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Siri Hustvedt verarbeitet ihre Beinahe-Vergewaltigung | BR24

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"Damals" - so heißt der neue Roman von Siri Hustvedt. Sie geht darin unter anderem einem 40 Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis auf den Grund. Klug, komplex und tiefschürfend ist auch ihr Essayband, der parallel zu dem Roman erscheint.

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Siri Hustvedt verarbeitet ihre Beinahe-Vergewaltigung

"Damals" - so heißt der neue Roman von Siri Hustvedt. Sie geht darin unter anderem einem 40 Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis auf den Grund. Klug, komplex und tiefschürfend ist auch ihr Essayband, der parallel zu dem Roman erscheint.

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Siri Hustvedt ist 23 Jahre alt. Sie kommt nach New York, um Literaturwissenschaft zu studieren, gibt sich zuvor aber ein Jahr - "für die Suche nach Abenteuern" und um an einem Roman über einen jungen Detektiv zu arbeiten, der von Sherlock Holmes und der Welt logischer Schlussfolgerungen begeistert ist. Siri Hustvedt führt in dieser Zeit ein Tagebuch, dass sie 40 Jahre später wiederfinden wird und aus dem sie in ihrem neuen Roman "Damals" ausführlich zitiert, ein Roman, der auch ein Roman über Gedächtnis und Erinnerung ist: "Vergessen wir nicht, dass die Erinnerung immer in der Gegenwart stattfindet. Vergessen wir nicht, dass die Erinnerung jedes Mal, wenn wir sie aufrufen, eine Veränderung erfährt, aber vergessen wir auch nicht, dass diese Veränderungen Wahrheiten mit sich bringen können."

S.H. -Siri Hustvedt nennt sich im Roman "Damals" nur mit den Initialen, die auch die Initialen von Sherlock Holmes sind. S.H. rekonstruiert den Zeitraum 1978/79 aus ihren Erinnerungen und aus dem Notizbuch: In den ersten Wochen besucht sie Cafés, Ausstellungen, Lesungen. Sie findet eine Freundin, die ihr den Spitznamen "Minnesota" gibt, wird Teil einer "Fünferbande", die über Philosophie, Literatur, Film diskutiert - und über S.H.s Wohnungsnachbarin Lucie Brite, die jeden Abend laute Selbstgespräche über ihre Trauer, über den Tod ihrer Tochter, über einen mysteriösen Mord oder Selbstmord führt. Und S.H. lernt Männer kennen. Nicht den von ihr gesuchten Helden ihres ersten Romans aber angenehme Männer. Und Männer wie Jeffrey, mit dem sie eines Abends zu einer Party geht. Er bringt sie nach Hause, drängt sich in ihre Wohnung. Obwohl sie nein sagt , sich wehrt, versucht er, sie zu vergewaltigen - bis Lucy Brite in der Tür erscheint und Jeffrey die Flucht ergreift.

Die Beinahe-Vergewaltigung und die Scham

Diese versuchte Vergewaltigung ist ein zentrales Ereignis dieses Romans: Siri Hustvedt schildert die jahrelang wiederkehrenden Albträume; schildert das Gefühl der Demütigung, auch der Scham; kreist um den einen Moment: Als sie die Party verließen, hat S.H. vor dem Fahrstuhl auf Jeffrey gewartet. Sie hätte auch allein gehen können. So heißt es in "Damals":

Ich, die alte Erzählerin, frage mich, warum mein früheres Selbst gewartet hat. Ich schäme mich so für das Warten. Inzwischen habe ich mich fast vierzig Jahre für das Warten geschämt, und meine Demütigung nimmt kein Ende. Nein, sie brennt lichterloh. (...) Es ist, als wäre ich noch immer die junge Frau, die, unfähig, sich vom Fleck zu bewegen, vor dem Aufzug steht. Das war der Moment, in dem ich hätte davonlaufen sollen, aber ich tat es nicht. Es war schon vorher etwas mit mir, mit ihr geschehen.

In diesem Moment seien zwei Geschichten zusammengestoßen, schreibt Hustvedt, die Geschichte des "Standardhelden", also die des "gestandenen Weißen", der selbstverständlich davon ausgeht, dass ihn fast alle Mädchen wollen. Und die einer Frau, die von Kindheit an die Erfahrung macht, nicht gesehen, nicht gehört, nicht richtig ernst genommen zu werden: Da greift der Roman aus in die Vergangenheit, erzählt von der wohlerzogenen Arzttochter S.H. aus dem ländlichen Minnesota, deren Lehrer nicht glaubt, dass sie ihren Aufsatz selber geschrieben hat, weil er so gut ist.

