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Zum Tod der Architekturfotografin Sigrid Neubert | BR24

© Architekturmuseum der TU München

Sigrid Neubert, Parkhaus Grottenau in Augsburg (Gerd Wiegand), 1957

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Zum Tod der Architekturfotografin Sigrid Neubert

Kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografien, die das Wesen von Bauten und Natur erfassen: Sigrid Neubert hat mit ihren Bildern Statements abgegeben. Nun ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben. Eine Retrospektive in Ingolstadt würdigt ihr Werk.

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Es ist, als würde man mit Sigrid Neuberts kontraststarken Schwarzweiß-Fotografien Architektur neu entdecken, sogar Altbekanntes wie das BMW-Hochhaus am Münchner Olympiapark: ein futuristisch schimmernder, in den Himmel strebender Baukörper – so dramatisch in der Aussage und pur in der Form hat man das ikonische vierzylindrige Gebäude von Karl Schwarzer lange nicht wahrgenommen.

Schwere Geometrien beginnen zu tanzen

"In dieser Konsequenz ist es tatsächlich äußerst selten, um nicht zu sagen: es ist einmalig, dass sie über einen so langen Zeitraum in einem durchaus auch rauen Umfeld gearbeitet hat", sagt Frank Seehausen, Architekt in Berlin und beim Amt für Bayerische Denkmalpflege in München, über die Arbeit von Sigrid Neubert. "Architekten sind häufig auch sehr, sehr starke Persönlichkeiten, aber sie konnte da wunderbar Paroli bieten. Sie hat die Fähigkeit gehabt zuzuhören, aber auch Contra zu geben. Und sie konnte dann auch in ihren Bildern ein Statement abgeben."

Die Transformation gelingt der Fotografin auch bei weniger prominenten Bauwerken. Der Erlöserkirche in Erding von Hans-Busso von Busse zum Beispiel: Der Kirchenkörper ist ein scheinbar einfach sich aufschwingendes Zeltdach, Sigrid Neubert aber macht die so komplexe wie hochästhetische innere Konstruktion der tragenden Holzverstrebungen in all ihrer Spiritualität erlebbar. Oder ein Hörsaalgebäude der Universität Würzburg von Walther und Bea Betz. Ein Beispiel für Brutalismus – die wuchtige Betonarchitektur der 70er-Jahre. Sigrid Neubert zeigt, wie die schweren Geometrien zu tanzen anfangen können, wie sich die scheinbare Strenge aufzulösen verstand in ein Spiel ineinander greifender Räume. Atemberaubend.

© Archiv Betz Architekten München Sigrid

Sigrid Neubert fotografiert die Deutsche Botschaft in London (1978)

Die Nachkriegsarchitektur in Bayern entdecken

Für Frank Seehausen geht es in Neuberts Arbeit darum, das Wesen einer Architektur herauszuarbeiten: "Da hat sie einen sehr, sehr guten Blick, ein sehr gutes Gespür und auch eine zwar intuitive, aber doch sehr treffsichere Herangehensweise gehabt. Und wie man das Wesen dann in ein zweidimensionales Bild übersetzt – wir haben es ja immerhin mit dreidimensionalen Objekten zu tun, die sich nicht unbedingt von einem Standpunkt aus erschließen lassen. Aber sie hat es geschafft, hier entweder in Einzelbildern oder in kleineren Serien die wesentlichen Dinge an Architektur herauszuarbeiten."

