BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

"Show-Tumult" und "Ballettskandal": Faust-Theaterpreise vergeben | BR24

© Julian Röder/Volksbühne Berlin

Grelle Ausstattung: "Ultraworld"

Per Mail sharen

    "Show-Tumult" und "Ballettskandal": Faust-Theaterpreise vergeben

    Künstler bayerischer Bühnen waren diesmal kaum nominiert - von einer Ausnahme abgesehen. Bei einer virtuellen Gala am Staatstheater Hannover wurden die diesjährigen "Faust"-Preise des Deutschen Bühnenvereins vergeben - mit Überraschungen.

    Per Mail sharen

    Die wegen einer Muskelerkrankung auf den Rollstuhl angewiesene Lucy Wilke, Ensemble-Mitglied bei den Münchner Kammerspielen, und der polnische Tänzer Paweł Duduś wurden für ihre Mitwirkung an der Produktion "Scores that shaped our friendship" der Tanztendenz München/Schwere Reiter mit einem "Faust" ausgezeichnet. Die beiden erforschen mit ihrer Performance das Auf und Ab eines Beziehungslebens mit Handicap: "Sie fordern die Stereotypen und normativen Wahrnehmungen unserer Gesellschaft heraus, die alles, was anders ist, eifrig kennzeichnet, marginalisiert und diskriminiert", heißt es in der Stück-Beschreibung: "Eine Arbeit, die Einblicke gewährt in eine alternative Lebens- und Seinsform, deren Qualitäten und Werte in unserem täglichen Leben viel zu wenig präsent sind."

    "Rabiater Narzissmus und suizidaler Furor"

    Für ihre Mitwirkung als "Mary Tyrone" in Eugene O'Neills Klassiker "Eines langen Tages Reise in die Nacht" erhielt die Schauspielerin Astrid Meyerfeldt einen "Faust". Regie führte bei dieser Produktion Luk Perceval. Ein Kritiker würdigte Meyerfeldts Leistung nach der Premiere so: "Astrid Meyerfeldt spielt den rabiaten Narzissmus, den suizidalen Furor der Mary mit atemberaubender Energie. Das 'Nervenbündel', das sie ist, muss sie gar nicht illustrieren: Wenn sie sich in die Haare greift oder ihre Hände 'auf dem Tisch flattern', erfährt man dies aus dem eingesprochenen Kommentar; indem die Regie den Naturalismus der Szene aushebelt, richtet sich der Blick umso entschiedener auf den wie mit einem Seziermesser bloßgelegten existenziellen Kern."

    © Christian Knörr/Theater Basel

    Patrick Zielke

    Einigermaßen überraschend war die Auszeichnung des Bassisten Patrick Zielke für seine Leistung als "Baron Ochs auf Lerchenau" im "Rosenkavalier" am Theater Bremen. Immerhin hatte er zwei gefeierte Sopranistinnen als direkte Konkurrentinnen: Lise Davidsen, die bei den Bayreuther Festspielen als Elisabeth in Wagners "Tannhäuser" begeisterte und noch im Oktober als Sieglinde in der "Walküre" an der Deutschen Oper Berlin bejubelt wurde, und die bereits mehrfach als "Sängerin des Jahres" gewürdigte Marlies Petersen, die in München als Marietta in Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" Furore machte.

    "Kumpeltyp zum Pferde stehlen"

    Doch Zielke gilt nach Einschätzung des wichtigsten Bremer Lokalblatts als "Kumpeltyp" und ist vielleicht gerade deshalb preiswürdig, weil er so gar nicht zum äußeren Glamour des Operngeschäfts passt: "Einer, mit dem man Pferde stehlen kann. Ein Pfundskerl, der bei Publikum und Kollegen gleichermaßen beliebt ist. Patrick Zielkes Zuhause ist das Theater. Er liebt es, morgens in der Kantine mit den Technikern, mit denen er auf du und du ist, zusammen Mettbrötchen zu frühstücken."

    Martin G. Berger überzeugte die Jury in der Kategorie Musiktheater-Regie für seine Interpretation der "Ariadne auf Naxos" am Deutschen Nationaltheater Weimar. Rezensenten sprachen von einem bejubelten "Show-Tumult": "Das Ganze ist kurzweilig, sehr lustig und mitunter überraschend anrührend, denn zu jeder Zeit kommt die Musik zu ihrem Recht mit einem exzellenten Ensemble."

    Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak wurde mit einem "Faust" bedacht, weil sie am Hamburger Thalia-Theater einen Roman von Szczepan Twardoch über den Boxer Jakub Saphiro für die Bühne adaptierte. Die Jury urteilte: "In choreographischen Bildern inszeniert Marciniak fragile Beziehungen zwischen Liebe und Betrug, Gewalt und Verrat."

    Ballett-Skandal als Thema

    Der aus Puerto Rico stammende Choreograph Bryan Arias erhielt einen "Faust" für seinen Tanzabend "29 May 1913",, in dem er einen der größten Ballett-Skandale zum Thema machte, die Pariser Uraufführung von "Le Sacre du Printemps" am titelgebenden Datum. Komponist Igor Strawinsky und Tänzer Vaslav Nijinsky versetzten ihr Publikum derart in Raserei, das sie damit Geschichte schrieben. Warum das bis heute viel aufgeführte Stück die Leute damals eigentlich derartig in Aufruhr versetzte, darüber machte sich Arias in seinem vierzigminütigen Werk seine eigenen Gedanken.

    © Hessissches Staatsballett Wiesbaden

    Szene aus "Le Sacre du Printemps"

    Der Preis für das beste Bühnenbild geht an Markus Selg für seine grellbunte Ausstattung von „Ultraworld“ an der Berliner Volksbühne. Gezeigt wurde dort, wie sich Hauptfigur Frank in einem computeranimierten Labyrinth verirrt, das sich optisch an den virtuellen Welten von "Second Life" orientierte.

    "Sie schubsen und sie retten sich"

    Choreographin Antje Pfundtner vom Jungen Theater Bremen MOKS durfte sich für ihre Regie-Arbeit "Ich bin nicht wie Du" über einen Faust freuen, ein Stück über die Suche nach der eigenen Identität. Der "Weser-Kurier" urteilte nach der Premiere über die Aufführung: "Das Stück pendelt zwischen Witz und Ernst, das Publikum im Grundschulalter bleibt bis zum Ende gespannt, es wird viel gelacht. Die Darsteller verteilen Komplimente und Vorwürfe, sie schubsen und sie retten sich. Die Bilder und Dialoge sind oft abstrakt, das junge Publikum ist dennoch wie gefesselt."

    Der Choreograph William Forsythe hatte den "Faust" für sein Lebenswerk zuerkannt bekommen. Der 70-Jährige US-Amerikaner, der von 1984 bis 2004 Ballettdirektor in Frankfurt war, habe den zeitgenössischen Tanz durch seine Arbeit entscheidend beeinflusst, hieß es bereits im Vorfeld der virtuellen Gala.

    Über die Preisträgerinnen und Preisträger entschied eine fünfköpfige Jury, die von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benannt worden war. Die Jury setzte sich zusammen aus den Akademiemitgliedern Tatjana Gürbaca (Regisseurin), Regina Guhl (Professorin für Schauspiel und Dramaturgie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover), Tim Plegge (Hauschoreograf am Hessischen Staatsballett), Marion Tiedtke (Ausbildungsdirektorin Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main) und Jürgen Zielinski (Regisseur und Intendant a.D.).

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!