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Sie werden fehlen: Diese Kulturschaffenden sind 2020 gestorben | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa/Christoph Soeder

Diese Kulturschaffenden sind 2020 gestorben

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Sie werden fehlen: Diese Kulturschaffenden sind 2020 gestorben

Ennio Morricones Lied vom Tod erklang schon in so manchem Film, Hörspiel und Konzertsaal. Im Sommer spielte der Tod ihm selbst auf, Anfang Juli starb der italienische Komponist. Von diesen Kulturschaffenden mussten wir uns auch verabschieden.

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Von
  • Hendrik Heinze

Ennio Morricone

Ach, Ennio. So viele sind zu deiner Musik gestorben. Gute, Böse, Hässliche. Klar, zu deiner Musik wurde auch gelacht, gesungen, getanzt. Aber irgendwie ist es doch die Schicksalsmusik, die von dir in Erinnerung bleibt, die in vielen Western sogar die heimliche Hauptrolle spielte. Die Mundharmonika, das Lied vom Tod… Und jetzt bist Du selbst gestorben, Ennio Morricone. Im Juli, mit 91 – nach 85 Jahren im Dienst an der Musik, wie Du uns einmal erzählt hast: "Mir kommt es schwer über die Lippen zu sagen, dass ich mit sechs Jahren angefangen habe zu komponieren, aber im Endeffekt war es so. Mein Vater hatte mir den Violinschlüssel beigebracht, wir waren im Urlaub und ich begann Dinge zu schreiben."

Ennio Morricone starb am 6. Juli, er wurde 91 Jahre alt.

Sean Connery

"Dieser Moment, in dem Sean Connery sich als "Bond" vorstellte: Er wurde da zu dem Mann, den alle Männer sein wollten – und den alle Frauen wollten." Das sagte Steven Spielberg über Sean Connery, den zu seinem Tod im Oktober viele mit dem Kompliment bedacht haben, er sei quasi James Bond gewesen. Stimmt aber nicht: Connery war deutlich mehr: Arbeiterkind, Oscar-Preisträger, Sex-Idol, Schotte, Sportler, Körpermensch, Philanthrop, über allem aber: die Lässigkeit in Person.

Sean Connery starb am 31. Oktober im Alter von 90 Jahren.

© picture alliance / dpa

Sean Connery als britischer Geheimagent 007

Juliette Gréco

COVID-19 hat heuer etliche Künstlerinnen und Künstler aus dem Leben gerissen, ungeahnt und viel zu früh. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedacht. Andere durften ihr Leben zu Ende leben. Morricone, Connery – und Juliette Gréco, die 93 wurde. "La grande dame de la chanson" nannte man sie – nicht zu viel der Ehre für eine Frau, deren Gesang erst von Sartre bewundert wurde und dann von Millionen. "Eines Tages lud Sartre uns zum Essen ein," erzählte Juliette Gréco einmal, "ins Restaurant Cloche d’Or auf dem Montmartre. Wir waren gerade dabei wieder runterzulaufen, da hörte ich ihn hinter mir rufen: Gréco! Sie werden singen! Sie müssen singen, sie haben eine schöne Stimme. Gleich für den nächsten Morgen bestellte er mich zu sich und suchte Texte für mich heraus. Er war es, der mich auf die Welt brachte."

Juliette Gréco starb am 23. September, sie wurde 93.

© pa/dpa/Isabel Schiffler

Die französische Chansonsängerin und Schauspielerin bei einem Konzert in Hamburg 2015

Michel Piccoli

Auch Michel Piccoli, Juliette Grécos langjähriger Ehemann, starb 2020. Schauspieler mit Gespür für das Extreme und den Skandal. "Das große Fressen" – einer von Piccolis größten Erfolgen, spaltete das Publikum. In der Werbung hieß es: "Der neueste Schocker aus Paris. Eine Schande für die ganze Nation, sagen die einen. Ein genialer, einmaliger Film sagen die anderen." Eben weil hier ein so ungezügelter Film und ein so ungezügelter Schauspieler alles auseinander rausholten, ein Bildrausch aus Fressalien und Fäkalien. Michel Piccoli selbst sagte dazu: "Wenn man es in seinem Leben nicht schafft, ab und zu Momente der Verrücktheit zu haben in allen Belangen, dann ist das sehr traurig, finde ich."

