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Wie die "Sensefactory" Kunst zum Körpererlebnis machen will | BR24

© Bayern 2

Die "Sensefactory" in der Münchner Muffathalle ist eine interaktive Installation, die Architektur, Sound und KI-Technologie verbindet. Kunst, die mehr will als Zuschauer. Das Konzept ist vielschichtig – die tatsächliche Erfahrung eher ernüchternd.

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Wie die "Sensefactory" Kunst zum Körpererlebnis machen will

Die "Sensefactory" in der Münchner Muffathalle ist eine interaktive Installation, die Architektur, Sound und KI-Technologie verbindet. Kunst, die mehr will als Zuschauer. Das Konzept ist vielschichtig – die tatsächliche Erfahrung eher ernüchternd.

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Das Konzept macht neugierig: Diese Installation, so sagen ihre Erfinder, allen voran der amerikanische Computerkünstler Chris Salter und der Münchner Theatermacher Dietmar Lupfer, kann man nicht von außen betrachten. Die "Sensefactory", so will es ihr Bezug auf den Künstler und Bauhauslehrer László Moholy-Nagy, schafft den Zuschauer ab, will erlebt werden. Mit allen Sinnen, mit dem ganzen Körper.

Lebendige Architektur

Salter und Lupfer haben die Muffathalle in einen atmenden Luftkissenparcours verwandelt, ein ständig summendes, an- und abschwellendes Labyrinth, das selbst einem lebendigen Körper gleicht: aus Licht und Duft, Farbe und Klang. Eine Architekturlandschaft, die nicht nur Erfahrung vermittelt, sondern selbst macht. Überall sind Sensoren installiert, durch die der Raum auf den Besucher reagiert. In welcher Weise, bleibt dem Betrachter allerdings rätselhaft – ganz im Sinne des Erfinders Chris Salter: "Was wir hier in diesem Raum versuchen ist, dass der Raum lebendig ist, dass man sich bewegt und sich die Umgebung auf ganz merkwürdige und mysteriöse Weise verändert. Aber man weiß nicht warum, sondern das bleibt eine blackboxmäßige Erfahrung."

Aber trotz der anfänglichen Neugier: Die tatsächliche Erfahrung der "Sensefacory" ist ein wenig ernüchternd. Denn die "Fabrik der Sinne", die Dietmar Lupfer, Chris Salter, FM Einheit, Alex Schweder und weitere Künstler und Wissenschaftler mit ihrer pneumatischen und interaktiven Installation geschaffen haben, ähnelt mehr einem Spielplatz als einem "Theater der Totalität" in der Tradition des Bauhauses.

Mehr Spielplatz als Bauhaus

Dieses wollte Mensch und Maschine verschmelzen lassen, löste die Trennung von Bühne und Parkett auf und machte den Zuschauer zum Akteur. Der wird in "Sensefactory" zum Spielball einer Art riesigen Hüpfburg aus sensorengespickten Luftkissen, in Szene gesetzt von Lichteffekten, intensiven Duftvariationen und düsterem Sound. Ein Environment, dessen konzeptionelle und technische Raffinesse sich dem Betrachter allerdings kaum erschließt: weder dass alles durch machine learning aufeinander reagiert, dass das ganze Gebilde teils gesteuert wird von den Bewegungen der Besucher und dass dabei auch unkontrollierbare Räume entstehen sollen; noch dass all dies in Zeiten von undurchschaubaren Algorithmen oder intransparenter Datenverwertung so verunsichernde wie aufklärende Erfahrungen bereit halten könnte.

Der Körper und die Sinne, gerade in der Diskussion um das Digitale oft vergessen, werden dabei zu Hauptdarstellern, erklärt Dietmar Lupfer: "Wenn wir in diesen Raum gehen, gibt es etwas, was sensorisch gesteuert ist, aber es gibt auch einen Kontrollverlust, und man merkt, dass der Körper zum Schluss Gegenstand der Verhandlung ist. Letztendlich bringe ich meine Körper da rein und muss mir meinen Weg suchen durch die Installation."

© Sensefactory

Die "Sensefactory" im Entwurf

Vermessung des virtuellen Raums

Dieser Weg ist leichter als erwartet, wirkt fast harmlos. Selbst bei genauer Erkundung des Settings bleibt die künstlerische Realisierung hinter den wichtigen und brisanten konzeptionellen Gedanken ihrer Macher zurück. Gut, dass neben einer Audio-Arbeit von wittmann/zeitbloom und einem Symposium auch eine Installation des Choreografen Richard Siegal Teil der "Sensefactory" ist. Während die Luftkissenlandschaft, wie Lupfer sagt, den physischen Raum vermisst, erkundet Siegals Arbeit den virtuellen Raum, entwirft eine virtuelle Realität. Dort begegnen dem Besucher digitale Tänzer, die inspiriert von Oscar Schlemmers Figurinen Choreografien aufführen. Mit ihnen gelangt man buchstäblich in Höhen eines surreal-faszinierenden "Totalen Tanz Theaters".

Sich der Aufgabe zu stellen, die spielerischen Möglichkeitsräume eines Theaters der Zukunft mit seiner Verbindung zur Historie zu erkunden, ist die anzuerkennende Leistung von "Sensefactory". Bei allem Risiko, dabei manchmal auch auf dem Spielplatz zu landen.

"Sensefactory" ist vom 4. bis 8. September 2019 im Muffatwerk in München zu erleben.

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