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"Siberian Summer": Fotografien vom tauenden Permafrost | BR24

© Olaf Otto Becker Audio: BR

Tauender Permafrost beeinflusst das globales Klima: Erwärmung, steigende Meeresspiegel, Wetterextreme. Was dabei vor Ort in Sibirien passiert, wie sich die Landschaft verändert, zeigt der Münchner Fotograf Olaf Otto Becker in eindrucksvollen Bildern.

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"Siberian Summer": Fotografien vom tauenden Permafrost

Urwälder, Höhlen, ewiges Eis: Wenn der Mensch dort aktiv wird, stört er das natürliche Gleichgewicht. Wie nachhaltig, dokumentiert der Münchner Fotograf Olaf Otto Becker. Sein neuer Band über Sibirien zeigt apokalyptische Orte – und ihre Schönheit.

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Unter ein paar hundert Meter dicken Eisschichten lagern riesige Kohlenstoffspeicher mit Tonnen abgestorbener Pflanzenreste. Etwa ein Viertel der Landfläche auf der Nordhalbkugel ist von Permafrost bedeckt. Oder besser war, denn jetzt taut der Permafrost, zum Beispiel in Sibirien, und die dadurch freigesetzten Treibhausgase verändern das globale Klima: noch mehr Erwärmung, steigende Meeresspiegel, Wetterextreme werden erwartet. Im August 2019 ist der Münchner Fotograf Olaf Otto Becker nach Sibirien gefahren, es war ein besonders warmer Sommer, zum Teil über 30 Grad warm. Nun ist sein Bildband erschienen: "Siberian Summer". Eine weitere eindrucksvolle fotografische Untersuchung, inwieweit der Mensch durch sein Handeln eingreift in die Abläufe der Natur. Das hat Olaf Otto Becker auch bereits im grönländischen Eis, auf Island, in Urwäldern und Höhlenlandschaften ergründet und festgehalten. Barbara Knopf hat mit dem Fotografen über seine Reise und seine Bilder gesprochen.

Herr Becker, man sieht in Ihrem Bildband "Siberian Summer" zunächst menschenleere, sehr urzeitlich wirkende Küstenlandschaften, alles graubraun, Fels und Gestein, über das offenbar Wasser läuft, zugleich aber wirkt alles erstarrt. Was zeigen denn diese Fotos?

Ich zeige in dem ersten Kapitel des Buches tauende Permafrostklippen in Sibirien im Lena-Delta. Diese Klippen sind ungefähr 25 Meter hoch und bestehen aus Eis, aber auch aus Erde, die Wissenschaftler nennen das Yedoma. Diese Klippen erodieren, besonders im Sommer, sehr stark aufgrund des immer wärmer werden Klimas, das man jetzt auch speziell in Sibirien beobachten kann. Wie zeigt man fotografisch tauenden Permafrost? Normalerweise sieht man dann eine grüne Wiese, einen Tundraboden, der feucht wird – aber das ist letztendlich nicht sehr spektakulär und auch visuell nicht so anschaulich wie eine Steilküste, bei der Teile herunterbrechen. Das Schwierigste ist, dahin zu kommen, es fehlt jegliche Infrastruktur. Deshalb musste ich mich an die Logistik des Alfred-Wegener-Instituts in Potsdam und einer Expedition anschließen. Die Bedingungen vor Ort waren dann für mich ideal, weil es permanent einen bedeckten Himmel gab, der teilweise durch die Brände in der Taiga hervorgerufen war, oder andere klimatische Gründe hatte. Und dieses neblige, schattige Licht ist für Landschaftsfotografie grundsätzlich gut.

Was Sie zeigen, wirkt sehr dramatisch, es gibt auch bizarre Skulpturen: Da liegt dann ein großes Gebilde am Strand wie eine kohlefarbene Sphinx. Das ist fast ein Kunsterlebnis.

Ja, das war ganz eigenartig. Ich habe zwei Inseln besuchen können, wo man diese Permafrost-Steilküsten finden kann. Auf der zweiten Insel war die Erde sehr durchwoben von Wurzeln. Wenn Teile herunterbrachen, blieben skulpturenartige Formen übrig. An der gesamten Küste war eine Skulptur nach der anderen zu finden. Man braucht nicht allzu viel Fantasie dazu, um darin Figuren zu sehen, Hunde, einen in der Meditation versunkenen Mönch oder was auch immer. Das war sehr spannend und für mich auch ein bisschen gespenstisch. Hier taut der Permafrost und gleichzeitig kamen mir diese Figuren vor, als würden sie sich gegen diese Zersetzung, diese Erosion wehren wollen.

© Olaf Otto Becker

Verloren in der Landschaft: Feldstudien in Permafrost-Landschaft

Ist es eigentlich so still, wie es auf Ihren wirklich sehr berückenden Fotos aussieht? Oder ist es laut, wenn diese 40.000 Jahre alten Klippen ins Rutschen kommen?

