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Sie kommt aus Chouvenien: "Venedig im Schnee" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott

Paare beim Auspacken

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    Sie kommt aus Chouvenien: "Venedig im Schnee" in Eggenfelden

    Gilles Dyreks Erfolgskomödie über Paar-Beziehungen und das schlechte Gewissen der Wohlstands-Europäer gegenüber ärmeren Ländern eröffnet im Theater an der Rott die Spielzeit. Die Begleitumstände sind betrüblich, die Lacher kamen trotzdem von Herzen.

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    Zugegeben, das Lachen könnte einem wirklich vergehen, wenn am Eingang das Fieberthermometer gezückt wird. Das Einlass-Personal trägt weiße Handschuhe, hakt die Namen der Gäste auf einer Liste ab, der Dokumentation wegen, und bittet sie dann höflich, aber bestimmt zum Desinfektionsmittel-Spender. Und im Saal heißt es freundlich, die Zuschauer möchten doch bitte mit dem Gesicht nach vorn wieder aufstehen, sicher ist sicher. Und Vorsicht ist im Corona-Hotspot Rottal-Inn mit aktuell knapp 87 Fällen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche ja tatsächlich geboten. So sehr, dass die Zuschauer dort ihre Masken jetzt auch während der Vorstellung anbehalten müssen - bei der Premiere war das noch nicht der Fall, die Regel änderte sich erst um Mitternacht. Klar ist es da schwer, den Überblick zu bewahren.

    Widersprüchlich, aber sehr unterhaltsam

    Und nicht nur Intendant Uwe Lohr vom Theater an der Rott berichtet, dass es derzeit gar nicht so leicht ist, die ohnehin wenigen zur Verfügung stehenden Plätze zu besetzen. Viele Leute, selbst treue Abonnenten, zieht es nicht in die Theater und Konzertsäle, vor allem nicht die Älteren. Wer will es ihnen verdenken? Und jetzt auch noch eine französische Boulevardkomödie zum Auftakt der neuen Spielzeit, "Venedig im Schnee", eigentlich eine sichere Bank, aber wem ist denn derzeit nach ausgelassener Heiterkeit zumute? Wer will sich über Beziehungsprobleme amüsieren? Lautes Lachen ist doch auch schon wieder ein Risiko! So gesehen war es zwar ein widersprüchlicher, aber trotzdem ein sehr unterhaltsamer Abend, der von der "Normalität" weit entfernt war, aber doch ahnen ließ, dass es nach wie vor ein großes Bedürfnis nach guter Unterhaltung gibt, nicht nur auf Netflix und Amazon.

    © Theater an der Rott

    Auf Abstand: Regeln auch auf der Bühne

    Mit seiner Komödie "Venedig im Schnee" landete Gilles Dyrek 2003 bei der Uraufführung am Théâtre de la Pépinière-Opéra in Paris einen beachtlichen Erfolg: 400 Vorstellungen, allein in Deutschland spielten das Stück bisher dreißig Bühnen nach. Und zum zehnjährigen Jubiläum 2013/14 inszenierte Dyrek seine Komödie abermals selbst in Paris, wieder mit großen Erfolg, denn der Stoff bleibt aktuell: Die etwas schnippische Patrizia ist von einem gemeinsamen Besuch mit ihrem Freund Christoph bei spießigen Bekannten so genervt, dass sie sich als Ausländerin neu erfindet. In einer Fantasie-Sprache brabbelnd behauptet sie, irgendwo vom Balkan, genauer gesagt aus Chouvenien zu kommen, was sämtliche Instinkte der Gastgeber mobilisiert, die abwehrenden und die Anteil nehmenden. Warnen Nathalie und vor allem Luck, beide in einem Alptraum von Beige gekleidet, zuerst noch davor, dass die Frau sich das Aufenthaltsrecht erschleichen könnte und es nur aufs Materielle abgesehen hat, sammeln sie schließlich allerlei unbrauchbaren Krimskrams für sie, "als Spende" - und trennen sich letztlich sogar von lieb gewordenen Schneekugeln: Eine mit Venedig-Motiv, eine aus Salzburg. Schluchz!

    Anhänglich wie die Welpen

    Der Clou des Stücks: Es geht vordergründig um die bizarren Reaktionen auf eine scheinbare Exotin aus einer nahe gelegenen, aber bedrohlich armen Gegend, tatsächlich jedoch um die Frage, was eine gute Paar-Beziehung ausmacht. Regisseur Uwe Lohr bringt das in rasanten 65 Minuten sehr komödiantisch rüber, ohne jemals auf oberflächlichen Klamauk zu setzen. Alle vier auf der Bühne bleiben absolut glaubwürdig, selbst wenn sich Nathalie und Luck hundert Mal mit "Schnuffi" anreden und hintereinander herwuseln wie die Welpen. Und auch Patrizia und Christoph, das coole Paar, das "irgendwas mit Medien" macht, ist überhaupt nicht affektiert oder überdreht, sondern einfach nur zickig, genervt, mittendrin in einer Mini-Krise.

    © Theater an der Rott

    Vor der Lasagne und dem Nachtisch

    Herrlich, wenn Nathalie mal schnell bei ihrem Bekannten vom Ausländeramt anruft, ob der nicht etwas tun kann für die "illegale" Patrizia. Und ebenso witzig, wenn Luck auf die Frage nach einer Barspende für Ex-Jugoslawien den Preis von 100 auf 35 Euro runterhandelt - Hilfsbereitschaft kennt also keine offenen Grenzen. Und als sich immer mehr nutzloser Hausrat auf der Bühne ansammelt, eine Kuckucksuhr, Stofftiere, eine Decke, ein Pullover mit Elch-Motiv und ein Gemälde - alles für Chouvenien, da stellt sich natürlich die Frage, wie Patrizia aus dieser Nummer rauskommt. Jedenfalls nicht mit dem Griff zur Schneekugel, die sprengt im Gegenteil die bis dahin so harmonische Beziehung der Gastgeber.

    "Balkan"-Tanz als Höhepunkt

    Das teils neue, teils bewährte Ensemble mit Yvonne Köstler, Martin Puhl, Vanessa Boritzka und Norman Stehr hat einen guten Auftakt erwischt mit dieser fast schon lässigen, fleißig Türen klappenden Produktion. Es ist ihr anzumerken, dass Uwe Lohr am liebsten Komödien inszeniert. An kleineren Theatern allerdings mangelt es häufig am Tempo, und nichts ist schlimmer für derartige Boulevardstücke, als wenn sie "durchhängen", Pausen entstehen, der Text "aufgesagt" wird. Nichts davon verschattete diese Premiere. Die könnte auch in München oder Nürnberg ohne Weiteres ihr Publikum finden - mit einem vermeintlichen "Balkan"-Tanz als absolutem Höhepunkt.

    Ist doch vorbildlich, wenn eine Komödie ein eigentlich sehr ernstes und vor allem aktuelles gesellschaftliches Thema derart gekonnt satirisch behandelt. Viel Applaus - und hoffentlich viele unerschrockene, wenngleich vorsichtige Zuschauer bei den Folge-Aufführungen.

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