Die Schauspielerin auf einer Demo
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Adèle Haenel

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"Sie schützen Vergewaltiger": Aufruhr um Filmfestival Cannes

Schwere Vorwürfe gegen die Festivalleitung von Ex-Schauspielerin Adèle Haenel. Die Organisatoren hofierten nach wie vor männliche Stars unter Missbrauchsverdacht wie Gérard Depardieu und Roman Polanski: "Es stört sie, dass Opfer zu viel Lärm machen."

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Mag sein, dass Festivalchef Thierry Fremaux über das diesjährige Programm der Filmfestspiele von Cannes reden wollte, aber das interessierte die anwesenden Journalisten offenbar wenig: Das wichtigste US-Branchenblatt "Variety" kennt jedenfalls nur ein Thema. Letzte Woche hatte die Ex-Schauspielerin Adèle Haenel in einer französischen Zeitschrift schwere Vorwürfe gegen die Organisatoren erhoben. Sie schützten "Vergewaltiger", nämlich männliche Stars, die unter Missbrauchsverdacht stünden, wie Gérard Depardieu und Roman Polanski: "Es verunsichert und stört sie, dass deren Opfer zu viel Lärm machen; Sie würden es vorziehen, wenn wir weiterhin unsichtbar blieben und schweigend sterben würden. Sie sind bereit, alles zu tun, um ihre Vergewaltiger-Bosse zu verteidigen, diejenigen, die so reich sind, dass sie glauben, einer überlegenen Spezies anzugehören, diejenigen, die diese Überlegenheit zur Schau stellen, indem sie Frauen und Untergebene zu Objekten machen."

"Verrückte Dissonanz"

Thierry Fremaux schimpfte auf der Eröffnungspressekonferenz über Haenels "radikale" und "falsche" Meinungsäußerungen und sagte zu den Journalisten: "Wenn Sie dächten, dass es ein Festival für Vergewaltiger ist, wären Sie bestimmt nicht hier und würden mir zuhören, Sie würden sich nicht darüber beschweren, dass Sie keine Eintrittskarten für Vorführungen bekommen." Was Adèle Haenel betreffe, habe sie 2019 bei ihrem Auftritt in Cannes sicherlich noch anders gedacht, außer "sie leide unter einer verrückten Dissonanz". Die Ex-Schauspielerin hatte ihren Beruf mit dem Ausruf "Bravo, Pädophilie!" demonstrativ an den Nagel gehängt, nachdem der Regisseur Roman Polanski 2020 einen César erhalten hatte, den wichtigsten Regie-Preis der französischen Filmbranche, obwohl er sich mehreren Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt sah. Er soll Minderjährige belästigt und verführt haben.

Fremaux sah sich unterdessen veranlasst, den außer Konkurrenz laufenden Eröffnungsfilm zu verteidigen, in dem Johnny Depp den französischen König Ludwig XV. spielt: "Ich weiß nichts über das Image von Johnny Depp in den USA. Um die Wahrheit zu sagen, in meinem Leben gibt es nur eine Regel: die Freiheit des Denkens und die Freiheit des Redens und Handelns innerhalb des rechtlichen Rahmens."

Johnny Depp, der ebenfalls mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert war, habe kein Berufsverbot, der fragliche Film "Jeanne du Barry" sei auch nicht verboten worden. Johnny Depp liege ihm als "Schauspieler am Herzen", so Fremaux, alles andere interessiere ihn in diesem Fall nicht, denn in seiner "schwierigen Rolle" sei Depp großartig. Alle weitergehenden Fragen richteten sich an die französische Regisseurin Maïwenn Le Besco, die ihn schließlich besetzt habe.

"Ich gehe, ich streike"

Adèle Haenel hatte kritisiert, dass die Filmbranche ihren gewohnten Alltag fortführe, trotz Artensterbens und "Militarisierung der Welt". Offenbar wollten alle nur ihre Ruhe haben, statt sich den Problemen zu stellen: "Ich habe keine andere Waffe als meinen Körper und meine Integrität. Beenden Sie die Kultur im engeren Sinne: Sie haben das Geld, die Kraft und die Mittel, Sie sonnen sich darin, aber Sie wollen mich nicht mehr als Ihre Zuschauerin haben. Ich lösche euch aus meiner Welt. Ich gehe, ich streike, ich schließe mich meinen Kameraden an, deren Streben nach Sinn und Würde wichtiger ist als das nach Geld und Macht."

Sie werde abwarten, ob am Ende "Polizeikräfte" die Ordnung auf dem Roten Teppich von Cannes garantieren würden, im Auftrag der "Luxusindustrie", so die mehrfach mit Césars ausgezeichnete und nominierte Haenel, die bis 2020 viel beschäftigt war ("Porträt einer jungen Frau in Flammen", " Lieber Antoine als gar keinen Ärger"). Künftig will sich Haenel nach eigenen Worten auf das Theater konzentrieren, wo es um deutlich weniger Geld gehe als in der Filmindustrie.

Die Filmfestspiele in Cannes beginnen am 16. und enden am 27. Mai.

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