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Schauspielerin Lucy Wilke erhält Faust-Theaterpreis | BR24

© Audio: BR / Bild: Münchner Kammerspiele

Schauspielerin Lucy Wilke ist in der Kategorie Tanztheater für den renommierten Theaterpreis FAUST nominiert.

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Schauspielerin Lucy Wilke erhält Faust-Theaterpreis

Der Rollstuhl hinderte sie lange, ihren Traum zu erfüllen und Schauspielerin zu werden. Jetzt wurde Lucy Wilke, Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele, in der Kategorie Tanztheater mit dem renommierten Theaterpreis FAUST ausgezeichnet.

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Am Anfang war da nur Lucy Wilkes Stimme, die nach allen Regeln der Verführungskunst aus dem Off ins Mikrofon gurrte. Ein erotisch knisternder Flirt mit dem Publikum am Beginn dieser Theaterperformance vor drei Jahren, die den doppeldeutigen Titel "Fucking Disabled" trug – was sich wahlweise mit "Scheiß behindert" oder mit "behindert ficken" übersetzen lässt. So oder so ein provokanter Titel, und auf jeden Fall passend zu dieser Produktion, denn die, sagt Lucy Wilke, die selbst wegen einer Muskelschwund-Erkrankung im Rollstuhl sitzt, rührte an eines der letzten echten Tabus: Sex mit Behinderung.

Ihren Berufswunsch gestand sie dem Tagebuch

Für sie sei das Stück der Startschuss für alles gewesen, was sie jetzt mache, sagt Wilke, "es hat sich unglaublich viel bewegt durch dieses Stück." Viel bewegt nämlich in der Außen- wie in der Selbstwahrnehmung. Zum einen eröffnete "Fucking Disabled", indem das Stück ein Tabu offen thematisierte, Lucy Wilke neue Möglichkeiten und machte sie bekannt. Zum anderen aber hat diese Arbeit auch bei ihr selbst eine Art Blockade gelöst. Denn lange strebte die 35-jährige eher eine Regie-Karriere an: "Ich glaube, ich hatte immer diese Faszination für Schauspiel. Und vielleicht war es auch so, dass ich dachte, dass es mit einer Behinderung nicht möglich ist, als Schauspielerin zu arbeiten. Ich hatte mal so eine etwas schwierige Zeit, da habe ich mich jeden Tag in meinem Tagebuch gefragt, was ich eigentlich möchte. Und da steht wirklich über ein Jahr oder so in meinem Tagebuch jeden Tag drin: Ich möchte schauspielern."

Lucy Wilke, die in einem Theaterumfeld groß geworden ist – der Vater war Bühnenbauer, die Familie lebte in einem Wohnwagen neben dem Münchner Theaterzelt "Das Schloss" – Wilke spielte nach dem persönlichen Befreiungsschlag mit "Fucking Disabled" zum Beispiel in einer Bearbeitung der Racine-Tragödie "Phädra" des Theaterkollektivs Monster Truck in Berlin. Und sie entwickelte, zunächst als Produktion der Münchner Freien Szene, das Stück "Scores that Shaped Our Friendship", das sie nun als neues Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele ins Repertoire dieses Stadttheaters mitgebracht hat. In einer Szene erzählt Wilke da von ihren Erfahrungen mit der Dating-App Tinder: "Du hast so ein hübsches Gesicht – aber…!" bekomme sie da immer wieder zu hören.

© Theresa Scheitzenhammer

Verwandlung in eine einzige Körperskulptur: "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś

Das knüpft an die Eröffnungsszene von "Fucking Disabled" an, die eine Erwartungshaltung beim Publikum weckte, nämlich dass sich zu der klischeehaften Verführerinnen-Stimme alsbald auch ein zugehöriger Körper zeigen würde, der einem gleichfalls stereotypen Schönheitsideal entspricht. Eine Erwartung, die dann nicht erfüllt und somit als fragwürdig entlarvt wurde. Und hier nun also das hübsche Gesicht, das in der Vorstellung mancher nicht zum Rest passt. "Scores that Shaped Our Friendship" allerdings lässt solche Frage nach zweifelhaften Körpernormen bald hinter sich.

"Es geht erstmal um Freundschaft"

Gemeinsam mit dem dem ebenfalls mit dem "Faust"-Preis ausgezeichneten polnischen Tänzer Paweł Duduś, der schon in "Fucking Disabled" ihr Bühnenpartner war, untersucht Wilke diesmal vor allem die Normen, die zwischenmenschliche Begegnungen reglementierten. Wilke und Duduś verwischen die Grenzen zwischen Freundschaft und erotischer Anziehung, loten aus, wie viel Nähe möglich ist. Mit Wilkes Handicap hat das erstmal nichts zu tun. Und ausnahmsweise auch nichts mit Corona: "Es geht erstmal um Freundschaft, die keine Grenzen hat, in dem Sinn also, dass zum Beispiel auch erotische Momente kommen und gehen dürfen. Und die meisten Menschen haben einen Wunsch nach echter Intimität und einer Tiefe der Verbindung."

Mal liegt Lucy Wilke auf flauschigen Kunstfell-Matten in den Armen von Paweł Duduś, der ihre Gliedmaßen bewegt wie die einer Puppe, und doch wirkt sie dabei so stark und präsent, als steuere sie seine Aktionen. Mal tanzt er für sie als wäre er Pole-Dancer in einem Nachtclub. Dann wieder umschlingen beide einander und verwandeln sich in eine einzige Körperskulptur.

© Martina Marini Misterioso

"Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś

Keine Lust auf "Behinderung"

Nun also sind Wilke und Duduś für den FAUST nominiert, als beste Darsteller in der Sparte Tanztheater: "Paweł und ich konnten natürlich von Anfang an auf kein Bewegungsrepertoire zurückgreifen, was irgendwie in Verbindung steht mit herkömmlichem Tanz," so Wilke. "Das heißt, wir haben versucht, eine neue Bewegungssprache zu entwickeln. Die Frage ist, wie man Tanz definiert, und ich glaube, heutzutage bedeutet Tanz Bewegung. Bewegung, mit der man etwas Poetisches ausdrückt."

Im Grunde ist es auch egal, ob das, was Wilke und Duduś aufführen, nun Tanz ist oder etwas anderes, scheint doch alles, was Lucy Wilke auf der Bühne tut, dazu angetan, Kategorien zu sprengen. Auch die von "behindert" und "nicht-behindert". Als Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele jedenfalls wird sie als nächstes in einer Bühnenadaption von Gabriele Tergits Familiensaga "Effingers" mitspielen. Dass sie im Rollstuhl sitzt, spielt dabei keine Rolle. Gut so, findet Lucy Wilke: "Eigentlich kenne ich keine Schauspielerin, keinen Schauspieler mit Behinderung, die wirklich Lust haben, ständig die Behinderung zum Thema zu machen."

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