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Die Serie „Chernobyl“ ist ein Meisterwerk – mit kleinen Fehlern | BR24

© Sky UK Ltd/HBO

Ein Mitarbeiter im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der HBO-Serie "Chernobyl".

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    Die Serie „Chernobyl“ ist ein Meisterwerk – mit kleinen Fehlern

    „Chernobyl“ ist – laut eines Rankings von IMDb – die beste Serie der Welt. Und tatsächlich setzt die Erzählung über den Super-GAU von Tschernobyl neue Standards beim Erzählen über die Sowjetunion. Doch auch sie kommt nicht ganz ohne Klischees aus.

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    „Welchen Preis haben Lügen?“ Eine Katze räkelt sich auf einer kitschigen Zierdecke, die Kamera wandert über Aktenstapel, eine tickende Wanduhr, einen schweren Aschenbecher aus Rauchglas. Schließlich findet sie den Mann, der diese Frage stellt: Der Wissenschaftler Waleri Legassow (Jared Harris) sitzt zusammengekrümmt am Küchentisch vor einem Tonbandgerät. Er beendet die Aufnahme, nimmt die Kassette aus dem Gerät, räumt sie in ein sicheres Versteck und erhängt sich.

    In der letzten Einstellung der Szene sieht man nichts als die Katze, die sich ihre Pfoten leckt und die klobigen Schuhe des Mannes, der von der Decke baumelt. Der Wissenschaftler Legassow war eine der führenden Figuren in der Aufklärung des Reaktorunglücks - in seinen letzten Tonaufnahmen nennt er einige der Verantwortlichen der Katastrophe.

    Legassows Todestag ist der 26. April 1988 – zwei Jahre nach der Nuklearkatastrophe. Es ist einer der wenigen Zeitsprünge, die sich die Serie „Chernobyl“ erlaubt, die vorwiegend chronologisch erzählt, beginnend mit der Explosion im Reaktor 4. Die fünfteilige Miniserie schildert den Ablauf der Reaktorkatastrophe und ihre Folgen für die Menschen in der nahe gelegenen Stadt Prypjat.

    Die Telefone, die Frisuren: Jedes Detail stimmt

    „Chernobyl“, eine Koproduktion von HBO und Sky, ist auf der Plattform IMDb die bestbewertete Serie überhaupt. Sie schneidet in der Wertung der Userinnen und User besser ab als „Game of Thrones“, die „Sopranos“ und „Breaking Bad“. Ein Grund dafür dürfte die unglaubliche Liebe zum Detail sein, die „Chernobyl“ auszeichnet. Das Leben in der Sowjetunion im Angesicht der Katastrophe wird zum zentralen Element: Telefone, Frisuren und der Kontrollraum des Unglück-Reaktors sind den realen Vorbildern so akkurat nachempfunden, dass selbst die russischen und ukrainischen Zuschauerinnen ins Staunen gerieten. Das hat, wie Showrunner Craig Mazin im Podcast zur Serie erzählt, seinen Grund: „Ich wollte, dass die Menschen, die die Katastrophe erlebt haben, insbesondere diejenigen, die in jener Nacht in diesem Kontrollraum waren und immer noch am Leben sind, die Serie sehen und merken, dass uns das am Herzen lag.“

    © Sky UK Ltd/HBO

    Die Liebe zum Detail zeigt sich in den Frisuren, Kleidung und Setting.

    Dennoch handelt es sich bei Chernobyl um eine fiktive Erzählung und keine historisch exakte Dokumentation der realen Ereignisse rund um die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In der Figur der Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk, die eine weitere Explosion zu verhindern versucht, wurden mehrere Forscher zu einem Charakter verdichtet. Solche Kunstgriffe verzeiht man der Serie aber nur zu gern, da sie ansonsten überzeugt: mit ihrer Detailtreue, der verständlichen Erklärung des Katastrophenhergangs und einem fantastischen Soundtrack der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir.

