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Jedes Jahr erfrieren Menschen, weil sie auf der Straße schlafen müssen. Um das zu verhindern, verteilt die Caritas jetzt Wärmeschlafjacken, sogenannte Sheltersuits.

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Sheltersuits für Obdachlose: Schutzkleidung gegen den Kältetod

Jedes Jahr erfrieren Menschen, weil sie auf der Straße schlafen müssen. Dieses Jahr waren es 22 – so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr. Damit es nicht noch mehr werden, verteilt die Caritas jetzt Wärmeschlafjacken, sogenannte Sheltersuits.

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Von
  • Antje Dechert

Nachts Schlafsack, tagsüber Jacke: Sheltersuits sind innen dick gefüttert, außen wasserdicht, multifunktional und modisch ein Hingucker. Für Menschen "auf Platte" sind sie aber vor allem Helfer in der Not und können zum Lebensretter werden.

"Ich kann den Fußsack von der Jacke ablösen und so den Schlafsack weiter als Jacke benutzen. Ich kann mich so von meinem Camp entfernen, auf die Toilette gehen und kann mich frei bewegen, was in einem normalen Schlafsack nicht möglich wäre." Patrick Phillips, Caritas-Straßenambulanz

Krankenpfleger Patrick Phillips von der Caritas-Straßenambulanz in Nürnberg kennt die Probleme von Menschen, die unter Brücken schlafen. Mit dem Sheltersuit bringt er ihnen Schutz vor Kälte und Nässe. "Insgesamt hatten wir neun Stück, acht davon haben wir heute schon vergeben. Den letzten bringen wir jetzt dem Robbie, dem habe ich den letzten Sheltersuit versprochen."

Sheltersuits weltweit erfolgreich

Erfinder der Wärmeschlafjacke ist der niederländische Designer Bas Timmer. 2014 erfror der obdachlose Vater seines besten Freundes auf der Straße. Ein Schock und Anlass für Bas, sein Handwerk zu überdenken. Er beschloss, Kleidung nur noch für diejenigen zu entwerfen, die sie wirklich brauchen. Inzwischen schützen seine Sheltersuits Obdachlose weltweit, von New York über Berlin bis nach Johannisburg - aber auch Kinder in den Flüchtlingscamps im griechischen Moira.

Die Sheltersuits werden im holländischen Städtchen Enschede nachhaltig produziert aus wiederverwerteten Zeltplanen, Stoffresten und alten Schlafsäcken. Bas Timmer hat eine Stiftung, die Sheltersuit-Foundation, gegründet. Inzwischen beschäftigt seine Non-Profit-Organisation ein gut 20-köpfiges Team. Kampagnenmanager Paul Zurink organisiert die Zusammenarbeit mit der Caritas in Deutschland. Das Hilfswerk hat erst vor kurzem 80 Sheltersuits in Berlin verteilt.

Nachhaltig produziert im integrativen Betrieb

"Die Sheltersuits kann man nicht direkt bei der Sheltersuit-Stiftung einkaufen. Wir sammeln Spenden und die fließen zu 100 Prozent in die Produktion", sagt Paul Zurink. "Ein Sheltersuit kostet 300 Euro, da sind die Materialkosten und die Löhne schon inbegriffen." Der Betrieb sei integrativ, es gebe viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. "Manche wissen aus eigener Erfahrung wie es sich anfühlt, im Freien schlafen zu müssen", so Zurink.

Timmer und sein Team verteilen die Schutz-Schlafsäcke in ganz Europa, nach eigenen Aussagen bereits über 12.500 Stück. Auch nach Afrika und in die USA haben sie schon Anzüge geschickt. Durch die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen wie UNICEF oder Caritas kommen die Sheltersuits auch bei den wirklich Bedürftigen an. Die Zahl der Obdachlosen ist wegen der Corona-Pandemie bereits gestiegen.

Mehr Wärme und Würde für Obdachlose

"Wir haben uns dazu entschlossen, sie nur an Menschen auszugeben, die das ganze Jahr über im Freien sind", sagt Roland Stubenvoll, der die Obdachlosenhilfe der Caritas-Straßenambulanz in Nürnberg koordiniert. "Sie lehnen Notschlafstellen als Quartier ab und haben sich ganz bewusst entschieden, draußen zu schlafen. Es ist sehr sinnvoll, wenn solche Menschen einen Sheltersuit benutzen."

Streetworker Patrick Phillips hat inzwischen den letzten Sheltersuit an Robbie weitergegeben. Dieser ist arbeitslos und schläft schon seit Monaten auf der Straße. Daran kann auch der Sheltersuit nichts ändern. Aber er wird die Situation für Robbie etwas erträglicher machen. "So ein Geschenk ist mir lieber als zehn Euro", sagt Robbie. "Den Zehner kann ich nicht essen und er hält mich nicht warm." Ein Dach über dem Kopf ersetzt der Sheltersuit nicht. Aber er gibt Obdachlosen mehr Wärme und mehr Würde.

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