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Die neue Serie "Normal People" ist wie Instagram | BR24

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Diese Serie ist wie Instragram: Wunderschön, aber kein Plan, was hier passiert

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    Die neue Serie "Normal People" ist wie Instagram

    Sally Rooney könnte eine der vielversprechendsten jungen Autor*innen Europas sein. Ihr Roman "Normal People" ist kam vor kurzem auf Deutsch raus und wurde auffällig fix als Serie umgesetzt. Bei der einiges auf der Strecke bleibt.

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    Was für eine Rolle spielt Geld in der Liebe? Wenn eine Person deutlich mehr Geld hat, als die andere. Im Idealfall natürlich: Gar keine. Dann wird hier mal ein Kaffee spendiert, dort ein Spaghetti-Eis ausgegeben, alles paletti. Im schlechtesten Fall wird dieses Ungleichgewicht zum Problem. Als Connell und Marianne in der ersten Folge von "Normal People" aufeinandertreffen, bedeutet Geld ein Machtgefälle: Seine Mutter geht bei ihrer Mutter putzen. In der Schule meiden die beiden sich. Aber wenn Connell (Paul Mescal) seine Mutter von der Arbeit abholt, treffen sie in Mariannes Haus aufeinander. Und battlen sich – mit einem Schulnotenvergleich. Beide sind extrem gut. Trotzdem beendet Marianne (Daisy Edgar-Jones) ihren Schlagabtausch mit einem: "Du kannst mir ja Nachhilfe geben."

    Glaubwürdig verkörperte Nähe

    Hier liegt Spannung in der Luft, herübergebracht mit etwas Lokalkolorit, der gesprochen wird. Denn erstens ist wegen der Corona-Pandemie einiges verzögert, auch die deutsche Synchronübersetzung – Untertitel gibt es aber. Und zweitens kommt die Erfinderin der Geschichte, Autorin Sally Rooney, selbst aus Irland. Dort leben Marianne und Connell auch, in einem kleinen Kaff. Hier sind Rollen klar verteilt: Mariannes Familie hat zwar deutlich mehr Kohle, aber in der Schule ist Connell der Coole – und sie eine unangepasste Außenseiterin. Natürlich fangen die beiden etwas miteinander an. Und wie sie es dann tun, dürfte der so ziemlich einzige gemeinsame feuchte Traum von Pädagog*innen und Feminist*innen sein: Viel nackte Haut, heiße Sexszenen und alles mit gegenseitigem Einverständnis, liebevoll, ruhig, einfühlsam. Sicherlich ein Produkt dessen, dass die Serie mit Ita O'Brien von einer intimicy coordinator begleitet wurde, zu deren Job es gehört, eine vertrauensvolle Stimmung am Set zu kreieren, die so eine Nähe vor Ort schafft und glaubhaft auf unsere Bildschirme bringt.

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    "Normal People" ist Zuspitzung pur: Das zerstörerischste Drama, die tiefste Trauer, die erhebendste Liebe.

    Diese geheim gehaltene Affäre ändert allerdings nichts an den Unterschieden. Connells Mutter ist weiterhin die Putzfrau für Mariannes Familie und Connell kommt Marianne nicht zur Hilfe, wenn seine Freunde sie mies behandeln. Diese noch einmal bestätigte Ungleichheit und eine gehörige Portion Inkompetenz in Sachen Kommunikation bringt die beiden immer wieder auseinander, sorgt für jede Menge Hochs und Tiefs – nur so richtig voneinander los kommen sie die zwölf Folgen über nie. Und das ist unfassbar anstrengend. "Normal People" ist Zuspitzung pur: Das zerstörerischste Drama, die tiefste Trauer, die erhebendste Liebe. Die Serie verpasst etwas, was das Buch "Normal People" schon auf den ersten Seiten sicherstellt - Einblicke zu geben. Außer mit einer Eimerladung plumper Küchenpsychologie wird nicht klar, wieso die beiden wichtigsten Figuren dieser Serie so ticken wie sie nun mal ticken.

    Diese Serie ist wie Instagram: Wunderschön, aber kein Plan, was hier passiert.

    Und so bleibt vieles oberflächlich. Dabei sind die Bilder, die wir sehen, immer wieder beeindruckend und zeigen extrem gut, was die Serie gerne sein möchte: intim und besonders. Oft sehen wir Gesichter wegen der Kameraführung so nah, wie wir nur den Menschen kommen, für die wir wirklich etwas empfinden. Die Bilder haben einen speziellen hippen Kitsch, die Schauspieler*innen sind attraktiv, aber nicht zu schön und auch die zusätzlich zusammengestellten Songtitel passen, als wären sie extra für diese Stimmungen komponiert worden.

    Im Dezember wird es garantiert heißen, "Normal People" wäre eine der wichtigsten Serien des Jahres. Deswegen sollten Serienfans sie schauen. Aber nicht erwarten, dass die Erzählung einlöst, was die Verpackung der Serie verspricht. Fazit: Diese Serie ist wie Instagram: Wunderschön, aber kein Plan, was hier passiert.

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