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Shortlist für den Leipziger Buchpreis: Nichts wie weg

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Shortlist für den Leipziger Buchpreis: Nichts wie weg

Die Leipziger Buchmesse ist verschoben – der Buchpreis soll trotzdem im Mai beim Lesefest „Leipzig liest“ vergeben werden. Jetzt sind die Nominierungen in den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Übersetzung verkündet worden.

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Von
  • Judith Heitkamp

Es ist nicht zu übersehen in der Kategorie Belletristik: man geht gern weg in den fünf Werken, die die Jury als Kandidaten für den Leipziger Buchpreis in Corona-Zeiten ausgewählt hat. Oder täte es zumindest, wenn möglich. Ans Meer, nach New York, auf Reisen - und dann blickt man zurück auf vergangene Jahre. Judith Hermanns Protagonistin in „Daheim“ etwa zieht ans Meer und lässt dabei ihr vergangenes Leben hinter sich; im schlicht-eleganten Herrmann-Sound, der beim Lesen ein bisschen in die 90er katapultiert, als die Berliner Autorin mit „Sommerhaus, später“ die literarische Szene in ihren Bann schlug. Mit „Daheim“ rückt die Jury einen Roman in den Fokus, der noch gar nicht erschienen ist – bereits jetzt aber Aussichten auf Preiskrönung erhält.

Belletristik: Träume vom Neuanfang

Auch Christian Krachts Roman „Eurotrash“ schlägt einen Bogen zurück, der Autor spiegelt im nun nominierten „Eurotrash“ sein Debüt „Faserland“ von 1995. Die damalige Reise des Erzählers geht fast nahtlos weiter, sie führt ihn nun an der Seite der kranken Mutter in die Familiengeschichte und in die unendlichen Weiten der Selbstinszenierung. Meisterwerk oder nicht - in der Kritik nicht unumstritten, für die Jury eine klare Sache.

In Iris Hanikas Roman „Echos Kammern“ geht es zunächst ins narzisstische New York, bissig bis heiter, wir haben es mit dem Mythos von Echo und Narziss zu tun, zwei Schriftstellerinnen träumen so schön von Neuanfang und Liebe, das ist auch spießig und auch wunderbar - und dann werden Wunden geleckt.

Nur bei Friederike Mayröcker und Helga Schubert liegt die Sache mit dem Weggehen und Aufbrechen anders. Die 96-jährige Lyrikerin Mayröcker tritt in „da ich morgens und moosgrün“ ans Fenster und lässt frische Luft und frische Gedanken in das Grenzgebiet zwischen Gedicht und Prosa; die Jury tut ein Gleiches mit dieser Entscheidung.

Und Helga Schubert hat mit ihrem Text „Vom Aufstehen“ bereits Literaturgeschichte geschrieben – 40 Jahre nach der ersten Einladung zum Bachmann-Preis, der die Schriftstellerin aus der DDR damals nicht folgen durfte, wurde sie im letzten Jahr in Klagenfurt preisgekrönt. Die Lebensmomente, die sie in „Vom Aufstehen“ und in den weiteren autofiktionalen Texten des nun nominierten Bandes gleichen Titels festhält, erzählen von der Selbstbehauptung gegen die äußere Bevormundung. Und von der Frage, ob man sich einreden soll, dass man gar nicht weg will. Schubert beantwortet sie schließlich mit nein.

Viel Rückblick also in Zeiten der Zurückgezogenheit ist in dieser short list zu finden, sehr verschiedene Blicke auf die Welt, davon, auch das ungewöhnlich, vier weibliche. Den Diskussionen einer Jury, die sich nun - zum Beispiel - zwischen Mayröcker und Kracht entscheiden muss, würde man gerne zuhören.

Sachbuch und Übersetzung

Unter den Nominierten beim Sachbuch sind die Ethnographin Heike Behrend, die von ihrer „Menschwerdung eines Affen“ erzählt, und der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers, der in „Freiheitsgrade“ eine liberale politische Mechanik entwirft. Auch der Perspektivwechsel, den der Historiker Dan Diner in „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg“ unternimmt, ist nominiert. Um Wissenschaftsgeschichte geht es in Michael Hagners Auseinandersetzung mit dem Foucaultschen Pendel – und um das unromantische Leben auf dem Land in Uta Ruges Buch „Bauern, Land“. Nominiert in der Kategorie Übersetzung wurden Ann Cotten, Sonja Finck und Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel, Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren sowie Timea Tankó.

Die Nominierungen für den Leipziger Buchpreis sind mit jeweils 1000 Euro dotiert. Am 26. Mai soll es in Leipzig einen Festakt zur Bekanntgabe der Entscheidungen geben, der Preis selbst ist in jeder der drei Kategorien mit 15.000 Euro Preisgeld verbunden.