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Struwwelpeter dreht auf: "Shockheaded Peter" in Eggenfelden | BR24

© Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

Struwwelpeter legt los

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    Struwwelpeter dreht auf: "Shockheaded Peter" in Eggenfelden

    Die britischen "Tiger Lilies" machten aus dem berühmtesten deutschen Kinderbuch 1998 eine Rock-Oper. Dean Wilmington wagte sich für das Theater an der Rott an eine eigene Fassung. Es geht um Menschen zwischen Anpassungsdruck und Risikobereitschaft.

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    Im "Struwwelpeter" gibt es ja tatsächlich Überlebende, viele sind es allerdings nicht: Der leichtsinnige Robert wird vom Sturm davongetragen, der gewalttätige Friedrich vom Hund gebissen und drei liederliche Knaben müssen ins Tintenfass, aber immerhin, sie alle dürfen sich bessern. Im "Shockheaded Peter" dagegen, der Musical-Version von Julian Crouch, Phelim McDermott und den "Tiger Lilies" geht´s rabiater zu, da werden keinen Gefangenen gemacht. Und so nimmt das Unheil im Theater an der Rott seinen Lauf, bis alle erledigt sind: Die bekannten Figuren aus Heinrich Hoffmanns Bilderbuch, aber auch so prominente Bösewichte wie Richard III., Mephistopheles und der Kaufmann von Venedig. Sie alle lässt Regisseur Bernd Liepold-Mosser in seiner Fassung des populären Erziehungsratgebers auftreten. Und Hamlet darf darüber nachsinnen, was einen Sünder eigentlich im Jenseits erwartet.

    © Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

    Einheitsgrau oder bunte Verhältnisse?

    Struwwelpeter wird Opfer seiner Kollegen

    So ist dieser Abend recht düster - vielleicht sogar lichtloser, als er sein müsste. Klar, der Kinderschreck Heinrich Hoffmann schrieb den Bestseller der schwarzen Pädagogik, aber ist es der "Struwwelpeter" noch wert, sich daran so tiefernst abzuarbeiten wie es in Eggenfelden geschieht? Mehr Revue, buntere Bilder, ausgelassenere Scherze, kurz und gut, eine weniger verbissene Interpretation wäre jedenfalls unterhaltsamer gewesen. So nahm Liepold-Mosser die Zuschauer mit auf eine etwas anstrengende Denkübung über das Böse an sich. Der Abend endet mit der nicht gerade taufrischen Botschaft, dass es manchmal ganz gut ist, Verbote zu missachten, jedenfalls nicht immer angepasst zu sein und nicht alles zu befolgen, was echte und vermeintliche Autoritäten anordnen. Der Struwwelpeter darf selbst auftreten, wenn auch mit überraschend gepflegten Fingernägeln, und wird schließlich das Opfer all seiner Kollegen, die ihre Aggressionen an ihm auslassen.

    © Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

    Auslöffeln der Suppe

    Es ist also riskant, seinen eigenen Weg zu gehen, früher wie heute, zumal selbst die Eltern des Struwwelpeter von ihrem Kind alles andere als überzeugt sind. Da fehlt also eindeutig das "Urvertrauen", und die schiefe Lebensbahn ist vorgezeichnet. Ausstatterin Karla Fehlenberg hatte eine Art Kasperltheater entworfen, eine Bühne auf der Bühne mit silbern schimmerndem Vorhang und einem großen, runden Tisch, der natürlich sofort an Suppen-Kaspar und Zappelphilipp denken ließ. In dieser Puppenstuben-Arena treffen kleinbürgerliche Ordnung und kindliche Anarchie lautstark aufeinander. Das ist in diesem Fall kein überdrehter Zirkus, sondern fast ein Gespenster-Reigen, zumal eine Video-Einspielung auch noch einen Albtraum illustriert.

    Rasseln mit dem "Regenmacher"

    Der musikalische Leiter Dean Wilmington und seine Band haben sich dafür teils schräge Arrangements einfallen lassen, etwa, wenn der Daumerlutscher Konrad mit einem Alkoholiker gleichgesetzt wird, und dazu auf halbleeren Glasflaschen der Rhythmus geschlagen wird. Der "Regenmacher" unter den Musikinstrumenten, eine dekorative Rassel, darf für unheimliches Plätschern sorgen, Wilmington selbst besingt den Zappelphilipp. Die Melodien erinnern mal an orientalischen Tanz, mal an wütenden Gangsta-Rap, mal an französisches Chanson. Das ist abwechslungsreich, überraschend, von mitunter ätzender Schärfe.

    © Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

    Böses Ende

    Alexander Ebeert ist ein elegant-lässiger Conférencier, der als Faust genauso überzeugt wie als Richard III., so vornehm, wie er seinen Spazierstock durch die Luft tänzeln lässt. Tief in ihm drin steckt jedoch kein anderer als der Struwwelpeter selbst, und der empfiehlt am Ende allen Zuschauern, doch bitteschön vor ihrer eigenen Haustüre zu kehren. Das ist dann doch sehr brachiales Zeigefinger-Theater. Nadine Zeintl, auch sie erstmals in Eggenfelden besetzt, brilliert als energiegeladener Zappelphilipp und Hans-guck-in-die-Luft. Auch Carolin Waltsgott als Paulinchen und Markus Krenek als Suppenkaspar werben überzeugend für ihre Figuren, die jeweils eine gefährliche Sehnsucht stillen wollen, auch, wenn das der Gesellschaft nicht passt.

    Insgesamt ein zwiespältiger Abend, der nicht nur "blutiger" als Heinrich Hoffmanns Bestseller verläuft, sondern auch deutlich weniger optimistisch. Fast wäre dem Klapperstorch, der hier den Struwwelpeter abwirft, eine andere Flugroute zu wünschen gewesen. Dennoch herzlicher, wenn auch kein überschwänglicher Beifall.

    Nächste Aufführungs-Termine 4., 5., 10., 11. und 12. Mai im Theater an der Rott Eggenfelden, weitere Termine.

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