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So ätzte Jan Böhmermann über die Coburger Familie Stoschek | BR24

© Matthias Balk/BR Bild

Jan Böhmermann

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    So ätzte Jan Böhmermann über die Coburger Familie Stoschek

    In seiner ersten Satire-Show im ZDF-Hauptprogramm knöpfte sich der Star-Moderator Unternehmer-Familien mit NS-Vergangenheit vor. Es brauche gar keine Verschwörungstheorien, so sein Fazit, für "die Reichen" laufe es auch so ganz prima.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Das dürfte in Coburg zumindest in der dortigen Unternehmer-Dynastie Stoschek (Brose Fahrzeugteile) für wenig Begeisterung gesorgt haben: In seiner ersten Sendung "Magazin Royale" im ZDF-Hauptprogramm machte Satiriker Jan Böhmermann genüsslich die bereits seit langem bekannten NS-Verstrickungen der Familie zum Thema: Der Großvater des heutigen Firmeninhabers Michael Stoschek, Max Brose, war während der NS-Zeit "Wehrwirtschaftsführer", NSDAP-Mitglied, bis 1943 Präsident der IHK Coburg und soll Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Er wurde in seinem Entnazifizierungsverfahren zunächst als "Minderbelasteter", dann als "Mitläufer" eingestuft. Um eine "Max-Brose-Straße" in Coburg, an deren Hausnummer 1 die Firma ihren Sitz hat, gibt es seit vielen Jahren Streit, gleichwohl hatte der Stadtrat 2015 die entsprechende Umwidmung des Straßennamens bestätigt.

    Auch Attacke auf Julia Stoschek

    Böhmermann ätzte, ohne das finanzielle Engagement von Michael Stoschek wäre "Coburg so was wie Dinslaken". Der Moderator kam auch auf die Kunstsammlerin Julia Stoschek zu sprechen, Tochter des jetzigen Unternehmenschefs, die in Berlin für Aufsehen gesorgt hatte, nachdem sie sich über eine Mieterhöhung auf 2,78 Euro pro Quadratmeter für ihre bundeseigenen Geschäftsräume beschwert hatte. Sie drohte im Mai mit der Abwanderung ihrer Videokunst-Kollektion, woraufhin Berlins Kultursenator Klaus Lederer prompt "das Gespräch" mit ihr suchte. Und weil das Thema von Böhmermanns Sendung die "große Verschwörung" war, fragte er die Zuschauer, warum die Zeitungen des Springer-Konzerns darüber nicht berichtet hätten. Julia Stoschek hat mit Vorstandschef Matthias Döpfner einen gemeinsamen Sohn.

    © Jens Koch/BR Bild

    Jetzt im Hauptprogramm: Böhmermann im Studio

    Bei seiner ersten Sendung im ZDF-Hauptprogramm meldete sich Jan Böhmermann "live aus der Friedrich-Merz-Arena in Pennsylvania". Bisher war der Satiriker im Spartensender ZDFneo zu sehen gewesen. Zum Neustart vor größerem Publikum äußerten sich immerhin so illustre Politiker wie der österreichische "Rechtsaußen" Heinz-Christian Strache, FDP-Chef Christian Lindner und der bayerische AfD-Politiker Petr Bystron. Sie alle hatten recht unterschiedliche Erwartungen. Bystron sagte, er hätte lieber einen "rechteren" Talker bevorzugt, er nannte als Beispiel Harald Schmidt. Nach der Sendung sagte Bystron dem BR, Böhmermann habe "schon genug Reichweite über Twitter", das öffentlich-rechtliche Fernsehen solle ihm keine weitere verschaffen, da er "eher ein linker Aktivist als ein Comedian" sei.

    "Arschbombe in die Wirklichkeit"

    Böhmermann versteht seine Show nach eigener Aussage als "ganz langen Gute-Nacht-Kuss", leerte zur Beruhigung gleich ein halbes Glas Rotwein auf ex und führte dann krawattenfrei durch die halbe Stunde, ganz "in der Tradition von Gerhard Löwenthal", einem einst sehr bekannten, betont konservativen Polit-Moderator des ZDF. Begleitet von den Klängen eines Theremins, dem elektronischen Instrument, das in Hitchcocks Thriller "Ich kämpfe um Dich" (1945) für den nötigen Grusel sorgte, nahm sich Böhmermann den Messenger-Dienst Telegram vor. Verfassungsschutz und Polizei hätten "keine Ahnung", was dort passiere. Es herrsche "Balla-Balla-Karneval" von Extremisten. Um den "testweise" mitzumachen, habe er eine "Arschbombe in die Wirklichkeit" riskiert, so Böhmermann und viele "Yogi-Tee-Sprüche" verbreitet. Bereits "100.000 Querdenker und andere Schlauberger" folgten ihm inzwischen bei Telegram.

    © Jens Koch/BR Bild

    Blick nach links: Böhmermann

    Manche Telegram-Nutzer finden Böhmermanns dortige Präsenz offenkundig gar nicht lustig. In einem der gezeigten User-Kommentare heißt es: "Der Bolschewik soll sich wieder zu Twitter verzwitschern." Daran dürfte sich der Talker kaum halten. Ganz im Gegenteil, er machte den inzwischen recht unübersichtlichen Verschwörungs-Markt zum Hauptthema. So war zu erfahren, dass Super-Milliardär Bill Gates ein "Trampolinzimmer mit einer sieben Meter hohen Decke" sein eigen nennt, Amazon-Gründer Jeff Bezos allein am 20. Juli 2020 angeblich "dreizehn Milliarden Dollar" verdient hat und damit in "einer Sekunde mehr Geld angehäuft hat als ein durchschnittlicher amerikanischer Amazon-Mitarbeiter in fünf Jahren".

    "Es läuft auch so für die Reichen"

    Überhaupt ließ Böhmermann kaum eine reiche Familie aus: Lufthansa-Investor Heinz-Hermann Thile wurde ebenso genannt wie Lidl-Chef Dieter Schwarz und BMW-Miteigentümerin Susanne Klatten. Deren 2015 verstorbene Mutter Johanna Quandt, einst Großspenderin für die CDU, sagte in einer Einspielung: "Wir leben völlig normal, wie viele andere Familien auch." Dass sich Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt trotz Pandemie in diesem Jahr 770 Millionen Euro Dividende gönnten, blieb nicht unerwähnt. Auch die NS-Belastungen der Familie Quandt waren Thema, ebenso wie die "braunen" Flecken in der Firmengeschichte der Brenninkmeyers (C & A) und Reimanns (Jacobs Kaffee, Kukident, Wella). Böhmermanns Fazit: "Es braucht keine Verschwörung, es läuft auch so für die Reichen."

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