Aufmarsch zur "Siegesparade" in Anwesenheit Putins
Bildrechte: Sergej Bobilew/Picture Alliance

Bilderbuch-Parade: Russische Soldaten am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau

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"Sie sind geflohen": Söldnerchef geht auf russische Armee los

Ausgerechnet am "Tag des Sieges" rechnet Jewgeni Prigoschin mit Putins Soldaten ab: In den Kämpfen um Bachmut sei eine Einheit "geflohen", es gebe "nichts zu feiern". Von Hochverrat ist die Rede. Das wühlt die nationalistische Öffentlichkeit auf.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

"Warum wir eigentlich feiern, ist die große Frage", schimpfte Jewgeni Prigoschin per Videoansprache und warnte seine Anhänger davor, "auf dem Roten Platz herumzulungern". Die Risse im russischen Sicherheitsapparat werden somit immer sichtbarer: Deutlich wie nie hat der Privatarmee-Betreiber die Kampfkraft der offiziellen Armee kritisiert, und zwar ausgerechnet am symbolträchtigsten Feiertag des Militärs, dem "Tag des Sieges" über Hitlerdeutschland am 9. Mai: "Heute ist eine der Einheiten des russischen Verteidigungsministeriums aus einer unserer Flanken geflohen und hat ihre Stellungen verlassen. Alle hauten ab und legten die fast zwei Kilometer breite und 500 Meter tiefe Front frei. Nun, wir haben das Loch irgendwie gestopft", behauptete Prigoschin in einem Video auf seinem Telegram-Kanal. Ukrainische Truppen würden derzeit die "Flanken aufreißen", Putins Armee habe eine Stellung geräumt, für die zuvor angeblich 500 seiner Söldner gefallen seien.

"Wir werden sehen, was herauskommt"

Im Übrigen habe das Verteidigungsministerium sein Versprechen gebrochen, ausreichend Munition zu liefern, so der Unternehmer. Gerade mal zehn Prozent der in Aussicht gestellten Menge habe seine Leute erreicht. Er hatte ursprünglich damit gedroht, Bachmut am 9. Mai zu verlassen, wenn er nicht genügend Geschosse bekomme, nach einem angeblichen Einlenken der Behörden aber beteuert, die Wagner-Truppe werde die Front doch nicht zum "Wunden lecken" verlassen. Jetzt hieß es von Prigoschin, seine Leute würden "noch einige Tage" vor Bachmut bleiben: "Wir werden kämpfen und dann sehen, was dabei herauskommt." Das russische Verteidigungsministerium bezeichnete er sinngemäß als "Intriganten-Stadl": "Unsere Gegner sind nicht die Ukrainer, sondern die Bürokraten in den eigenen Reihen."

"Warum kann der Staat sein Land nicht schützen?"

Unmittelbar nach Putins Rede auf dem Roten Platz wetterte Prigoschin: "Ein glücklicher Großvater denkt wirklich, dass es ihm gut geht. Wie soll man den Krieg gewinnen, wenn sich plötzlich herausstellt, dass dieser Großvater ein komplettes Arschloch ist." Den Söldnern sei mit Anzeigen wegen "Landesverrats" gedroht worden, falls sie von der Front abzögen. "Die Menschen sind nicht in Panik, aber um es milde auszudrücken, sie sind besorgt. Warum kann der Staat sein Land nicht schützen?" fragte Prigoschin.

Das klingt abermals sehr pessimistisch. In den vergangenen Tagen hatte Prigoschin demonstrativ mehrere Friedhöfe besucht, auf denen "Wagner"-Gefallene bestattet wurden. Das passte zu seinen wiederholten Klagen über die hohe Zahl der Verluste - und zur Einschätzung des ukrainischen Militärgeheimdiensts, dass Prigoschin gar keine Problem mit Munition habe, sondern mit fehlendem Personal. So sagte Andrej Jusow vom ukrainischen Verteidigungsministerium: "Ein Teil der russischen sogenannten politischen Machtelite erwägt verschiedene Szenarien, einschließlich der Planung des Lebens nach Putin, nach dem verlorenen Krieg mit der Ukraine. Daher bereiten sie sich auf verschiedene apokalyptische (und tatsächlich realistische) Szenarien für Russland vor."

Ein Telegram-Blog, der Prigoschins Firma nahesteht, veröffentlichte zum "Tag des Sieges" ein berühmtes Bild des russischen Schlachtenmalers Wassili Wereschtschagin (1842 - 1904) mit dem Titel "Apotheose des Krieges". Darauf ist ein Berg aus menschlichen Schädeln zu sehen, über den die Krähen kreisen. Unterschrift: "Allen großen Eroberern gewidmet - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." Auch das dürfte nicht gerade eine Geste sein, wie sie Putins Leuten behagt.

"Alles kann passieren"

In den Kreisen der russischen "Ultrapatrioten" löste Prigoschins abermalige Volte blankes Entsetzen aus, zumal er und seine kampfstarke Truppe bisher als vorbildlich galten bei den Angriffsoperationen auf die Ukraine. Jetzt raunt der kremlnahe Politologe Sergej Markow, Prigoschin werde "des Hochverrats" verdächtigt. Mit seiner massiven Kritik an der vermeintlichen Feigheit der russischen Armee schlug Prigoschin in eine empfindliche "Kerbe", ist die Stimmung am "Tag des Sieges" bei den Putin-Fans doch ohnehin auf einen Tiefpunkt gesunken. "Ich bin alles andere als optimistisch", hatte Rechtsaußen Igor Strelkow geschrieben. Er sehe "keinen Grund für Feiertage" und erwarte "nichts Gutes". Aus seiner Sicht geht es für Russland nur noch darum, eine "würdevolle Niederlage" zu erstreiten. Im Übrigen müsse sich Putin wohl wegen "Extremismus" verantworten, denn er habe in seiner Rede auf dem Roten Platz ja das Wort "Krieg" benutzt.

