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Entschieden politischer Rock: Das neue Album von Sleaford Mods | BR24

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Jason Williamson: "Ich schreibe über das, was um mich herum passiert – was mich wütend macht."

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Entschieden politischer Rock: Das neue Album von Sleaford Mods

Rock-Musik mit politischer Botschaft ist selten geworden, vielleicht weil das gesellschaftliche Klima ohnehin schon so aufgeheizt ist. Die Ausnahme: Das britische Duo Sleaford Mods, das seinem politischen Unmut auf "Spare Ribs" lautstark Luft macht.

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Von
  • Marcel Anders

"Ich schreibe über das, was um mich herum passiert – was mich wütend macht", sagt Sänger Jason Williamson und meint damit ganz alltägliche Dinge, die gern übersehen oder unter den Teppich gekehrt werden. "Da wird mir wohl nie der Stoff ausgehen. Zumal es auch therapeutisch ist, wenn ich mich mit Dingen befasse, die mich sauer machen."

In diesem Fall sind vor allem Themen aus dem "Seuchenjahr 2020" wie der leidige Brexit, das desaströse Corona-Management von Boris Johnson, der Hass in den Sozialen Medien oder der menschenverachtende Turbokapitalismus, der uns alle – so Williamson – zu "Spare Ribs" macht: zu Schweinerippchen, die gezüchtet, abgenagt und entsorgt werden.

Menschen: "Kanonenfutter für die Wirtschaft"

"Für die Wirtschaft sind wir reines Kanonenfutter", erklärt der Musiker und verweist auf die Anzahl der Menschen, die in Großbritannien wegen der Unfähigkeit der Regierung bereits gestorben sind. Dasselbe treffe aber auch auf die Zeit vor der Pandemie zu oder, noch allgemeiner, auf den Kapitalismus überhaupt. "Deshalb hielt ich das für den passenden Albumtitel. Vielleicht ist er ein bisschen extrem, aber er basiert auf einer interessanten Beobachtung."

Bitterböse Momentaufnahmen sind so entstanden, die wenig Investigatives haben, doch die Art, wie Williamson sich ihnen nähert, ist einmalig: nicht intellektuell, nicht sachlich, sondern zynisch, bissig und sehr emotional – mit breitem Midlands-Akzent und jeder Menge Profanität. So als würde er sich im lokalen Pub Luft verschaffen.

Der Versuch: richtiger Gesang

Dennoch sind die Sleaford Mods auch anspruchsvoller geworden. Auf ihrem elften Album besteht die Musik nicht mehr aus monotonen Elektro-Punkbeats als Klangteppich für die Texte, es tauchen auch Gitarren, Schlagzeug und Keyboards auf, dazu Anleihen bei New Wave, Synthie-Pop und TripHop. Eine echte Bereicherung.

Und auch Williamson bemüht sich mit Anfang 50 erstmals um richtigen Gesang: "Ich versuche, das weiter voranzutreiben. Und weil Andrew sich mehr zutraut, ermutigt das auch mich. Sein anspruchsvoller Kram verlangt auch von mir, dass ich mitziehe. Dass ich nicht nur diesen wütenden Typen gebe, der wild rumflucht."

Die Texte: verbales Dynamit

"Spare Ribs" ist das bislang reifste Werk des Duos, weil die 13 Stücke auch überraschende musikalische Akzente setzen und die Balance aus Wort und Rhythmus stimmiger ist. Williamsons Texte sind dagegen nach wie vor verbales Dynamit, sie wollen den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft den Kopf waschen und verfolgen ein hehres Ziel: das Leben auf der Insel durch klare, direkte Worte zumindest ein bisschen wahrhaftiger zu machen. Dafür, so Williamson, sei Musik das perfekte Medium.

In die Politik zu wechseln, traut sich der zweifache Familienvater dagegen nicht zu: "Ich würde da keine zwei Minuten durchhalten", gibt er zu. "Gerade im britischen Unterhaus, in dem all diese elitären Geldsäcke sitzen. Ich würde über Tische und Bänke fliegen, sie würden mit dem Hammer auf mich losgehen – und ich müsste mich mit Waffen verteidigen."

"Spare Ribs" von Sleaford Mods ist bei Indigo erschienen.

© Sleaford Mods
Bildrechte: Sleaford Mods

Das Cover von Sleaford Mods' neuem Album "Spare Ribs"

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