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© Hanser-Verlag

Silke Schlichtmann

Einfache Sprache hat es nicht leicht. Schon in der Antike beschimpfte Platon die Sprechkünstler, die Sophisten, als "Täuscher". Heutzutage wird die verständliche Sprache zum Lieblings-Instrument des modernen Populisten. Dennoch: Einfach ist nicht gleich "ver-einfachen". Einfach sprechen, damit möglichst eindringliche Bilder erzeugen und das Ganze packend vortragen, das kann auch viel Gutes bewirken. Diese Einsicht vermitteln nicht etwa nur hochbezahlte Karriere-Coaches, sondern zum Beispiel: Silke Schlichtmann. Sie ist Lesekünstlerin des Jahres und Kinderbuch-Autorin. Der Preis wurde ihr auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse verliehen. Gekürt wird, wer bei Lesungen das Publikum besonders mitreißen kann.

Verständlich heißt nicht "unterkomplex"

Bevor sie Kinderbücher schrieb, hat Schlichtmann als Literaturwissenschaftlerin gearbeitet. Sie weiß: etwas einfach und trotzdem nicht ver-einfachend zu erzählen: das ist in jedem Bereich eine hohe Kunst – an der man sich aber trotzdem versuchen sollte: "Ich habe schon auch in meinen wissenschaftlichen Arbeiten versucht, 'spritzig' anzufangen, ohne dass das jetzt populärwissenschaftlich war. Auch bei Vorträgen war es schon mein Anliegen, dass die Leute nicht einschlafen, sondern gerne zuhören und das würde ich mir eigentlich wünschen bei allen, die so etwas machen, weil ich denke, dass man auch mehr Menschen erreicht und dass man nicht die Scheu haben sollte, dass, wenn man etwas gut verständlich schreibt, dass es dann irgendwie unterkomplex ist."

Gelassenheit, Humor und Rythmus

Ihre Doktorarbeit schrieb Schlichtmann darüber, ob Männer Goethe und Co. damals tatsächlich anders gelesen haben als Frauen. Titel: "Geschlechterdifferenz in der Literaturrezeption um 1800". Jetzt schreibt sie über eine Siebenjährige, die ihre Großfamilie vor dem finanziellen Ruin zu retten versucht. Der Vater: Bestattungsunternehmer, dem die Aufträge fehlen. Die Mutter: Krimibuchautorin mit Verleumdungsklage im Nacken. Titel: "Pernilla oder warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten". Zuletzt hat sie daraus in der Landshuter Stadtbücherei gelesen. Damit auch dort niemand ‚in den sauren Apfel beißen‘ muss, hat sie eine Maschine mitgebracht, mit der sie Äpfel für die Kinder zerkurbelt. Schlichtmann gestaltet die Lesungen kreativ und abwechslungsreich, aber ohne dabei – etwa à la Kinderanimateure im Clubhotel – überdreht oder verkünstelt zu wirken. Stattdessen liest sie mit Gelassenheit, Humor und Rhythmus.

Silke Schlichtmann scheut den Zeigefinger

Silke Schlichtmann scheut den Zeigefinger

Bei Schlichtmanns Lesungen werden nicht nur Äpfel gekurbelt nicht nur Lieder gesungen und, sondern auch Lieder gesungen ("Regenwürmerrettungssong"), Quizfragen gestellt und Sprachspiele gespielt. Wenn man bei dem Wort "Schattenriss“ die Silben verdreht: "Was für ein Wort entsteht?", fragt Schlichtmann. Die Kinder kichern. "Rattenschiss", ruft ein Junge.

Das Wichtigste, um Kinderbücher zu schreiben, ist: sich in seine eigene Kindheit zurückversetzen zu können. Das ist Schlichtmanns Ansatz. Deshalb weiß sie auch, dass Kinder es sofort merken, wenn man den Zeigefinger hebt. Für Kinder zu schreiben und zu lesen ist in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung, auch in puncto Unterhaltung. Aber Schlichtmann glaubt, dass im Grunde auch Erwachsene eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne haben. Sie ist eine "Lesekünstlerin", von der also nicht nur Eltern und Kinderbuchautoren noch etwas lernen können, sondern im Grunde jeder, der sich mit Sprache beschäftigt. Das ist übrigens besonders charmant umgesetzt, wenn Schlichtmann aus der Perspektive der siebenjährigen Pernilla das Wort "multiperpektivisch" erklärt: "Ein Superwort! Das bedeutet, dass man etwas von ganz vielen Punkten aus anschauen kann und immer ist es ein bisschen anders. Das richtig Tolle aber ist, dass man‚ mul-ti-pers-pekt-ivisch‘ sogar sagen kann, wenn man von nichts eine Ahnung hat."

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Autoren

Franziska Koohestani

Sendung

kulturWelt vom 02.04.2019 - 08:30 Uhr