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Senegal: Warum hier gemischte Ehen so gut funktionieren! | BR24

© Johannes Marchl

Senegal ist zu etwa 94 Prozent muslimisch. Christen können trotzdem ihre Religion frei leben, gemischt-konfessionelle Ehen sind keine Seltenheit.

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    Senegal: Warum hier gemischte Ehen so gut funktionieren!

    Im Schlafzimmer liegt neben dem einem Bett die Bibel, neben dem anderen der Koran: Christlich-muslimische Ehen funktionieren in Senegal gut, obwohl das Land überwiegend muslimisch ist. Ein Beispiel für ein gelingendes Miteinander.

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    Nur etwa fünf bis sechs Prozent der Menschen in Senegal sind Christen. Die überwiegende Mehrheit ist muslimisch. Was aber keineswegs bedeutet, dass Christen schlecht behandelt oder gar verfolgt würden. Man akzeptiert und respektiert einander. Der Bruder eines ehemaligen Kardinals etwa war Imam. Und an Weihnachten würde man sehen, dass in jedem Haus Weihnachten gefeiert wird, mit Baum, sagt Aliou Diak, ein Bauingenieur, der in Deutschland studiert und inzwischen mit einer deutschen Christin verheiratet ist:

    "Und wenn wir Muslime unser Opferfest Tabaski feiern, geben wir den Christen etwas vom Hammelfleisch und wenn Sie reinkämen, könnten Sie nicht wissen, ob dieses Haus katholisch ist oder muslimisch."

    Auch die gemischt-konfessionelle Ehe der Christin Marie-Antoinette Preira und ihrem muslimischen Mann Amadou Mocktar Faye ist hier kein Problem. Zwar hatten die Eltern vor der Hochzeit jeweils Bedenken, in den Weg gestellt haben sie sich dem Paar aber nicht, erzählt Amadou: "Ich habe gesagt, ich liebe diese Frau und ich möchte sie heiraten. Aber ich werde niemals konvertieren. Bitte lasst mich mein Leben führen, wie ich es möchte. Weil um in Frieden leben zu können, brauche ich diese Frau."

    Monogame Ehe

    Jetzt liegt im Schlafzimmer der beiden sowohl die Bibel als auch der Koran. Und im Auto der Tochter hängt ein christlicher und ein muslimischer Rosenkranz. Marie-Antoinette und Amadou haben sich entschieden, monogam zu leben. Im Gegensatz zu den ungefähr 50 Prozent der Senegalesinnen, die sich ihren Ehemann mit weiteren Frauen teilen. Bei den Männern ist es knapp ein Viertel. Wobei Polygamie nicht vom Islam nach Afrika gebracht wurde, Polygamie ist viel älter als der Islam; ein Familienmodell, das in der bäuerlichen Gesellschaft Afrikas viele billige Arbeitskräfte garantiert hat: Viele Frauen bekommen viele Kinder und alle zusammen arbeiten auf dem Feld. Früher durfte der Mann so viele Frauen haben wie er wollte, der Islam hat die Zahl auf vier Frauen begrenzt.

    Senegalesen sind "Unterschiedlichkeiten" gewöhnt

    Bei gemischt-konfessionellen Ehen ist in den allermeisten Fällen der Mann Muslim und die Frau Christin. Gemeinsame Kinder werden in der Regel im Glauben des Vaters erzogen. Auch bei den Kindern von Marie-Antoinette und Amadou ist das so. Sie respektieren den christlichen Glauben ihrer Mutter jedoch sehr, sagt die Tochter:

    "Wenn Samstagabend Messe ist, bringe ich meine Mutter zur Kirche. Oder am Sonntagvormittag bringt mein Vater sie zur Kirche, wenn er von der Moschee nach Hause kommt. Also, wir haben da kein Problem."

    Dass das Zusammenleben der Religionen in Senegal so gut funktioniert, hat laut dem emeritierten Kardinal Théodore Adrien Sarr historische Gründe: In Senegal leben mehrere Ethnien. Schon frühere Generationen seien es in Senegal gewohnt gewesen, Unterschiedlichkeiten zu akzeptierten, so Sarr: "Als der Islam, das Christentum und andere Religionen von außen nach Senegal kamen, konnten wir deshalb mit diesen Unterschieden umgehen." Hier gebe es immer Leute, die in der Lage sind zu verhandeln und darauf hinarbeiten, dass man sich auf einer gemeinsamen Basis wiederfindet. "Mit einem gemeinsamen Gott. Mit einem gemeinsamen Ursprung. Das ist hier die Tradition."

    Grenzen der Freiheit

    Wobei dieses Leben-und-Leben-lassen auch seine Grenzen hat. Ein freies, bekennendes Leben als Homosexueller oder Homosexuelle – unmöglich! Frauen, die gleichberechtigt ihr Leben gestalten – selten, denn nicht nur die Traditionen und das Familienrecht weisen den Frauen Unterordnung zu.

    Die komplette Reportage über Christen und Muslime im Senegal gibt es ab Sonntag, den 17. Mai 2020 hier auch als Podcast zum Nachhören.

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