Autobiografisch und feministisch

"Damals" ist ein so autobiografischer wie feministischer Roman. Ein eher von Reflexionen, Gedanken als von Handlung angetriebener Roman, der die intellektuellen Strömungen und Moden der Endsiebziger noch einmal Revue passieren lässt. Ein überaus komplexes Werk, in dem Literarisches, Philosophisches, Politisches und Privates ineinander übergeht. Und das in ein Plädoyer mündet: gegen die Sherlock-Holmes-Welt, die sich mit der "Künstlichkeit ihrer Schlussfolgerungen" gegen die "Unvorhersehbarkeit und Irrationalität des menschlichen Handelns" stellt. Stattdessen für Mehrdeutigkeit. Veränderung. Für das Erzählen von Geschichten, die zu anderen Geschichten führen.

"Damals" von Siri Hustvedt erscheint, übersetzt von von Uli Aumüller und Gretel Osterwald, bei Rowohlt.

© Rowohlt/ Montage BR

Cover des neuen Romans von Siri Hustvedt: "Damals"

Diese Haltung liegt auch den Essays zugrunde, die der gleichzeitig erschienene Band "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen" vereint.

Meisterin der multiplen Perspektiven

Die Erkenntnisweisen von Physikern, Biologen, Historikern, Philosophen und Künstlern sind unterschiedlich. Ich hüte mich vor dem Absoluten in jeglichen Formen. Nach meiner Erfahrung kann man Naturwissenschaftler mit solch einem Statement mehr beunruhigen als Geisteswissenschaftler. Es hat einen Beigeschmack von Realismus, von der Vorstellung, es könne kein Richtig oder Falsch, keine objektive Wahrheit gefunden werden oder, noch schlimmer, keine äußere Welt, keine Realität.

Siri Hustvedt verbindet Geistes- und Naturwissenschaft; sie schreibt über Künstler wie Louise Bourgeois, Anselm Kiefer, Susan Sontag oder Karl Ove Knausgard, und sie beschäftigt sich mit Fragen der Wahrnehmung, vor allem der selektiven Wahrnehmung, die unser Urteil über Literatur und Kunst beeinflusst. Und mit Literatur schlechthin: "Wozu ist Erzählliteratur da? Bestenfalls ist sie eine Möglichkeit, aus sich herauszugehen und einen Ausflug in den anderen zu machen, eine Form des Reisen, so 'real' und potentiell revolutionär wie jede andere." So schreibt Hustvedt in ihrem neuen Essayband.

Männliches und Weibliches: Natur- und Geisteswissenschaft

Ein weiteres großes Thema ist darin - wie schon in ihrem letzten Essayband "Die Illusion der Gewissheit" - das Verhältnis von Geist und Gehirn, von Leib und Seele. Hustvedt taucht tief in Philosophie und Neurologie ein, sie spürt versteckte Dualismen auf, plädiert gegen die strikte Trennung von Geist und Körper, die heute noch weite Teile der Kognitionswissenschaft beherrscht. Und sie kommt immer wieder auf einen Gegensatz zurück: den Gegensatz von Natur- und Geisteswissenschaft. Von Logik, dem Harten, Festen, Objektiven, Eindeutigen, das durch die Jahrhunderte als männlich empfunden wird, auf der einen Seite und dem Gefühl, der Mehrdeutigkeit, dem Subjektiven und Weichen auf der anderen Seite, das als weiblich gilt. Und auf die Frage, warum das Eine - das Männliche - als besser gilt als das Andere. Dabei schreibt Hustvedt bewusst subjektiv, auch persönlich, wenn sie zum Beispiel von ihrer Synästhesie erzählt. Die Spannung dieser Essays entsteht aus Denkbewegungen, nicht aus Ergebnissen. "Ich habe keine endgültige Antwort zu bieten. Ja, ich glaube nicht einmal an endgültige Antworten, sondern vielmehr an multiple Perspektiven."

Und es sind diese multiplen Perspektiven, die Hustvedts Essays so lesenswert, so anregend machen.

"Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist" von Siri Hustvedt erscheint, übersetzt von Uli Aumüller und Gretel Osterwald, bei Rowohlt .

© Rowohlt/Montage BR

"Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist" von Siri Hustvedt

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Von
  • Helmut Petzold
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