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Kultur

Cemile Sahins Debüt setzt Fiktion gegen das Sterben im Krieg | BR24

© Paul Niedermeyer

Autorin und Künstlerin Cemile Sahin

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    Cemile Sahins Debüt setzt Fiktion gegen das Sterben im Krieg

    Ein Soldat wird vermisst, seine Mutter sucht sich einen Sohndarsteller – und spielt das Leben als Serie weiter: Cemile Sahin erzählt in ihrem Roman "TAXI" vom Überleben nach dem Krieg. Was nach schwerer Lektüre klingt, hat richtig viel Drive.

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    Plötzlich ist da diese alte Frau, die Polat auflauert und ihn tagelang verfolgt. Zuerst ignoriert er sie. Doch irgendwann sitzt sie nachts auf der Straße vor seiner Wohnung, in einem weißen Plastikstuhl, frisst Brot, glotzt vor sich hin. Und als sie Polat am Tag darauf anspricht und ihm sagt, sie möchte, dass er wieder nach Hause kommt, da denkt man als Leser kurz: Hier beginnt jetzt eine wahnsinnig tragische Verwechslungsgeschichte. Genau das passiert dann auch – aber wirklich ganz anders als erwartet.

    Sie nehmen die Erzählung selbst in die Hand

    Cemile Sahin hat ein Buch über Krieg geschrieben oder vielmehr darüber, wie der Krieg in den Menschen fortwirkt, auch wenn er längst vorbei ist. Rosa Kaplan, die Frau auf dem Plastikstuhl, hat ihren Sohn verloren. Die Eltern von Polat, dem Verfolgten, wurden in einem Lkw abtransportiert. Beide sind Überlebende in einem unbekannten Land, die nach einem erträglichen Dasein suchen. Das alles klingt furchtbar, und das ist es auch. Aber so soll es nicht bleiben. Frau Kaplan hat deshalb beschlossen, die Geschichte, die der Krieg ihr auferlegt hat, einfach nicht mehr anzunehmen. Sie schreibt ein Skript, als wäre ihr Leben eine Sitcom, castet Polat für die Rolle des wiedergekehrten Sohns. Erst wird geprobt und dann: Action! Was danach passiert ist skurril, fast ein wenig wahnsinnig, und nach Drehbuch läuft sowieso bald gar nichts mehr.

    Es gäbe leichtere Themen

    "TAXI" ist ein Debütroman, und das ist wirklich erstaunlich, denn es gibt viele Schriftstellerinnen und Autoren, die sich in ihrem Erstling an leichteren Themen abarbeiten. Sahin ist 1990 in Wiesbaden geboren, ihre Eltern sind Kurden aus der Ost-Türkei und sie hat einen Teil ihrer Kindheit dort verbracht. Das verpflichtet sie keineswegs auf kurdische Themen, und überhaupt griffe es wie so oft zu kurz, den Roman auf seine Autorin hin zu lesen. Sahin selbst sagt, sie habe kein Buch über Kurdistan schreiben wollen oder darüber, was ihrer Familie oder ihr als Kind passiert sei. Denn solche Themen könnten viel universeller verhandelt werden.

    © Korbinian Verlag

    "TAXI" von Cemile Sahin

    Gegen die abgenutzten Bilder der Gewalt

    Deshalb macht "TAXI" beim Lesen auch wirklich alles mit einem, außer uns bleischwer den Krieg auf die Seiten zu legen – schon gar keinen konkreten. Das Buch ist lustig, und das macht es großartig. Die Geschichte ist tragisch, aber so absurd, dass die Figuren oft unfreiwillig komisch wirken. Polat zum Beispiel, der als neuer Sohn alles richtig machen will, aber sich dann nicht daran erinnern kann, dass er nicht gerne frühstückt. Ein bisschen wie Buster Keaton sei ihr Personal, sagt Sahin.

    Ihr Ton ist hart und direkt, und an manchen Stellen lacht man auch eher so, wie einer lacht, dem gerade jemand auf den großen Zeh gestiegen ist. Bei alledem aber wirkt der Text beinahe erschreckend souverän: Nirgendwo Getragenheit, der Roman will erst einmal keine Meinung von einem und kein Mitgefühl. "TAXI" ist so unpathetisch, wie ein Buch über Krieg, Gewalt und Traumata kaum sein kann. Und schließlich jagt Sahin einen mit dermaßen viel Drive durch die Geschichte, dass man auf den letzten 50 Seiten kaum anders kann, als den Kopf auszuschalten, um irgendwie hinterherzuhecheln.

    Die Überzeichnung hilft

    "TAXI" gelingt es, aus einem bestechend simplen Setting ein Drama mit großem Unterhaltungswert zu entwickeln. Dass dabei vieles völlig überzeichnet ist, erscheint 2019, wo wir uns so sehr an Bilder realer Kriege gewöhnt haben, geradezu notwendig: Erst durch diese Übertreibungen kommt der Text der Kaputtheit seiner Protagonisten tatsächlich nahe. Offen bleibt, wer in diesem unbekannten Krieg gegen wen gekämpft hat und wo die Handlung eigentlich stattfindet. Das schafft Raum für Projektionen: Im Herbst 2019 liest man von einem Krieg, dessen Überlebende alle ganz selbstverständlich deutsch sprechen. Man denkt dann an das Stichwort von der post-migrantischen Gesellschaft, kuckt sich um und fragt sich mal wieder, was die Leute um einen herum in ihren Leben schon alles gesehen haben.

    "TAXI" von Cemile Sahin ist im Korbinian Verlag erschienen.

    Cemile Sahin ist Autorin und Bildende Künstlerin. Eine ihrer Arbeiten ist gerade in der Ausstellung “Tell me about (yesterday) tomorrow” des NS-Dokumentationszentrums München zu sehen.

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