Seehausen hat jahrelang Neuberts Archiv durchforstet. Und er hat begleitend zur Doppelretrospektive "Architektur und Natur" im Lechner Museum in Ingolstadt und im Skulpturengarten in Obereichstätt eine Publikation über Sigrid Neubert herausgebracht: ein großartiges Buch, um die gerade im Alter von 91 Jahren verstorbene Architekturfotografin neu oder wieder zu entdecken. Und mit ihr: eine Nachkriegsarchitektur in Bayern, die einem plötzlich hochmodern, geradezu avantgardistisch erscheint. Ihre Fotografien könnten einer Neubewertung der ungeliebten Nachkriegsmoderne dienen – bevor alles abgerissen ist, so Seehausen: "Wenn Sie an das Redaktionsgebäude des Süddeutschen Verlages im Färbergraben denken: leider 2009 abgerissen. Man kann im Nachhinein sagen, es war die beste Mies van der Rohe-Adaption der Bundesrepublik, entwurflich, von der Bauausführung, vom Materialeinsatz allerhöchste Qualität."

"Haben Sie Vertrauen!"

1927 in Tübingen geboren, besuchte Sigrid Neubert von 1948 bis 1950 die Bayerische Staatslehranstalt für Lichtbildwesen. Sie hätte Ärztin werden sollen. Erkannte in sich aber offenbar eine stärkere Berufung und ging dieser dann auch mit Chuzpe nach, wie sie vor einigen Jahren im Bayerischen Rundfunk erzählte: "Ich muss Architekturfotografin werden, wollte ja ganz aus mir selbst herausarbeiten, hab mir Häuser angeschaut, die mir gefallen haben, hab geklingelt, Haben Sie Vertrauen!"

So fing es an – und das Vertrauen blieb, über Jahrzehnte arbeitete Sigrid Neubert für Münchner und bayerische Architekten wie Kurt Ackermann, Alexander von Branca oder auch für Hans Maurer, der die Erdfunkstelle in Raisting südlich des Ammersees erbaute. Vor der schneebedeckten Alpenlandschaft ragt ein riesiger Parabolspiegel der Antennenanlage neben einem winzigen Kirchlein auf und richtet sich aus auf einen dramatischen schwarz-weißen Wolkenhimmel. Die Pointe liegt in der Frage, wer wohl den direkteren Draht nach oben hat.

© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Sigrid Neubert

Sigrid Neubert, Erdfunkstelle Raisting

Eine Schule des Sehens

Sie fotografierte alles: Einfamilienhäuser im Stil des amerikanischen Fotografen Julius Shulman. Aber auch ein Zementwerk, nahezu heroisch inszeniert, Parkhäuser, Feuerwachen, die Olympia-Ruderregattastrecke, Theater, Kirchen, Friedhöfe, die Funkübertragungsstelle auf der Zugspitze oder das Eislaufzelt auf dem Olympiagelände – aus so starker Untersicht, dass es poetisch – wie aufsteigender Nebel – zwischen die Hügel der Parklandschaft gebettet liegt.

Es gab eine Zeit von den 50ern bis in die 70er-Jahre, da hatte tatsächlich nicht jeder industrielle oder städtebauliche Neubau die einfallslose Anmutung heutiger Containerarchitektur. Das fällt einem auch beim Gasteig auf, noch so ein ungeliebter Münchner Monolith, der nun bald umgebaut werden soll zu einer geschlossen-glatten Fassade mit reichlich banalen Glasfronten. Man tut ihm unrecht, diesem behäbig wirkenden Ziegelbau, der auf Neuberts Fotos plötzlich in seiner dynamischen Sprunghaftigkeit sichtbar wird. Ihre Fotografien: Eine Schule des Sehens. Selbst für Profis wie Frank Seehausen: "Mir ist das in einem Gespräch mit dem ältesten noch lebenden Auftraggeber, Herbert Groethuysen, aufgefallen, für den sie sein Wohnhaus Anfang der 1960er-Jahre fotografiert hat, der mir sagte, er habe erst durch ihre Fotografien festgestellt, wie schön das alles sei!"

Der Band "Sigrid Neubert: Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne", herausgegeben von Frank Seehausen, ist im Hirmer Verlag erschienen. Die Ausstellung "Sigrid Neubert: Fotografien. Architektur und Natur" ist im Lechner Museum Ingolstadt noch bis zum 10. Februar 2019 zu sehen.

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