Karen Duve ist selbst Reiterin, und erzählt von Sisis großer Leidenschaft für den Pferdesport

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"Sisi" - Karen Duves Roman über Kaiserin Elisabeth

"Sisi" - Karen Duves Roman über Kaiserin Elisabeth

Einmal mehr erzählt die Schriftstellerin eine Lebensgeschichte aus dem 19. Jahrhundert. Und erinnert unter anderem daran, dass Elisabeth eine begnadete Reiterin gewesen ist und die Jagd zu Pferd über alles liebte. Je wilder, desto besser!

Ein Königreich für ein Pferd: Shakespeares Worte könnten eigentlich ihr Leitspruch sein. Kaiserin Elisabeth von Österreich – „Sisi“ – war eine verdammt gute Reiterin, liebte schnelle Pferde und ebenso wilde Jagden. Nur deshalb, als Extremsportlerin, wurde sie zur Hauptfigur im Roman von Karen Duve. Die Schriftstellerin, selbst Reiterin, wollte über Pferde schreiben, nicht über den Hochadel.

"Ich habe nicht direkt nach ihr gesucht", sagt Karen Duve im Interview. "Sie hat sich Zirkus-Reiter aus den Zirkussen einbestellt, für Wochen, bei sich – dass sie dann Unterricht bei denen genommen hat. Sie hatte natürlich die Spanische Hofreitschule vor der Tür. Was auch immer sie mit Pferden angefangen hat, alle waren begeistert, wie begabt sie ist. Sie war eine Perfektionistin, die auch geübt, geübt und geübt hat."

Sie schimmert wie ein Paillettenkleid

Der Roman „Sisi“ beginnt im Frühjahr 1876 in England, mit den Vorbereitungen – eben – für eine fordernde Jagd zu Pferd. Wien, Kaiser Franz Joseph und der Hof sind weit weg – England, so erfährt man schnell, ist für Elisabeth ein Sehnsuchtsland. Karen Duve folgt der Kaiserin und ihrem Hofstaat zwei knappe Jahre, von der Insel auf den Kontinent, in die Hauptstadt des Habsburger Reiches, ins ungarische Gödöllö, an den Starnberger See, nach München. Nicht nur zu Pferd ist die Hauptfigur beständig in Bewegung.

"Ich lass sie ein bisschen – wie ein Paillettenkleid, würde ich sagen – glitzern und schimmern", erklärt die Schriftstellerin. In jeder Situation, von der sie erzählt, sind drei bis vier Leute zugegen. "Und jeder erzählt das ein wenig anders. Teilweise erzählt der eine auch das Gegenteil von dem, was der andere gesagt hat, weil ich es auch so vorgefunden habe. Und versuche, ihr damit so nahe zu kommen, dass zwischen diesen meinungsgefärbten Berichten vielleicht hin und wieder mal die Wahrheit aufschimmern kann."

Viele Stimmen und Disharmonie

Karen Duve stützt sich auf historische Quellen und Berichte wie die Tagebücher von Elisabeths stets ergebener Hofdame Marie Festetetics. Der Roman „Sisi“ will ein Chor in Stimmen sein. Es sind viele, selbst eine Frau wie die Wienerin Anna Heiduck, heimliche Geliebte von Kaiser Franz Joseph, wirkt mit an dieser disharmonischen Vielstimmigkeit. Oder der Engländer Middleton, mehr als nur ein Reitpartner. Schließlich Rustimo, ein schwarzer Jugendlicher, der zum Gefolge gehört und in Feldafing auf die Dorfschule geschickt wird. Die adelige wie auch die ländliche Gesellschaft begegnet ihm mit einer Fülle rassistischer Zuschreibungen.

"Das ist ein merkwürdiger Job, den er gehabt hat", so Karen Duve. "Als Deko-Person hinterher zu laufen, vorher zu laufen, als Provokation die Leute ein bisschen aufzumischen und nie genau zu wissen: Achtet mich diese Frau jetzt? Und gleichzeitig – bei allem, was aus heutiger Sicht respektlos ist, hat die ihm auch eine Ausbildung verschafft, hat ihm Unterricht gegeben, in der Sprache, Schreiben, Rechnen und hat ihn auch bezahlt und später auch mit einer Abfindung entlassen."

Weder Kitsch noch Verklärung

Die verschiedenen Stimmen und Perspektiven bewirken, dass die Hauptfigur – ewig langes Haar, leicht verfärbte Zähne, immer wieder depressiv – weder kitschig noch verklärt betrachtet wird. Es gibt peinlichste Momente, etwa einen Besuch bei Queen Victoria. Und es gibt Episoden, die von Härte und Unerbittlichkeit künden, etwa mit Blick auf die Lieblingsnichte Ihrer Majestät, Marie Louise Baronesse von Wallersee. Sie vergöttert ihre Tante und wird gleichzeitig von dieser dressiert und schließlich zu einem ungeliebten Ehe-Arrangement verdonnert.

"Es war ganz schön, jemanden dabei zu haben, die ein bisschen gegrollt hat mit ihrer kaiserlichen Tante", sagt Karen Duve. Eine Figur, die im Nachhinein gedacht habe, da ist mir nicht unbedingt immer recht geschehen – ob sie selber damit recht hat oder nicht. "Während die anderen Personen oftmals regelrecht verstrahlt waren. Die haben angefangen zu sabbern – hätte ich fast gesagt (lacht) – wenn sie in ihre Nähe kamen. Ihre Hofdame hat sie über alles verehrt."

Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

Auch wenn sich Karen Duves Roman auf knapp zwei Jahre und eine prominente historische Figur und ihr unmittelbares Umfeld konzentriert: „Sisi“ ist ebenso ein Roman über das 19. Jahrhundert. Im Hintergrund der höfischen Dramen vollziehen sich Entwicklungen, die bis heute nachwirken, etwa Russlands kriegerische Expansionspolitik. Eine Welt im tiefen Wandel. Und eine Kaiserin, die allem am liebsten davon galoppieren will. Wir sollten ihr – mit Karen Duves Prosa – unbedingt folgen. Auch wenn wir die kühne Reiterin nicht einholen werden. Und sie uns sowieso entschwindet.

Karen Duves Roman "Sisi" erscheint am 22. September im Galiani-Verlag. Eine Lesung aus dem Roman ist am Sonntag, 25.9., um 12.30 Uhr in den radioTexten auf Bayern 2 zu hören. Sowie ab Samstag, 24.9., im Podcast.

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