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Serie "Hunters": Ist das noch gerecht, oder schon Rache? | BR24

© 2019 Amazon.com Inc., or its affiliates

Die Nazi-Jäger Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) und Meyer Offerman (Al Pacino) in "Hunters".

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    Serie "Hunters": Ist das noch gerecht, oder schon Rache?

    In der Amazon-Prime-Serie "Hunters" machen Al Pacino und Josh Radnor aus "How I Met Your Mother" mit einer Gruppe Vigilanten Jagd auf untergetauchte Nazis. Dabei kann die Serie ihren eigenen Anspruch leider nicht einlösen.

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    Batman musste den Mord seiner Eltern mit ansehen, Superman hat die Auslöschung seines Planeten und Jessica Jones einen tödlichen Unfall überlebt: Am Anfang jeder Comic-Helden-Karriere steht erstmal eine Tragödie, aus der eine glorreiche Auferstehung folgt. Die guten unter ihnen setzen ihre neuen Kräfte für Gerechtigkeit ein, die Bösewichte um sich zu rächen.

    Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) und seine nerdigen Freunde kennen diese Regeln aus dem Effeff. Jonah arbeitet in einem Comicladen, statt den Studienplatz an einer Eliteuni anzunehmen und verkauft nicht besonders erfolgreich Marihuana auf den Straßen Brooklyns. Es ist das Jahr 1977 und seine eigene Helden-Geschichte beginnt, als eines Abends seine Großmutter vor seinen Augen im gemeinsamen Wohnzimmer ermordet wird. Bei der Beerdigung trifft er Meyer Offerman (Al Pacino), einen alten, gut situierten Freund seiner Großmutter Ruth.

    Holocaust-Überlebende üben Vergeltung

    Meyer Offerman und Ruth hatten sich im KZ Auschwitz kennengelernt – und wie durch ein Wunder überlebt. Und wie sich herausstellt ist der Mörder nicht irgendwer, sondern ein untergetauchter Nazioffizier aus dem Lager. Offerman setzt Jonah einen Floh ins Ohr: das Rechtssystem in den USA ist unzuverlässig, der einzige Weg zu Gerechtigkeit kalt-servierte Rache. Und der alte Mann meint das todernst: zusammen mit Ruth hatte er den Plan gefasst, Nazis in den USA im Geheimen unschädlich zu machen und sich gleichzeitig für ihre Grausamkeit zu rächen.

    Unter den Nazi-Jägern ist ein Vietnam-Veteran mit Bruce-Lee-Qualitäten, eine britische Agentin im Nonnengewand, eine Black-Panther-Aktivistin, ein Schauspieler (Josh Radnor als abgehalfterter Verwandlungskünstler) und ein älteres jüdische Ehepaar. Ganz im Stil brutal-kitschiger Grindhouse-Streifen aus den 70ern machen sie zusammen Jagd auf Nazis, die mit neuer Identität in den USA leben, die Regierung unterwandern und finstere Pläne schmieden.

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    Die Nazi-Jäger aus Hunters: Schlossknacker, Spione, Bombenleger.

    Die vom sozialkritischen Filmemacher Jordan Peele ("Wir", "Get Out") produzierte Serie weist vor jeder Folge explizit daraufhin, dass sie von tatsächlichen Ereignissen inspiriert ist. Wer sich wundert, was an dieser Story wahr sein soll: Die Geheimdienste der USA haben nach dem Zweiten Weltkrieg mit der "Operation Paperclip" hunderte deutsche Wissenschaftler und Ingenieure, oft Nazifunktionäre, ins Land geholt, um die amerikanische Raumfahrtforschung voranzutreiben. In der Serie stehen diese Leute auf der langen Liste der Nazijäger und die arbeiten sie einen nach dem anderen mit ziemlich fantasievollen und grausamen Foltermethoden ab. "Hunters" will wie Quentin Tarantinos Film "Inglorious Basterds" schocken. Aber der Moment der Katharsis, den die Rache durch die Opfer der Nazis verspricht, stellt sich weder bei Jonah, noch bei mir vor dem Bildschirm ein.

    Leider kommt die Message nicht rüber

    Ich durfte mir vorab die ersten fünf von zehn Folgen ansehen, aber nach der Hälfte der Serie hat mich die Serie immer noch nicht überzeugt. Das liegt nicht an den Darstellern: Al Pacino als jüdischer Nazijäger Meyer Offerman und Logan Lerman als sein junger Schüler Jonah bringen ihre Motivationen sehr gut rüber. “Hunters” gibt sich viel Mühe die grausamen Taten der Nazis und auch die Erfahrungen im KZ sensibel zu zeigen. Aber die Serie kippt auch oft in eine abgedroschene Bildsprache, die zu viel Wert auf Style und filmische Zitate legt. Und ich fange lieber gar nicht davon an, dass die Serie mit ihrer Darstellung von Nazis als stylishe, blonde Killer immer in Gefahr läuft sie zu banalisieren und ästhetisieren. So verpasst "Hunters" es, unser heutiges, gesellschaftliches Problem mit Antisemitismus und Rassismus zu kommentieren. Das ist Serien mit einem ähnlich-historisch begründeten Setting und visuellem, wie inhaltlichem Anspruch, wie “Watchmen”, schon sehr viel besser gelungen.

    "Hunters" ist ab dem 21.02.2020 bei Amazon Prime Video verfügbar.

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