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Der Thomanerchor in der Thomaskirche in Leipzig.
© picture alliance / Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Der Thomanerchor in der Thomaskirche in Leipzig.

Alter schützt nicht vor Kritik. Auch nicht den Knabenchor, eine der ältesten Institutionen der abendländischen Musikgeschichte. Der Leipziger Thomanerchor, einst Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs, hat zum Beispiel über 800 Jahre auf dem Buckel. Und ein Problem mit dem Grundgesetz. Behauptet zumindest die Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein. Tradition hin oder her – ihr zufolge sind reine Knabenchöre verfassungswidrig, weil sie Mädchen ausschließen, also diskriminieren. Dabei gehe es nicht um Denkmalschutz, "sondern es geht um etwas sehr Lebendiges, es geht um die Grundrechtsverwirklichung von Kindern, und damit eben auch um die Teilhabe von Mädchen an der musikalischen Ausbildung", sagt Bräcklein.

Die Juristin hat mit ihrem Ansinnen im Netz einen veritablen Shitstorm ausgelöst. Da wird vorm Untergang eines deutschen Kulturguts gewarnt. Und natürlich fallen auch die üblichen Kampfbegriffe: von "Gleichmacherei" bis "Genderwahn". Zugegeben: die Behauptung, Knabenchöre seien diskriminierend, weil sie Mädchen ausschließen, ist auf den ersten Blick mindestens irritierend. Dass Knabenchöre rein männlich besetzt sind, das scheint ja in der Natur der Sache zu liegen, so wie sich auch ein Streichquartett aus Streichinstrumenten zusammensetzt. Außerdem hält das Mädchen ja nicht davon ab, sich sängerisch auszudrücken. Im Gegenteil: neben gemischten Kinderchören gibt es hierzulande auch zahlreiche reine Mädchenchöre. Nur: kennen Sie einen davon?

Der Musikwissenschaftler Christian Ahrens hat in seiner Studie "Frauen in Berufsorchestern" aufgezeigt: je renommierter ein Orchester, desto geringer der Frauenanteil, erklärt Bräcklein: "Das kann man für die Spitzenkinderchöre ebenso sagen: je renommierter ein Kinderchor, desto geringer der Anteil weiblicher Sänger."

Erstklassige Musikerziehung - aber nur für Knaben

Vom Dresdner Kreuzchor, über den Leipziger Thomanerchor bis zu den Regensburger Domspatzen – die bekanntesten deutschen Kinderchöre sind reine Knabenchöre. Sie füllen Konzertsäle und Kirchen. Ihre Auftritte werden im Fernsehen ausgestrahlt. Und sie werden vom Staat wesentlich besser gefördert, als irgendein Mädchenchor. Eine Förderung, die sich wiederum in der musikalischen Ausbildung niederschlägt. Denn der Knabenchor ist ja zweierlei: Nicht nur ein Instrument, ein spezieller Klangkörper, ähnlich einem Streichquartett, sondern auch eine Art musikalische Kaderschmiede. Ein Ort an dem Kinder eine erstklassige Musikerziehung genießen. Nur eben nicht alle "Kinder", sondern Knaben. Mädchen sind davon ja ausgeschlossen. Für Bräcklein ein klarer Fall struktureller Diskriminierung: "Renommee, Konzertreisen, eine hochwertige musikalische Ausbildung – das kann auch für Mädchen attraktiv sein. Insofern ist es mein Anliegen, aufzuzeigen, dass der Ausschluss von Mädchen aus diesen Institutionen und aus der institutionellen staatlichen Förderung nicht mit unser Verfassung in Einklang steht."

Mädchen den Zugang zu den renommierten Knabenchören zu verweigern – inklusive Auftrittschancen, öffentlicher Wahrnehmung und einer hochwertigen musikalischen Ausbildung – das wäre, so Bräcklein, nur dann rechtens, wenn es zwingende Gründe für ihren Ausschluss gäbe. Genau die scheinen aber auf der Hand zu liegen. Mädchen klingen eben anders als Jungs, sie gehören daher so wenig in den Knabenchor, wie eine Oboe ins Streichquartett. Aber ist es so einfach? Die Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke ist genau dieser Frage mit einer Reihe von Versuchen auf den Grund gegangen: "Es kam bei fast allen dieser Untersuchungen raus, dass die Hörer, meistens Expertenhörer, diesen Unterschied tatsächlich hören konnten, allerdings ist die Trefferquote nicht so wahnsinnig hoch."

Ein subtiler Klangunterschied

Nur etwa zwei Drittel der Hörer bestimmen das Geschlecht der Chorkinder richtig. Geschulte Ohren hin oder her. Der klangliche Unterschied zwischen Knaben- und Mädchenstimme ist also lediglich ein subtiler. Mecke vergleicht den Unterschied mit dem zwischen einer Barockoboe und einer modernen Oboe. "Experten können den Klang auseinanderhalten, aber die Gesangskultur, das, was die Stimmbildner den Kindern mitgeben, kann das deutlich überlagern", sagt Ann-Christin Mecke, "und wir könnten uns dann wirklich fragen: ist das dann immer so gerechtfertigt, dass kein Mädchen dabei ist und den Klang verändert?" Anstatt aus der Knabenstimme einen Fetisch zu machen, plädiert Mecke für einen flexibleren Umgang mit der Besetzung von Kinderchören. Und das nach dem Motto: Kontext ist King.

Wie für eine Originalklangaufführung von Bachs Weihnachtsoratorium der Griff zur Barockoboe obligatorisch ist, genauso sinnvoll mag es sein, so eine Aufführung ausschließlich mit Knabenstimmen zu stemmen. Aber wieso sollte man im Rahmen eines gewöhnlichen Weihnachtskonzerts auf Mädchen verzichten? Freilich müssten sich dafür die Knabenchöre erst einmal für Mädchen öffnen – eine Entwicklung, die in Großbritannien schon vor 20 Jahren angestoßen wurde - als Reaktion auf eine ähnliche Kritik wie von Susann Bräcklein, sagt Ann-Christin Mecke: "Viele Kathedralchöre haben daraufhin eine eigene Mädchenlinie eingeführt, das hat auch zur Entlastung der Knaben geführt, und war, soweit ich das beurteilen kann, für alle ein Gewinn."

Nachahmer gibt es inzwischen übrigens auch hierzulande. Beispiel: der Aachener Domchor. Mit seinen 1200 Jahren quasi der große Bruder des Thomanerchors. Und seit einigen Jahren um einen eigenen Mädchenchor reicher. Untergegangen ist er deshalb nicht.

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Autoren

Tobias Stosiek

Sendung

Die Kultur vom 06.01.2019 - 12:00 Uhr