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Simone de Beauvoir: Leben und denken auch jenseits von Sartre! | BR24

© dpa/picture-alliance/ La Gerlie-Universal Photo / Audio: BR

Die große Feministin und Existenzialistin Simone de Beauvoir.

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Simone de Beauvoir: Leben und denken auch jenseits von Sartre!

Beziehungen, was sie mit und aus uns machen: Das sind früh zentrale Fragen im Denken von Simone de Beauvoir. Die Existenzialistin ist alles andere als ein Produkt ihres Partners Jean-Paul Sartre, wie jetzt Kate Kirkpatrick in ihrer Biografie zeigt.

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Zu sich selbst kommt der Mensch nur mit und durch den Anderen, erklärt Simone de Beauvoir in einem Interview von 1959. Das Glück des einzelnen ist verknüpft mit dem Glück aller. Erst diese Verbindung schafft Orientierung, stiftet Sinn. Schon früh hat Simone de Beauvoir darauf bestanden, dass die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen auch in der Philosophie des Existenzialismus eine Rolle spielt. Und gerade in Zeiten von Corona wäre es wohl genau dieser ethische Aspekt, auf den Beauvoir uns hinweisen würde. "Sie hätte gesagt", vermutet ihre Biografin Kate Kirkpatrick, "dass all dies nur zeigt, wie wir alle voneinander abhängen. Diese Abhängigkeit hat beängstigende und bedrohliche Seiten. Zugleich zeigt sich jetzt aber auch, welchen Einfluss wir auf das Leben anderer haben – durch das was wir tun oder lassen."

Das Leben der Philosophin als Exempel ihrer feministischen Kritik

Die Bedeutung von Beziehung manifestiert nach Kate Kirkpatrick einen Kerngedanken der Philosophie von Simone de Beauvoir. Die Philosophiedozentin und Sartre-Expertin hat das "moderne Leben" – so der Untertitel ihres Buches – der Beauvoir auf über 450 Seiten nachvollzogen, analysiert, entmystifiziert. Denn die dynamische Wechselwirkung von Denken, Handeln und Schreiben, um die es Beauvoir zeit ihres Lebens ging, ist in der Rezeption längst zu einem Mythos erstarrt: Simone de Beauvoir als Produkt ihrer Beziehung zu Sartre. Seine Muse, Geliebte, Schülerin. "Das Bild, das von ihr gezeichnet wurde, beruhte auf Bruchstücken und auf böswillig selektiven Vorstellungen ihrer Person", sagt Kate Kirkpatrick. "Diese Bruchstücke machen aber zugleich genau jene problematischen Dynamiken deutlich, die Beauvoir in 'Das andere Geschlecht' hervorhebt."

Kirkpatrick nimmt das Leben Beauvoirs als Exempel für das, was die Porträtierte philosophisch reflektiert und in ihrem Buch "Das andere Geschlecht" kritisiert hat: Dass man Identität nicht hat, sondern sie entwickelt, etwa. So ist auch Beauvoir ein "Sein im Werden", welches sich erst langsam von der Tochter aus gutem Hause zur selbstbewussten Literatin und Philosophin emanzipiert. Oder dass weibliche Existenz im 20. Jahrhundert eingehegt wird durch patriarchale Strukturen. Nicht verwunderlich, dass Beauvoirs Denken und Schreiben auf die immer gleichen sexistischen Muster stößt: Der Kritik, ihrem "weiblichen" Denken fehle die Eigenständigkeit, steht der Vorwurf gegenüber, ihre Rationalität stehe ihrer "Weiblichkeit" im Wege.

Beauvoir war in der Freiheits-Frage Sartre voraus

Und schließlich hat auch Simone de Beauvoir in der Gestaltung ihres Beziehungslebens sehr konkret erfahren, wie schwierig es ist, Freiheitsansprüche mit den Bedürfnissen der Umwelt in Einklang zu bringen. Im Zuge dieser streng chronologischen Parallelbetrachtung von Leben und Philosophie kann Kate Kirkpatrick vor allem anhand der frühen Tagebücher und bisher unveröffentlichter Briefe mit den benannten Klischees über Beauvoir aufräumen. Neben der Relativierung der Stellung Sartres in ihrem Liebesleben vielleicht das Wichtigste: Beauvoir trat nicht erst durch den Kontakt mit Sartre als kritische Denkerin des Existenzialismus in Erscheinung. Schon in Aufzeichnungen der 1920er-Jahre – und damit früher als Sartre – stellt Beauvoir die existenzialistische Idee von Freiheit in Frage.

"Sartre dachte, egal in welcher Situation wir uns befinden, wir sind frei, wie wir mit ihr umgehen. Und zwar alle gleich frei. Beauvoir aber sagte, dass wir Freiheit und Macht unterscheiden müssen. In einer gewissen, abstrakten Hinsicht sind wir alle frei. Aber nicht jeder hat die gleiche Macht, frei zu entscheiden sein Leben zu verändern", erklärt Kate Kirkpatrick.

© John Cairns

Die englische Autorin und Beauvoir-Biografin Kate Kirkpatrick

Simone de Beauvoir jenseits der Klischees

Auch diese politische Dimension im Denken Beauvoirs betont Kirkpatrick gegen die übliche Einschätzung der Philosophin als unpolitisch. Indem Beauvoir individuelle Situation, sozialen Kontext und Geschlechterhierarchien einkalkuliert für die Frage, wie sich Menschen verwirklichen können, erweist sie sich als hoch aktuell und engagiert: "Beauvoir hat viele politische Kämpfe ausgefochten. Ihre Philosophie hat entscheidende politische Implikationen und sie hat es nicht nur beim Schreiben von Büchern belassen. Sie kämpfte gegen den Kolonialismus in Algerien, sie setzte sich für das Recht auf Abtreibung und das mütterliche Sorgerecht ein. Es gab sehr viele feministische Aktionen, die sie unterstützt hat."

Nicht zuletzt zeigt das Buch durch die akribischen Quellenstudien immer wieder die Diskrepanz auf zwischen dem Bild, das Simone de Beauvoir von sich schuf, und dem, das die privaten Dokumente vermitteln. Dass sich Beauvoir in den autobiografischen Texten eher zurückhaltend als selbständige Philosophin porträtierte und auch nicht offen über parallel laufende Beziehungen schrieb, erklärt Kirkpatrick damit, dass Privatsphären geschützt oder Leserinnen nicht völlig vor den Kopf gestoßen werden sollten.

Kirkpatricks Buch ist dort am stärksten, wo die Autorin Position bezieht, sich nicht in Details verliert, die selbst gestellten Fragen im Fokus behält und die unzähligen biografischen Informationen einordnet. Dementsprechend hätte der Darstellung Entschlackung gut getan. Was sich in ihr aber eindrücklich vermittelt: Auch Simone de Beauvoirs Glück und Unglück waren verquickt mit dem vieler anderer. Eben nicht nur mit dem eines Jean-Paul Sartre.

Kate Kirkpatrick, "Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben", ist aus dem Englischen übersetzt von Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson bei Piper erschienen.

© Piper Verlag/ Montage BR

Cover: "Simone de Beauvoir - Ein modernes Leben" von Kate Kirkpatrick

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