertigstellung stand die Anlage zwei Jahre leer, weil keiner dort wohnen wollte. Die Idee, dass die Manager in einem Haus mit jenen wohnen, die deutlich weniger verdienen, war zuerst allen unangenehm. Inzwischen leben dort aber 95% der Mitarbeiter des Konzerns und wollen den Ort nicht mehr verlassen. Sie genießen es, eine große Gemeinschaft zu sein. Die Einkommensunterschiede, die natürlich existieren, spielen keine Rolle mehr."

Balkrishna Doshi, der leider nicht nach München kommt, hat bei der letzten Station der Wanderausstellung im Vitra Design Museum erklärt, was seine Architektur ausmacht: "Mein familiärer Hintergrund ist ziemlich ungewöhnlich, ich wurde in eine ausufernd große Familie geboren, die ständig in neuen Konstellationen zusammenlebte, die denselben Raum immer wieder anders nutzte."

© Pinakothek der Moderne

Magisches Licht: Bibliothek Kamala, Untergeschoss

Menschenfreundliche Architektur

Architektur sei für ihn nicht statisch, sagt Balkrishna Doshi, sondern dynamisch und fließend. Seine Prinzipien lauten: Lokale Materialien, lokale Handwerker und eine Bauweise, die zum Klima einer Region passe. Ein Gebäude müsse außerdem die jeweilige Kultur vor Ort berücksichtigen sowie auf wirtschaftliche und technische Entwicklungen reagieren können.

Der Pritzker-Preisträger propagiert eine offene, menschenfreundliche Architektur, die Grenzen überwindet – und dabei das soziale Umfeld nie aus dem Blick verliert. All das ist jetzt in München zu erleben, mit vielen großen Fotos, Modellen, vergrößerten Plänen, einem Architektur-Baukasten und in räumlichen Installationen wie am Eingang oder dann auch im letzten Raum der Ausstellung: Dort kann man den Nachbau eines der langen Tonnengewölbe betreten, aus denen Doshis aktuelles Büro besteht. Die weißen Betonröhren erinnern an die Dächer der ältesten buddhistischen Höhlenklöster. Und auch da ist wieder ist klassische Musik aus Indien zu hören.

Bis 19. Januar 2020 im Architekturmuseum München in der Pinakothek der Moderne.

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