Michel Piccoli starb am 12. Mai mit 94 Jahren.

© dpa-Bildfunk/Christophe Karaba

Der französische Schauspieler Michel Piccoli 2011 in Cannes

Christo

Zum Tod des Verpackungskünstlers Christo war bei uns im Radio ein hübsch verunglückter Satz zu hören: "Christo hat nicht einfach eingepackt, er hat verhüllt". In der Tat. Seine Frau Jeanne-Claude und er verhüllten zusammen ein Tal in Colorado oder einen Küstenabschnitt in Australien, vor allem verhüllten sie 1995 den Berliner Reichstag – und die Leute, so Friedrich Schorlemmer, "standen vor diesem Gebäude wie vor einem Geheimnis". Christos und Jeanne-Claudes Kunstaktion kam so überragend gut an, dass man sich wirklich fragt, wieso genau ihr eigentlich 25 Jahre der erbitterten Kämpfe um ihre Genehmigung vorausgehen mussten. Letztlich stimmte ja doch, was der SPD-Politiker Conradi zuvor im Bundestag über die Pläne des Künstlers gesagt hatte: "Christos Umhüllung des Gebäudes mit Stoff gibt dem Bau eine neue, überraschende ästhetische Gestalt. Er eröffnet uns die Chance, diesen Bau in seiner Eigenart anders wahrzunehmen. Die zeitweilige Verhüllung wird unsere Sicht schärfen. Erkenntnis durch Verfremdung."

Christo starb am 31. Mai im Alter von 84.

© picture alliance / imageBROKER

Verhüllungskünstler Christo

Gudrun Pausewang

Danke für die Angst, Gudrun Pausewang. Diese Überschrift gab ein Journalist im Januar seinem Nachruf auf die Jugendbuchautorin. Auch ihn hatte besonders "Die Wolke" beeindruckt: Ein später Schullektüre für Generationen gewordenes Buch über ein Mädchen, das eine Katastrophe erlebt, einen Reaktorunfall. Und dann auf Erwachsene trifft, die das nicht recht ernst nehmen wollen. Kommt einem bekannt vor, gell? Fridays for Future. Auch Pausewang wurde vorgeworfen, dass sie bloß Furcht und Schrecken verbreite. Doch sie erwiderte: "Wenn ich als Lehrerin der Angst bezeichnet werde, dann ist das auch so ein leichter Hinweis: Naja, ihre Bücher, die sind ja megaout heutzutage. Dass sie nicht megaout sind, das hat die Katastrophe in Japan wieder gezeigt." Gudrun Pausewang, Lehrerin an einer hessischen Grundschule und Autorin mit Millionenauflage.

Gudrun Pausewang starb mit 91 Jahren im Januar, als unsere Welt noch die alte war.

© Arne Dedert / dpa picture alliance

Die Schriftstellerin Gudrun Pausewang

Joseph Vilsmaier

Auch Regisseur Joseph Vilsmaier kam noch in den Genuss einer Trauerfeier mit hunderten Teilnehmern, im Februar war das. Markus Söder nannte ihn einen der bedeutendsten Männer Bayerns – und erinnerte noch einmal an die Filme, mit denen sich der gebürtige Münchner Vilsmaier ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hatte. Joseph Vilsmaier: "Bei Herbstmilch war’s meine Kindheit. Also weil ich da aufgewachsen bin im Rottal. Hab die Leute gekannt. Ramadama war auch meine Kindheit – das war die Kriegszeit. Das war meine Erinnerung an den Krieg. Dann Stalingrad – drei meiner Brüder sind in Stalingrad gefallen. Also es waren alles Bezugspunkte gewesen von mir, warum ich die Filme mache."

Joseph Vilsmaier starb am 11. Februar mit 81 Jahren.

© Tobias Hase/dpa

Regisseur Joseph Vilsmaier, 2017

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