Bei einem Auftritt im April 2023
Bildrechte: Vyacheslav Prokofyev/Picture Alliance

Ultrapatriot und Sänger: Grigori Leps

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"Seltene Schande": Russische Künstler zahlen Abschussprämien

Für jeden zerstörten Leopard-Panzer aus deutscher Produktion haben bekannte russische Musiker eine Sonderzahlung in Aussicht gestellt, die Rede war von umgerechnet 11.000 Euro. Der Kreml bedankte sich, doch nicht alle Russen zeigten sich begeistert.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums SPIEF in St. Petersburg amüsierten sich laut dem Regionalblatt "Fontanka" russische Promis bei Champagner, Austern, Krabben und Erdbeeren mit 80er-Jahre-Hits und tanzten barfuß: "Der Teppich ist sauber." Bevor der aus dem usbekischen Taschkent stammende sowjetische Pop-Veteran Juri Antonow (78) seine Hits anstimmte, darunter "Lebe deinen Traum" und "Stirb nicht, Liebling", verkündeten Super-Stars des Showgeschäfts zum Gaudium der Versammelten, sie würden "Geld zusammenlegen", um für "jeden beschädigten und gekaperten Leopard- und Abrams-Panzer" eine Belohnung von einer Million Rubel (ca. 11.000 Euro) zahlen zu können.

Wohl zur Beruhigung von Branchenkollegen, die sich womöglich vor dem finanziellen Risiko fürchten, verwies der Sänger Nikolai Baskow darauf, dass es "nicht so viele" Leopard-Panzer an der Front gebe, nach seinem Kenntnisstand seien es sechzig. Jeder könne auf ein Konto des Verteidigungsministeriums Geld überweisen. Die Künstler, darunter auch Grigori Leps (Foto), legten besonderen Wert darauf, keine "verschüchterten Patrioten" zu sein, sondern "in Vollzeit" ihr Vaterland zu lieben.

Kreml: "Gesellschaft unterstützt unsere Helden"

Baskow dankte den Soldaten, weil sie Russland "gerettet" hätten: "Ich hoffe, dass der finanzielle Beitrag von mir, Grigori und den Kollegen, die sich dieser Aktion anschließen, zu einer besseren Wahrnehmung dessen führt, was in unserer schwierigen Zeit passiert, in der Menschen für unser Vaterland sterben." Nebenbei schimpften die Promis auf die Ungeschicklichkeit des Kulturministeriums, weil so viele Künstler Russland verlassen hätten - inzwischen sollen erstaunliche 12 Prozent aller offiziell erfassten Branchenmitglieder als "ausländische Agenten" gebrandmarkt sein. Die Party-Gesellschaft - Dresscode "ganz in Schwarz" - fand es auch unpassend, Komponisten für "patriotische Lieder" zu honorieren. Das sei "Unsinn", ebenso wie aufwändige Propaganda-Konzerte, weil das Geld dafür gerade dringend an der Front benötigt werde.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bewertete die Abschussprämien positiv und sprach von "patriotischen Manifestationen": "Das ist keine Einzelinitiative, es gibt viele ähnliche Vorstöße. Zuvor sprachen bereits mehrere Unternehmer davon. Die Gesellschaft unterstützt unsere Helden, unsere Kämpfer, und das ist gut." Putin lasse gerade prüfen, ob das Geld über das Verteidigungsministerium ausgezahlt werden könne. Bei einem Treffen mit Militärbloggern hatte der Präsident behauptet, seine Soldaten würden bereits staatlicherseits für Abschüsse von Panzern und Flugzeugen finanziell belohnt, war von den Gästen aber belehrt worden, das sei mitnichten der Fall. Putins Antwort: "Dass das Geld nicht ausgezahlt wird, kommt für mich unerwartet."

"Selbsthypnose-Sitzung zur Beruhigung"

Blogger Dmitri Bawirin räumte ein, er habe sich angesichts der in Aussicht gestellten Millionen-Belohnung für abgeschossene Panzer den "Sieg der Postmoderne irgendwie anders vorgestellt." Kollege Anatoli Nesmijan schrieb: "Aufgrund der Tatsache, dass das St. Petersburger Wirtschaftsforum zu einer rein lokalen Veranstaltung abgesunken ist, wird das Publikum für die dortigen Redner immer vorhersehbarer. Daher ähneln die Reden der Gäste eher einer Selbsthypnosesitzung, einem Versuch, sich zu beruhigen und einen schützenden Kokon zu schaffen, in dem die Realität zwar nicht schön, aber zumindest nicht so beängstigend aussieht."

