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Sensationsfund in Kalkriese: Panzer aus Varus-Schlacht entdeckt | BR24

© Museum und Park Kalkriese

Seltenes Fundstück: Schienenpanzer

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    Sensationsfund in Kalkriese: Panzer aus Varus-Schlacht entdeckt

    Ob dort wirklich die entscheidende Schlacht zwischen Römern und Germanen stattgefunden hat, ist bis heute umstritten. Doch in Kalkriese wurde jetzt die älteste derartige Rüstung der Welt freigelegt – und die eiserne Halsfessel eines Kriegsgefangenen.

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    Es war die modernste Rüstung der Zeit um Christi Geburt: Kaiser Augustus sorgte damals dafür, dass seine Soldaten ihre Oberkörper im Kampf mit eisernen Schienen statt mit deutlich unhandlicheren Kettenhemden schützten. Die rund acht Kilogramm schwere "Lorica Segmentata", auch als "Spangen-Panzer" bekannt, ist häufig in Hollywoods Monumentalfilmen zu sehen. Da die einzelnen Eisenteile mit ledernen Schnüren zusammengehalten wurden, hatten sie den Vorteil, nicht nur vergleichsweise leicht, sondern auch sehr beweglich zu sein. Doch bisher wurde so ein Panzer aus der Epoche um die Zeitenwende noch nie ausgegraben. Die ältesten bekannten Exemplare liegen in Bruchstücken aus dem 2. Jahrhundert vor, gefunden im britischen Corbridge.

    © Museum und Park Kalkriese

    Faszinierend perfekt: Rüstungsteil

    Römer von den Germanen mit "Halsgeige" gefesselt?

    Der jetzt gemachte Fund im niedersächsischen Kalkriese, dem mutmaßlichen Ort der Varus-Schlacht, ist daher in jeder Hinsicht einmalig. Archäologe Salvatore Ortisi von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erhofft sich daher "gänzlich neue Einblicke" in die römische Militärtechnik: "In seiner unerwartet guten Erhaltung erfordert der Neufund aus Kalkriese eine Revision unseres bisherigen Wissens über den Standard römischer Militärtechnik." Bisher gebe es nämlich trotz vieler antiker Abbildungen noch keine Erkenntnisse über die technischen Details des damals viel getragenen Rüstungs-Objekts. Und noch etwas ist nichts weniger als aufsehenerregend: Offenbar wurde der römische Soldat, der den Panzer trug, von den siegreichen Germanen mit einer eisernen "Halsgeige" gefesselt.

    © Friso Gentsch/dpa

    Archäologin bei der Aufklärung technischer Details

    Eigentlich fixierten die römischen Legionäre mit solchen "Halsgeigen" die Hände ihrer unterlegenen Gegner vor deren Oberkörper, um sie in die Sklaverei abzuführen. Doch in diesem Fall scheint es umgekehrt gelaufen zu sein. Die Fundsituation lege nahe, dass ein überlebender Römer von den Germanen quasi mit seinem eigenen Unterwerfungssymbol gefesselt wurde. Ausgrabungsleiter Stefan Burmeister vom Park Kalkriese: "Der Schienenpanzer ist damit nicht bloß ein einzigartiges archäologisches Fundstück, sondern Teil einer tragischen Szene, die sich hier abbildet. Wir sehen neben all den bisherigen römischen Funden vom Schlachtfeld erstmals ein individuelles Schicksal auf dem Fundplatz Kalkriese, das die schreckliche Seite des Krieges zeigt."

    © Museum und Park Kalkriese

    Behutsame Freilegung

    Schon jetzt steht nach Angaben der Pressemitteilung aus Kalkriese fest, dass die Wissenschaftler viele bisherige Annahmen über die Entwicklung römischer Rüstungen korrigieren müssen. So zeige der Panzer eine "herausragende handwerkliche Qualität" mit einem "großen Tragekomfort", es sei also unzutreffend, dass zur Zeit von Augustus noch "unausgereifte" Schutz-Materialien hergestellt wurden. Allerdings habe der jetzt untersuchte, frühe Panzer noch keine Oberarm-Schienen, sei also mehr als "Weste" getragen worden, ein Schwachpunkt, der von den Schmieden später beseitigt worden sei.

    Sogar Reste von Leder entdeckt

    Restauratorin Rebekka Kuiter zeigte sich begeistert: "Trotz der schlechten Erhaltungsbedingungen durch den sauren und sandigen Boden in Kalkriese ist der Schienenpanzer in seiner Komplexität relativ gut erhalten. Scharniere, Schnallen und die Bronzebeschläge sind gut erkennbar. Und wir haben sogar organische Bestandteile, wie Reste von Leder." Durch die oben liegende Erde seien die einzelnen Bestandteile der Rüstung zusammengedrückt worden – wie bei einer Ziehharmonika seien die Platten über 2000 Jahre ineinander geschoben worden. Die Platten im Schulter- und Brustbereich seien zum Teil schon restauriert, die Bauchplatten noch "im Block".

    © Museum und Park Kalkriese

    Restauratoren sind begeistert – Sogar Lederriemen sind noch erkennbar

    Fraunhofer-Institut in Fürth half aus

    Entdeckt wurde der Schienenpanzer bei archäologischen Ausgrabungen in Kooperation mit der Universität Osnabrück bereits im Jahr 2018. Dass es sich um einen weitgehend vollständig erhaltenen Schienenpanzer handelte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Das Wissenschaftler-Team erahnte lediglich ein "sehr großes Metallobjekt im Boden". Um den Fund fachgerecht freilegen zu können, entschied man sich für die Bergung im Block, ein in der Archäologie gängiges Vorgehen, um den Fund im Anschluss unter Laborbedingungen näher zu untersuchen. Erste Station des Materials war übrigens die Röntgenstation des Zollamts am Flughafen von Münster-Osnabrück. Weil jedoch das Erdreich nähere Einblicke verwehrte, musste das Fraunhofer-Institut in Fürth mit seinem Computertomographen aushelfen.

    Die dortige Mitarbeiterin Katrin Zerbe verweist darauf, dass die Forscher mit Hilfe der CT-Anlage "Unsichtbares sichtbar" machen könnten: "Mein persönliches Highlight in diesem Projekt ist, Teil eines interdisziplinären Teams zu sein. Als Physikerin zusammen mit Bodenkundlern und Archäologen auf Spurensuche zu gehen, war eine tolle Möglichkeit ein ganz neues Themengebiet kennen zulernen."

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