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Shylock als Opfer: Der "Kaufmann von Venedig" in München | BR24

© BR/Arno Declair

Shakespeares "Kaufmann von Venedig" ist ein umstrittenes Stück: Denn der Jude Shylock kann als antisemitisches Zerrbild gelesen werden. Am Münchner Volkstheater fand Regisseur Christian Stückl einen anderen Blick auf die Figur.

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Shylock als Opfer: Der "Kaufmann von Venedig" in München

Shakespeares "Kaufmann von Venedig" ist ein umstrittenes Stück: Denn der Jude Shylock kann als antisemitisches Zerrbild gelesen werden. Am Münchner Volkstheater fand Regisseur Christian Stückl einen anderen, extrem gegenwärtigen Blick auf die Figur.

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Die Prämisse von Shakespeares "Kaufmann von Vendig" ist ebenso berühmt wie berüchtigt: Ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Christen Antonio, falls dieser seine Schulden nicht rechtzeitig zurückzahlt. Dass Shylock, der Jude, dieses Pfand, dieses Stück Fleisch später tatsächlich auch einfordert und damit das Klischee des blutrünstig bösen Wucherers auf den ersten Blick übererfüllt, hat Shakespeares Stück auf ewig den Stempel des Antisemitischen eingebracht, so dass viele es eigentlich für nicht mehr spielbar halten. Am Münchner Volkstheater allerdings scheint Christian Stückl dies tatsächlich ganz anders zu sehen und macht das von Beginn an sichtbar.

Klare Fronten

Zunächst einmal unterscheidet sich sein Shylock in Gestalt von Pascal Fligg im Outfit nicht wirklich von seiner Umwelt, die wie er im Börsen-Bubi-Nadelstreifen im goldgestählten Ambiente einer eleganten Lobby herumläuft. Mit gleich drei Drehtüren ermöglicht sie schwungvolle Auf- und Abtritte.

Doch zugleich wird mehr als deutlich, wer hier gut und wer böse sein soll, wer ausgrenzt und wer der Ausgegrenzte ist. Und so wird Shylocks berühmte Klage am Anfang des dritten Aktes, in der Shylock Gleichbehandlung – auch im Recht auf Rache – einfordert, zum Herz dieser Inszenierung: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht. Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht. Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht. Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen. Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's auch darin sein."

© Arno Declair

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Wie groß Christian Stückls Sympathie für den Gedemütigten ist, zeigt sich dann aber daran, dass er ihm eine ethische Grenze ins Gewissen geschrieben hat. Hält Shakespeares Shylock in aller Konsequenz und Unmenschlichkeit an seiner rünstigen Rache fest, und bekommt dafür dann eine gleichsam nachfühlbare gerechte Strafe, so verhält sich der Münchner Shylock nun anders. Er will nicht das Pfund Fleisch, sondern bleibt bei der Drohung.

Ewiges Opfer

Doch sein Innehalten nützt ihm nichts, all seiner Güter und Rechte beraubt, steht er am Ende als das da, als das ihn Christian Stückl von Beginn an zeigen will, als Opfer eines brutalen Antisemitismus. Es ist diese konsequente Interpretation, die Stückls Inszenierung so interessant macht und die über so manche sprachlich klobige Vergegenwärtigung oder gestische Überzeichnung hinwegsehen lässt. Ohnehin weiß man, dass das Volkstheater-Ensemble eigentlich mehr kann. Und so schmälert das die Bedeutung dieses "Kaufmanns von Venedig" – gerade auch in Zeiten des Anschlags von Halle – nicht wirklich.

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