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"Im Kleinen im Rahmen des Möglichen zu kämpfen, lohnt sich." | BR24

© Georgias Kefalas/dpa/picture-alliance

Brechtpreis für Sibylle Berg

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"Im Kleinen im Rahmen des Möglichen zu kämpfen, lohnt sich."

Als "Darstellungsexpertin der Verführbarkeit durch das Grauen" feierte Laudatorin Julia Encke die Autorin Sibylle Berg. Jetzt wurde die Kolumnistin, Romanautorin und Dramatikerin in Augsburg mit dem Bertolt Brecht-Preis ausgezeichnet.

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"Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot". So heißt Sibylle Bergs erster Roman. Das Manuskript hat sie damals 50 Verlagen angeboten, die alle ablehnten. Der 51ste hat es schließlich gedruckt. Ein Viertel Jahrhundert später kann sich die Schriftstellerin vor Anerkennung kaum retten. Innerhalb von gut drei Monaten erhielt Sibylle Berg drei Preise in drei verschiedenen Ländern: Den Nestroy in Österreich, den Grand Prix in der Schweiz und jetzt also den Brechtpreis in Augsburg. Stellt sich die Frage: Kann man sich darüber überhaupt noch anständig freuen? "Freuen, ne Freuen ist ein bisschen komisch, weil es ja eine Überraschung ist und weil ich Überraschungen nicht leiden kann. Also freue ich mich da nicht so, sondern eher dann im Nachhinein. Das ist dann so ein leises Grummeln des Wohlbefindens", sagt Sibylle Berg.

Der Ekel wächst

Mehr als für ein leises Grummeln des Wohlbefindens ist Sibylle Berg bekannt für ein latentes Unwohlsein – für ihre große Sorge um den Zustand der Welt, der sich manchmal kaum mehr ertragen lässt. Das Klima, der Neoliberalismus, die USA, die Faschisten – und die Angst wächst – auch in ihr? "Nein, eher der Ekel", sagt Berg. "Angst ist so… wir müssen ja alle mal sterben. Aber es ist so ein Unverständnis und ein Ekel, wenn ich vor allen Dingen die Zielgruppe von rechter Propaganda sehe. Also das sind ja in den seltensten Fällen Menschen, die beschissen bezahlt werden, sondern es sind hauptsächlich Mittvierziger, stramme Männer, die schön Schinken-Käse zum Frühstück gegessen haben, die in Wohnungen mit Heizung leben, an Orten, wo es gar nicht viele Ausländer gibt. Ausländer, oder eben Menschen, die anders aussehen als pinkfarben. Und das ekelt mich, wie man ungebremst und ohne dafür geächtet zu werden, seinen Darminhalt irgendwie ausstülpen kann."

Kollisionen mit dem harten Granit der Wirklichkeit

Sibylle Berg hat sich mit ihrer literarischen Arbeit noch nie in der Komfortzone eingerichtet. Sie sucht auch nicht die billige Provokation, sondern legt es auf Kollisionen an. Kollisionen mit dem harten Granit der Wirklichkeit. So auch in ihrem jüngsten Roman, der im vergangenen Jahr erschienen ist. Er heißt GRM – Brainfuck und spielt in der nahen Zukunft, in einer Post-Brexit Zeit, in der Ausländer ihre Aufenthaltsgenehmigungen verloren haben und draußen vor der Stadt hausen, während drinnen die Künstliche Intelligenz an den Tresen bedient. Alles gar nicht so weit weg, denkt man sich. Dieser Roman legt Missstände der Gegenwart samt deren Ursachen mit brutaler Offenheit dar.

Doch hinter dem heiligen Zorn von Sibylle Bergs Stücken und Romanen steht eine gar nicht so geheime Sehnsucht nach einer besseren Zukunft. Und nach einem gesellschaftlichen Kompass: "Das ist ja das, was gerade so ein bisschen von diversen Politikerinnen zerstört wird, also dass es eigentlich einen gesellschaftlichen Kompass gibt. Und dass der gerade wegbricht, das macht mich fassungslos. Das wird befeuert von irgendwelchen Dumpfbacken, die den Schlägertrupp für Neoliberale machen."

Was Berg und Brecht verbindet

Mit großem Bemühen suchte die Jury des Augsburger Brechtpreises nach dem, was Brecht und Berg verbinden könnte. Mit mindestens genauso großer Anstrengung versucht Sibylle Berg, den Ähnlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Sie hasst Max Frisch, Thomas Mann findet sie blöd und Günther Grass ist ihr ein Greul. Und Brecht? "Es sagt mir einfach nichts. Es ist ja so, dass meine Arbeit vielen Menschen auch einfach nichts sagt."

Den Kanon also bei Seite – oder doch nicht? Er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Sibylle Berg, die seit einiger Zeit zusammen mit einem Dutzend Mitstreiterinnen für Spiegel Online einen neuen Bildungskanon erarbeitet, der Frauen würdigt, nutzt die Augsburger Preisverleihung für ein Statement: "In meinen Büchern und Stücken versuche ich neue Rollenbilder zu schaffen, mit meinem Durchhalten, den Hass, der mir vornehmlich von Männern entgegengebracht wird, halte ich gerne aus. Es ist mir egal, denn ich weiß, dass jede nicht männliche Person, die aushält, durchhält, weitermacht, hilft, den Unterrepräsentierten Mut zu machen. Im Kleinen, im Rahmen des Möglichen zu kämpfen, lohnt sich."

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