    Damit setzt die Serie „Chernobyl“ neue Standards für das filmische Erzählen über die Sowjetunion. Gerade US-Produktionen haben sich zu oft von schlecht recherchierten Stereotypen leiten lassen: Da ist beispielsweise im Film „Red“ eine mit einem Bären dekorierte russische Botschaft zu sehen – natürlich im Schneegestöber. Ist etwas in Kyrillisch geschrieben, handelt es sich oft einfach nur um Buchstabensalat. Doch obwohl „Chernobyl“ solche Fehler nicht unterlaufen sind, will der russische Staatssender NTV eine Art Gegenserie produzieren, in der US-amerikanische Spione die Drahtzieher der Katastrophe sind.

    © Sky UK Ltd/HBO

    Opfer von Tschernobyl in "Chernobyl"

    Gegen das Vergessen

    Am Erfolg von „Chernobyl“ wird dieser Plan wohl kaum etwas ändern. Und weil die Serie so gut ankommt, lenkt sie auch Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Menschen, die in der Nähe des Reaktors lebten und arbeiteten. Auch künstlerische und journalistische Beiträge zur Erinnerungskultur rücken durch „Chernobyl“ in den Fokus. So zum Beispiel dieses Fotoprojekt, eine Porträtreihe über die Frauen, die damals in der kontaminierten Zone unter Lebensgefahr für die Arbeiter gekocht und geputzt haben. Viele Jahre lang wurde vertuscht und verharmlost. Es ist deshalb von unschätzbarem Wert, dass die Opfer der Katastrophe und auch die Erinnerungsprojekte nun dank des Hypes um „Chernobyl“ endlich wahrgenommen werden.

    Es bleibt ein schales Gefühl

    Leider bleibt trotzdem ein etwas schales Gefühl nach der letzten Folge. Auch wenn sich die Serienmacher mit dramaturgischen Zuspitzungen sehr zurück gehalten haben, gibt es ein paar zu stereotyp geratene oder historisch falsche Szenen. Denn auch „Chernobyl“ ist nicht frei von Klischees: Dass zum Beispiel ein Zentralkomitee-Mitglied droht, einen Wissenschaftler zu erschießen, wenn er ihm nicht sagt, wie der Atomreaktor funktioniert, sei eine Übertreibung, schreibt Masha Gessen im New Yorker.

    © Sky UK Ltd/HBO

    Der Prozess danach: Szene aus "Chernobyl"

    Denn Gruppen- oder auch Einzelexekutionen konnten schon seit den Dreißiger Jahren nicht mehr von einem einzigen Komitee-Mitglied angeordnet werden. Auch der Apparatschik der schon mittags an der Wodkaflasche hängt oder die KGB-Vertreter, die offen Drohungen aussprechen, scheinen wohl eher dem Klischee eines westlichen Agentenfilms als den realen Zuständen zu Beginn der Perestroika entsprungen zu sein.

    Die Macht der Klischees

    Die Versuchung, bei einer Serie über die Sowjetunion alles noch ein wenig „sowjetischer“ zu machen, ist selbstverständlich riesig und so tappen die Macher hier gelegentlich in die Falle. Das trübt die Qualität der Serie zwar nicht wesentlich, lässt aber zu, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als typisch sowjetisches Problem verstanden werden kann. Das Unglück von Tschernobyl hätte jedoch nicht nur in einer Welt voller Wodkasäufer und KGB-Spione passieren können. Der Super-GAU in Fukushima zeigte 2011, dass sich derartige Katastrophen auch in komplett anderen Systemen wiederholen können: Vom Verschweigen des Risikos durch die Verantwortlichen, in diesem Fall der Firma TEPCO, bis hin zur Vertuschung des Unglücks und dem Einsatz sogenannter „Bio-Robots“, also Menschen, die in der kontaminierten Zone in lebensgefährlichem Einsatz mit den Aufräumarbeiten beschäftigt werden, sieht man hier erschreckende Parallelen zu Tschernobyl.

    Dennoch ist den Machern mit „Chernobyl“ eine fesselnde Serie gelungen, die vor allem für die Erinnerung an die Katastrophe und ihre Überlebenden einen unschätzbaren Wert hat.

    Alle Folgen der Serie „Chernobyl“ sind im Stream über Sky Go, On Demand und Sky Ticket verfügbar.

    © Sky UK Ltd/HBO

    Dreh der fünfteiligen Sky Original Production Chernobyl

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