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Warum Hamburg mehr Ballett-Abende wie diesen braucht | BR24

© Bayern 2

Als Chef-Choreograph John Neumeier beim Hamburg Ballett antrat, hieß der Bundeskanzler noch Willy Brandt. Viele wünschen sich mittlerweile etwas frischen Wind – und bekamen ihn jetzt mit dem Abend "Shakespeare – Sonette" dreier junger Choreographen.

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Warum Hamburg mehr Ballett-Abende wie diesen braucht

Als Chef-Choreograph John Neumeier beim Hamburg Ballett antrat, hieß der Bundeskanzler noch Willy Brandt. Viele wünschen sich mittlerweile etwas frischen Wind – und bekamen ihn jetzt mit dem Abend "Shakespeare – Sonette" dreier junger Choreographen.

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Freunde des Tanztheaters, die außerhalb Hamburgs leben, also nicht unter der bald 50-jährigen Ägide des Intendanten und Chefchoreographen des Hamburg Balletts John Neumeier, eines Verfechters des barocken Tütü- und Strumpfhosenballetts, den eine Tanzkritikerin einmal "die Rosamunde Pilcher des Balletts" nannte – diese Nichthamburger also können sich unsere Freude gar nicht vorstellen, als gestern Abend drei junge Solisten die Bühne übernahmen. Schon nach den ersten zehn Minuten begann eine wilde Hoffnung zu keimen. Viele im Publikum schauten einander an, nickten sich zu: Genau so sollte es weitergehen. Marc Jubete, Aleix Martinez, Edvin Revazov choreographierten ein umwerfendes Programm, an dem nur der Titel auf einen behaglichen Abend wie üblich hindeutete, an dem nichts weiter passieren würde: "Shakespeare – Sonette".

William Shakespeare, Liebling der Könige und des Publikums, hat der Welt ein Arsenal von Bühnenfiguren geschenkt, die im kollektiven Gedächtnis lebendig sind, auch weil sie nach über 400 Jahren immer noch gespielt werden: Hamlet, Romeo und Julia, Macbeth,... Und er hat ihr 154 Sonette geschenkt, klingende Gedichte, die von Liebe handeln. Fiebernder Liebe, unerwiderter Liebe, abgöttischer Liebe, Liebe der Schönheit.

Liebe, Sex und die Herrschaft des Körpers

"Wie hold dein Ansehen ist, so gib dich hin", fordert der Dichter unumwunden den himmlisch schönen jungen Mann in Sonett 10 auf. Und allein schon, weil dessen Jugend vergänglich sei, rät der Dichter, Vorsorge zu treffen und schnell einen Sohn zu zeugen: "Wär denn der Welt ein Sohn von dir verliehen, Du lebtest doppelt – durch mein Lied und ihn."

Diese Dichter-Liebe ist vielleicht ein wenig selbstgefällig, unreif. Außerdem erstaunlich äußerlich. Es geht also eigentlich um Sex. Sex, und dass ihm ein entscheidendes Quäntchen zur Liebe fehlt. Ein ergiebiges Thema für die etwa 40 Tänzer auf der Bühne in Hamburg, die kaum Spitzentanz, kein Tütü, keine Strumpfhosenfolklore zeigten, sondern sich das Thema förmlich eroberten. Die Herrschaft des Körpers, der Zwang zur Perfektion, Leere und Schönheit.

Tosender Applaus von den Gebliebenen

Das ist ihr Thema, das Thema der Tänzer. Und sie tanzten es, als würden ihre Leben daran hängen, sie tanzten auf den Punkt, mit Lust, Schwung, Kraft und Eleganz. Jeder der drei Jungchoreographen hatte sich einen Aspekt des Themas Liebe vorgenommen: Für "Die Liebe zum Falschen" bezirzt eine Frau eine Schaufensterpuppe in einem Glasgehege. Als sie versucht, die Puppe zu einer Umarmung zu bewegen, bricht der Arm ab. Bei "Die Liebe zur Perfektion" werden in einer Fabrik künstliche Menschen hergestellt. Sie sind jung und schön – und leer. Für "Die verzweifelte Suche nach der Liebe als dem Ende der Einsamkeit" steht eine lange Schlange gleich gekleideter Tänzer vor dem Einsamen. Er streckt seine Arme nach dem ersten aus. Doch der entwischt aus der Umarmung. So wie jeder der Folgenden auch. Wortloses Unglück. Das wirkt, als sei es Gesetz. Schicksal. So ist es eben: Liebe gibt es nicht. Ganz so wie in Shakespeares Sonetten, wo die Liebe stets eine Sehnsucht bleibt, ein fernes Ziel.

© Kiran West

"Shakespeare – Sonette" des Hamburg Balletts

Für viele der Ballettbesucher war das zu viel. Sie verließen in der Pause leise schimpfend das Haus. Als hätten Marc Jubete, Aleix Martinez und Edvin Revazov schon damit gerechnet, hatten sie als Startbühnenbild einen Riesenspiegel aufgestellt. Man sah also nach der Pause die gelichteten Reihen. Eine drastische Art, dem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Die leeren Sessel, das waren die Fans des behaglichen Strumpfhosenballetts von John Neumeier. Tosender Applaus von den Gebliebenen. Zehn Vorhänge für die jungen Choreographen. Es wird wirklich höchste Zeit, dass es mal etwas wilder zugeht beim Hamburg Ballett.

"Shakespeare – Sonette" des Hamburg Ballett (Musik von: David Lang, Claudio Monteverdi, Henry Purcell, Jordi Savall; Choreografie, Bühnenbild und Kostüme von: Marc Jubete, Aleix Martínez und Edvin Revazov) läuft derzeit am Hamburgischen Staatsoper.

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