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"Stay home" - Zettel in Glückskeks (Symbolbild)

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    Sinnkrise als Chance: Der Pandemie philosophisch trotzen

    Die Corona-Pandemie zeigt: Schon kleine Änderungen im Alltag reichen aus, um den bisherigen Sinn des Lebens, seine gewohnten Bahnen anzuzweifeln. Ablenkungen durch Spaß und Konsum wirken nicht mehr. Zeit für philosophische Weisheit.

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    Von
    • Michael Reitz

    Die Corona-Krise könnte das Jahr 2020 zu einem Einschnitt in der Weltgeschichte machen. Ob in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft - vieles wird laut Wissenschaftlern nicht mehr so sein, wie davor. Doch schon jetzt hat uns die Pandemie eine Lektion erteilt. Sie besteht darin: Wenn fast sämtliche Ablenkungsmanöver des Alltags wegfallen, wenn wir nicht wie gewohnt Freunde und selbst die nächsten Angehörigen besuchen können oder in den Urlaub fahren, wohin wir wollen, besteht zumindest die Möglichkeit, dass wir offener für die tieferen Dimensionen unseres Daseins werden.

    Wegfall von Gewohnheiten kann zu seelischer Krise führen

    Wenn Mechanismen nicht mehr funktionieren, die zum liebgewonnenen Treibstoff unseres Lebens geworden sind, so die Würzburger Theologin Christine Büchner, kann bereits das zu einer seelischen Krise führen.

    Albert Camus spricht in seinem Roman "Die Pest", der als Klassiker der Beschreibung einer verheerenden Seuche gilt, von einem Gefühl der Menschen, "dass sie für ein unbekanntes Verbrechen zu einer unvorstellbaren Gefangenschaft verurteilt waren. Und während die einen weiter dahinlebten und sich dem Eingesperrtsein anpassten, waren andere von da an nur noch von dem Gedanken beherrscht, aus diesem Gefängnis zu fliehen.

    Bedrohung verdrängen - das Leben als einzige Feiermeile

    Übersetzt in die Situation der Corona-Pandemie erläutert diese Passage ein Phänomen, das nicht nur die Moderne kennt: jenes Nichtwahrhabenwollen der Bedrohung, das Weitermachen wie bisher und die Betrachtung des Lebens als einzige Feiermeile.

    Christine Büchner warnt jedoch vor einer allzu schnellen Verurteilung derjenigen, für die ausschweifende Geselligkeit zum Leben dazu gehört:

    "Es gibt Leute, die brauchen möglicherweise die Kneipen, das Theater, weil sie sonst sich nicht lebendig fühlen. Auch das Fehlen dieser Geselligkeit kann existenziell werden. Auch das kann zu Depressionen führen." Theologin Christine Büchner

    Coronavirus zeigt, wie zerbrechlich unser Leben ist

    Von der Spanischen Grippe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgesehen, markiert die Corona-Pandemie eine Bedrohung, wie sie die Moderne noch nicht gesehen hat. Neu ist, dass diesmal – nicht wie sonst üblich – die Länder der sogenannten Dritten Welt besonders schlimm betroffen sind, sondern dass sich die Menschen in Washington, Paris oder München genauso bedroht fühlen.

    Das Virus ist der große Gleichmacher, der an den Grundfesten unserer materiellen wie physischen Existenz rüttelt. Und es stellt sich auch ein Verdacht ein: Könnte es sein, dass unsere technischen Systeme und unsere seelische Verfassung so zerbrechlich sind, dass sie schon bei geringen Veränderungen in erhebliche Schwierigkeiten geraten?

    Plötzlicher Einbruch von Sinnlosigkeit

    Neben den spirituellen Traditionen hat kaum eine Philosophierichtung diese Erfahrung von Ratlosigkeit, von Zurückgeworfensein auf sich selbst und von Sinnkrise so thematisiert wie der Existenzialismus. Einer seiner Hauptvertreter ist der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus. In seinem 1942 erschienenen Essay "Der Mythos des Sisyphos" schreibt er: "Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es: Antwort geben."

