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Kiekma einer schau: Die wunderbare rbb-Sitcom "Warten auf'n Bus" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Foto: rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Durch die Bank großartige Darsteller: Jördis Triebel, Ronald Zehrfeld, Serienhund Maik und Felix Kramer (v.l.n.r.) aus "Warten auf'n Bus"

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Kiekma einer schau: Die wunderbare rbb-Sitcom "Warten auf'n Bus"

Keine Perspektive, kein Job, Ehe kaputt. Zwei Wendeverlierer sitzen in einer Bushaltestelle in der brandenburgischen Provinz und reden. Klingt deprimierend, ist aber sehr lustig: Die rbb-Produktion "Warten auf'n Bus" ist ein echtes Serien-Kleinod.

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Donnerlittchen. Untertitel wären nett. Dieser Gedanke dürfte bei so einigen aufblitzen nach den ersten Minuten der rbb-Miniserie "Warten auf'n Bus". Angesiedelt in der tiefsten brandenburgischen Provinz, wird hier astreiner ostdeutscher Dialekt gesprochen, inklusive unvollständiger Sätze und verschluckter Wörter. Man hat ja nix und sparen muss man eh an allen Ecken und Enden.

Aber der Untertitel-Gedanke verfliegt so schnell wie er gekommen ist, denn selbst diesseits des Weißwurst-Äquators gewöhnt man sich fix an den fremden Slang. Mehr noch: Man kann ihn im Zuge der acht Serienfolgen geradezu lieben lernen. Schönes kurzes Szenen-Beispiel: Der Langzeitarbeitslose Ralle steht auf dem Dach einer Bushaltestestelle und schreit: "Ick bins König vonne Weeelt!!!" Woraufhin sein Kumpel Hannes erwidert: "Der König. Wenn schon. Dit andere isn Bier."

Warten und reden

Hannes und Ralle sind die Hauptfiguren in "Warten auf'n Bus". Sie tun, was der Serientitel besagt: Sie warten auf den Bus. Einsteigen wollen sie nicht, nur kucken. Fahrerin Kathrin, die patente Blonde mit dem flächendeckenden Rosentattoo auf dem rechten Handrücken, ist das tägliche Highlight der beiden Endvierziger. In Zeiten von #MeToo eigentlich ein Unding, in dieser Serie aber nur herzig. Denn Hannes und Ralle sind verliebt. Wenn Kathrin im Wendehammer der Endhaltstelle ihre Zigarettenpause einlegt, werden die Dosenbiertrinker zu glücklich lächelnden Lämmchen, die ausnahmsweise mal schweigen, statt sich anzublöken.

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Ralf (Felix Kramer, l.) und Johannes (Ronald Zehrfeld, r.) mit freiem Oberkörper.

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Kathrin (Jördis Triebel), Ralf (Felix Kramer) und Johannes (Ronald Zehrfeld, re.) tanzen Polonaise.

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Kathrin (Jördis Triebel) posiert triumphierend mit den gefesselten Nazis im Bus

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Hannes (Ronald Zehrfeld) und Ruth (Ursula Werner) begrüßen überschwänglich Ralle.

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Ralle (Felix Kramer), Kathrin (Jördis Triebel) und Hannes (Ronald Zehrfeld, re.) auf der Picknickdecke

© rbb/ Senator Film Produktion GmbH

Und manchmal tauchen Nazis auf: Hannes (Ronald Zehrfeld, l.) und Ralle (Felix Kramer, r.) werden in die Mangel genommen

Abgehängte Ostdeutsche irgendwo im Nirgendwo

Das war's dann auch schon mit der Handlung. Acht Folgen lang passiert so gut wie nichts. Hannes und Ralle sitzen und reden im Wartehäuschen, das ähnlich runtergekommen ist wie seine Dauergäste. Auch wenn die Serie als Sitcom beworben wird und der Wortwitz wie frisches Popcorn durch die Pampa fliegt: Es geht um mehr als Entertainment. Hannes und Ralle sind Beispiele für den abgehängten Ostdeutschen irgendwo im Nirgendwo: kein Job, keine Perspektive, die Ehe gescheitert. Klingt nach Klischee, ist aber nun mal in vielen Ecken Realität, sagt Ronald Zehrfeld, der den Frühinvaliden Hannes spielt und wie sein Serienpartner Felix Kramer im Osten geboren und aufgewachsen ist. Er kenne Leute, die so seien wie in der Serie – ob Hannes, Ralle, Kathrin oder die hier und da mal auftauchenden Nebenfiguren.

Minimalistische Milieustudie

Als Zehrfeld die Rolle angeboten wurde, war er sofort von der ungeschönten Realitätsnähe der Charaktere angetan. In den Gesprächen von Hannes und Ralle geht es um Ost und West, um früher und heute, um rechts und links. Gegenpole, die Reibung erzeugen, die scheinbar unvereinbar sind. Die aber auch die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit spiegeln, die Außenstehende oft vor den Kopf stößt. "Was Angie nicht geschafft hat in 16 Jahren, schaffen vielleicht wir mit diesen acht Teilen", sagt Zehrfeld: "Dem Wessi zu erklären, warum der Ossi in einem Halbsatz sagt 'Unter Adolf hätt's dit nicht gejeben' und im letzten Halbsatz steht drin: 'Na ja, im Sozialismus war eh alles besser.'"

Zehrfeld hofft, dass die minimalistische Milieustudie auch im echten Leben zu Gesprächen und einem Blick über den Tellerrand führt. Denn das Unverständnis zwischen Ost und West ist standhafter als jede Mauer. Zeit wird’s, dass auch hier endlich die Spitzhacke angesetzt wird.

Alle acht Folgen von "Warten auf'n Bus" können in der ARD-Mediathek gestreamt werden. Der rbb zeigt immer mittwochs um 22 Uhr eine der jeweils 30-minütigen Folgen.

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