"Uns stehen schwere Zeiten bevor", hieß es vom Propagandisten Golowanow mit Bezugnahme auf Prigoschins Äußerungen: "Alles kann passieren. Die Zeiten sind hart. Es sind Zeiten, in denen es nötig ist, zusammenzuhalten." Genau das scheint aber mitnichten der Fall zu sein bei den Verantwortlichen in der Armee. Blogger Alexander Chodakowski warnte davor, sich "endlos im Glanz von Rücklichtern" zu sonnen: "Es ist höchste Zeit zu lernen, wie wir selbst leuchten. Ich wünsche uns allen, dass unsere Nachfahren nicht eines Tages über uns sagen werden: Sie haben damals ihre Vorfahren mit Vergnügen verherrlicht, aber sie sind nicht zu eigener Größe herangewachsen."

Mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow, einst der "liebe Bruder" von Prigoschin, leistet sich der "Wagner"-Chef inzwischen einen wahren "Zicken-Krieg". Kadyrow tadelte Prigoschin öffentlich, er mache "zu viel Lärm": "Beenden Sie das, setzen Sie ihre verfügbaren Kräfte und Mittel unter Druck und passen Sie ihre Taktik der Realität an. Genau wie alle anderen Einheiten." Kadyrow hatte sich angeboten, etwaige Lücken in der Front, die Prigoschins Leute hinterließen, mit eigenen Truppen aufzufüllen.

"Klingt nicht mehr nach Volksverhetzung"

"Ich meine, bis wir die Positionen erreicht haben, bis wir alle Positionen übernommen haben, werden Sie in der Defensive sein", so der Tschetschene an Prigoschin: "Und wenn wir anfangen anzugreifen, werden wir erst zu diesem Zeitpunkt bestimmen, wohin Sie als nächstes gehen. Wir müssen den Umgang mit der Lage komplett ändern. Sie sagen mir, ich hätte stets die Ansicht vertreten, nach den Regeln von Männern zu leben. Deshalb sage ich Ihnen nach dieser Maßgabe: Sie haben das, das und das zu tun. Meine Leute werden sich mit Ihnen in Verbindung setzen und es Ihnen erklären."

Offen wie nie berichten russische Medien über die Verzweiflung im Kreml: "Die Frage, was man als Sieg bezeichnen könnte, klingt nicht mehr nach Volksverhetzung. Die Eliten wollen, dass die 'Situation' (wie die Militäroperation in russischen politischen Kreisen genannt wird) endlich beendet wird und sich mindestens wieder ein relativ normales Leben aufbauen lässt", schreibt die Kolumnistin Ekaterina Vinokurova unter Berufung auf einflussreiche Kreise für das Portal RTVI. Prigoschin sorge mit seinem Alarmismus in der Elite für bange Momente. Im Grunde werde jetzt nur noch gehofft "keine Niederlage" zu erleiden, vom Sieg spreche in den tonangebenden Kreisen keiner mehr.

"Nichts Stärkeres als unsere Einheit"

Präsident Putin hatte bei der sehr kurzen Parade auf dem Roten Platz in Moskau eine vergleichsweise "zahnlose" Rede gehalten und darin beteuert, dass es für Russland "keine feindseligen Völker" gebe: "Wie die große Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten wünschen wir uns eine Zukunft des Friedens, der Freiheit und der Stabilität." Putin warnte vor dem "Zusammenbruch und der Zerstörung" Russlands durch den Westen und appellierte an die Geschlossenheit seiner Landsleute: "Während des Großen Vaterländischen Krieges haben unsere heldenhaften Vorfahren bewiesen, dass es nichts Stärkeres, Mächtigeres und Verlässlicheres gibt als unsere Einheit."

Die Soziologin Swetlana Stevenson sagte in einem Gespräch mit der im Ausland erscheinenden Zeitung "Novaya Gazeta Europe", die Parade in Moskau sehe in "Ermangelung von Siegen in diesem Jahr nicht "sehr überzeugend" aus. Putin habe das "moralische Kapital", das mit dem 9. Mai und dem Sieg über den Nationalsozialismus verbunden gewesen sei, "vollständig zerstört": "Russland wird noch lange mit dem Angriffskrieg in Verbindung gebracht werden, den er in Europa entfesselt hat."

Mangels klarer Strategie und undefinierbarer Kriegsziele habe der Kreml ein Rechtfertigungsproblem gegenüber dem eigenen Volk: "Was wird als Sieg im Krieg mit der Ukraine gelten? Die Regierung antwortet nicht. Nun lebt Russland in der im Roman '1984' beschriebenen Orwellschen Welt, in der sich Ozeanien immer im Krieg befindet – mal mit Ostasien, mal mit Eurasien. Es gibt keine klaren Ziele mehr in diesen Kriegen."

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