Größere Teile sind Gott sei Dank nicht heruntergebrochen, während ich da entlanggegangen bin. Aber man hört natürlich permanent das Klatschen von Erdteilen, die nach unten brechen, dann das Gluckern, überall läuft Wasser herunter. Und auf der zweiten Insel, wo diese Skulpturen zu finden waren, wurde ich während meines gesamten Spaziergangs von einer aufgeregten Falkenmutter begleitet, die ihr Küken, das oben in den Klippen saß, noch flugunfähig, schützte und mich warnen oder verjagen wollte. Es war wirklich das einzige Lebewesen, das ich dort bei meinen Küstenwanderungen entlang dieser Permafrost-Klippen gefunden habe.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie mit dem Alfred-Wegener-Institut in Potsdam zusammengearbeitet haben. Sie haben auch den Forscheralltag in Sibirien abgebildet.

Die Forschungsstation Samoilow im Lena-Delta wird als Kooperation von russischen Forschern mit dem Alfred-Wegener-Institut betrieben. Eines der Hauptgebiete ist die Erforschung von Permafrost. Man lässt zum Beispiel Drohnen steigen, Gaszusammensetzungen werden gemessen, die beim Tauprozess entstehen. Man untersucht die Zusammensetzung der Pflanzen auf dem Tundraboden, wo sich in manchen Gebieten schon Pflanzen ansiedeln, die man vorher dort nicht erwartet hat, die aber jetzt aufgrund der Erwärmung auch dort zu finden sind. Diese Forschungsabläufe zu illustrieren war für mich nicht so interessant. Ich wollte lieber das Verlorensein in der Landschaft darstellen: Da ist eine einzelne Gruppe in einer menschenleeren Landschaft, wo über Tausende von Kilometern niemand ist, und jemand hantiert dort mit Geräten herum. Es ging mir darum, dieses Merkwürdige von unserem Tun festzuhalten.

© Olaf Otto Becker

Dystopische Schrotthalde: "Der Hafen von Tiksi 2"

Es gibt noch einen dritten Teil in Ihrem Bildband "Siberian Summer". Der Ort Tiksi ist ein Hafenort, aber auf den Fotos sieht man Geisterschiffe, Schiffswracks, alles scheint verrostet, Panzer, Traktoren, LKWs. Auf mich hat das gewirkt wie eine dystopische Schrotthalde.

Ja, so ungefähr war das auch, ein sehr apokalyptischer Ort. Zur Zeit der Sowjetunion wurden in Tiksi 65 Prozent des Handels von Jakutien abgewickelt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde dort allerdings auch die Versorgung knapp. Wenn irgendwo eine Zündkerze in einem Schiff fehlte, zum Beispiel bei einem Motor, dann war dieses Schiff einfach nicht mehr fahrbereit. Und Zug um Zug verrottete dort alles. Der ganze Hafen ist ein Schiffsfriedhof. Es wohnen jetzt nur noch 10 Prozent der Bevölkerung da, aber Tiksi liegt direkt an der Nordost-Passage. Und wenn die Nordost-Passage aufgrund der Klimaerwärmung in Zukunft im Sommer sehr gut befahrbar ist, dann wird diese Nordost-Passage, die Europa mit Asien verbindet, zu einer wichtigen Schifffahrtsroute. Und dann wird auch Tiksi wieder wichtig. Das ist das Absurde: Die Klimaerwärmung weckt gerade Hoffnungen bei der Bevölkerung, dass sich dort alles zum Besseren wendet.

© Olaf Otto Becker

Kindheit an einem fragilen Ort: "Porträt von Slava"

Wie sehen Sie denn eigentlich Ihre Rolle als Fotograf? Bei mir haben Ihre Bilder auch ein Gefühl für Vergänglichkeit ausgelöst – obwohl alles so zeitlos aussieht, wirkt es zugleich auch so unendlich fragil.

Das erlebe ich immer wieder bei meinen Langzeitbeobachtungen, zum Beispiel in Island. Seit 1999 reise ich immer wieder nach Island und fotografiere Landschaften vom gleichen Standpunkt aus. Und stelle fest, dass an einigen Orten die Veränderungen ganz schnell vorangehen, während an anderen Orten, wo der Mensch überhaupt keinen Einfluss hat, über 10 oder 20 Jahre gar nichts passiert, nichts sichtbar ist. Und das ist für mich auch eine Art von Fragilität. Die Dimensionen, die Maßstäbe, die wir haben, sind nur menschlich, es ist ein sehr kleiner Zeitraum, den wir beobachten können.

Der Fotoband "Siberian Summer" von Olaf Otto Becker ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 68 Euro.

© Olaf Otto Becker

Erschienen im Verlag Hatje Cantz: Der eindrucksvolle Fotoband "Siberian Summer" von Olaf Otto Becker

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