    "Der Mythos des Sisyphos" nimmt die antike Erzählung des von den Göttern bestraften Menschen auf, der einen Felsblock den Berg hinaufwälzen muss. Und kurz vor seinem Ziel scheitert, da der Stein immer wieder zurückrollt. Die Camus-Biographin Brigitte Sändig erläutert:

    "Das ist der plötzliche Einbruch in das scheinbar wohlgeordnete Leben eines Menschen, der plötzliche Einbruch der Empfindung von Sinnlosigkeit, vom Abreißen der Verbindung mit der Realität auch der Einbruch des Todes oder der Todesangst." Camus-Biographin Brigitte Sändig

    Lernen, schwierige Lebenssituation auszuhalten

    Im "Mythos des Sisyphos" sei außerdem die Grundaussage Camus, dass er nicht in die Hoffnung ausweichen will, "ein Ausweichen in die Hoffnung, das er fast all seinen philosophischen Vorbildern vorwirft", so Brigitte Sändig. "Er will diese absurde, schwierige, manchmal sinnlose Lebenssituation aushalten."

    Waren viele Menschen zu Beginn der Pandemie in dem Glauben, es handele sich um eine verschärfte Form der Grippe, so entwickelte sich im Laufe des Jahres 2020 das Bewusstsein, mit einer ausgewachsenen Infragestellung unseres bisherigen Lebens konfrontiert zu werden.

    Krise führt dazu, das Leben zu hinterfragen

    In lebensphilosophischer und spiritueller Hinsicht wurde mit Covid-19 eine Dynamik losgetreten. Sie ging unter anderem davon aus, dass wir jetzt die Chance zur radikalen Veränderung unseres Lebensstils hätten – und diese auch nutzen sollten. Für die Theologin Christine Büchner ein Trugschluss: "Zu denken, es gibt eine Krise und alle denken plötzlich über ihr Leben nach und verändern es schlagartig, das gelingt uns offensichtlich nicht. So sind wir Menschen nicht. Vielmehr ist der Fall (…), dass diese durch die Pandemie ausgelöste Krise zu einer Hinterfragung des Lebens führt."

    Schlagartig wird uns vor Augen geführt, was wir zwar schon immer wussten, aber verdrängten: Das Leben währt nicht ewig, wir sind sterblich. Die Konfrontation mit einem todbringenden Virus lässt viele Menschen danach fragen, was wirklich wichtig ist, wenn alles mit einem Schlag vorbei sein kann. Vielleicht auch danach, was eigentlich der Sinn der eigenen Existenz ist, sagt der Theologe Aaron Langenfeld. Die Pandemie-Situation erzeuge die Angst nicht selbst, sie lege sie nur offen.

    "Wenn es hart auf hart kommt, fürchtest du deine Endlichkeit – und was machst du dann? Was tust du mit diesem Bewusstsein? Findest du einen Weg, diese Endlichkeit als deine Endlichkeit anzunehmen?" Theologe Aaron Langenfeld

    Wie sieht die Normalität nach Corona aus?

    Plötzlich gibt es einen Anlass, sich Gedanken über das eigene Leben zu machen. Denn alles, was einem bislang ein verlässliches Gerüst gegeben hat, droht nun wegzubrechen und man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Das kann sich zu einer harten Krisenerfahrung auswachsen – aber auch zu weitergehenden Fragen führen.

    So sei beispielsweise eine Frage, wie die Normalität aussehen wird, die nach der überstandenen Pandemie kommt, so Aaron Langenfeld. "Vergessen wir auch die anderen großen Bedrohungen oder Bedrängungen, die wir im Moment erfahren? Man erinnert sich ja kaum noch, aber das große Thema vor Corona war ja die Klimakrise, die nicht weniger existenziell bedrohlich ist, die nicht weniger Auswirkung auf unser aller Leben hat."

    Frage des Sinns steht immer im Raum - manchmal verdeckt

    Eines lässt sich jedoch nicht übersehen: Der Mensch der Hypermoderne und der angeblich nachreligiösen Epoche ist nachdenklicher geworden. Darf man also von Corona das erwarten, was während fast aller schweren Krisen in der Menschheitsgeschichte geschah, nämlich, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder offensiver gestellt wird?

    Die Frage nach dem Sinn des Lebens, so Theologe Aaron Langenfeld, stand immer im Raum. Wir nehmen aber erst jetzt wahr, dass sie mehr als ein unwichtiges Hintergrundrauschen unseres Daseins ist: "Die existenzialistische Philosophie kann uns an der Stelle eher nochmal provozieren, die Frage auch so zu verstehen, dass es wirklich um tiefe Dimensionen des menschlichen Selbstverständnisses geht", sagt Aaron Langenfeld. "Mir hilft da der Begriff - um das zu übersetzen -, den Glauben als Vertrauen zu verstehen, dass es im Letzen vielleicht doch nicht absurd, sondern gut ist."

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