Ähnlich urteilte Blogger Sergej Starovoitow. Er bezeichnete das dubiose Wirtschaftstreffen SPIEF als "Gruppentherapie": "Die Hoffnungen der Elite zielen darauf, dass alles irgendwie von selbst auseinanderfällt, Hauptsache nicht den Mut verlieren, den Sicherheitsgurt fester zurren und sich in der Zeit der Turbulenzen retten. Auch der Selbsterhaltungstrieb zwingt zum Zusammenhalten – daher die Forderung nach gemeinsamen Aktivitäten und der therapeutischen Auseinandersetzung mit schwierigen Gefühlszuständen."

Politikberater Dmitri Fetisow argumentierte: "Das Problem von SPIEF ist nicht sein Image. Das Problem ist, dass die Organisatoren überhaupt nichts unternehmen, um dieses Bild zu korrigieren. Obwohl die Website für den Präsidenten persönlich sehr wichtig ist. Und die Zahl der negativen Veröffentlichungen auf SPIEF in diesem Jahr bricht alle Rekorde und irritiert die breite Öffentlichkeit." Kollege Andrej Proschkow sprach von einem "Forum für Angeber", das von "niemandem mehr benötigt" werde: "Schauen Sie sich mal die Preise für die dortigen Salate, Getränke und Beilagen an."

"Sterben unsere Jungs für dieses Russland?"

Unter den Leser-Kommentaren bei "Fontanka" war mit Blick auf die "patriotischen" Geldspender von einer "seltenen Schande" die Rede. Jemand sah sich veranlasst, auf den ABBA-Song "The Winner Takes It All" hinzuweisen, wo es in der dritten Strophe heißt: "The loser's standing small/Beside the victory/That's her destiny" (Die Verliererin steht geduckt angesichts des Sieges, das ist ihr Schicksal) Es gab "Pfui"-Reaktionen, von einer "Orgie der Patrizier mit Hetären auf dem Forum" war die Rede, eine Anspielung darauf, dass russische Medien vom Andrang Prostituierter auf dem "Wirtschaftsforum" berichtet hatten.

"Ist das ein Wirtschaftsforum? Welche Verträge und Vereinbarungen wurden im Hinblick auf die Verbesserung der Wirtschaft des Landes und der Stadt abgeschlossen?" fragte eine Leserin. Ein Kommentator meinte: "Im neuen Russland werden sie sich in den Lagern gegenseitig amüsieren. Lebenslang mit Einziehungsmaßnahmen." Ein Diskussionsgast schrieb: "Und zu dieser Zeit gibt es in der Grenzregion Belgorod für russische Flüchtlinge innerhalb Russlands Lebensmittelrationen mit einer Dose Eintopf und einer Packung Müsli. Eine weitere Million für einen zerstörten Panzer der Streitkräfte der Ukraine - ein Wettbieten wie bei einer Auktion. Im Allgemeinen ist das eine Schande. Sterben unsere Jungs für dieses Russland?"

"Briten zahlten Prämie für Schlangen"

Es wurde daran erinnert, dass "auch Großherzoginnen" einst zu Kriegszeiten in Krankenhäusern tätig gewesen wären. Empört erinnerte ein Kommentar daran, dass zeitgleich zur wilden Party in St. Petersburg im russischen Fernsehen um Geldspenden für Kinder geworben wurde. Immerhin hätten die Künstler den Soldaten das "Liebste" in Aussicht gestellt, dass ihnen bekannt sei - Geld. Über einen "Haufen Parasiten" wurde gezetert, über "zynische Heuchler", die "zum Kotzen" seien: "Wir dampfen in der Hitze des Gefechts, während die Elite ihren Spaß hat!"

Eine herrliche, wenngleich nicht belegte Anekdote war von einem Leser der "Business-Gazeta" zum Thema Abschussprämien zu lesen: "Britische Kolonialbehörden und Soldaten in Indien litten häufig an Schlangenbissen und starben daran. Um sich irgendwie zu schützen, beschlossen sie, ihre Zahl zu reduzieren. Es wurde beschlossen, das die lokale Bevölkerung erledigen zu lassen und ihnen eine finanzielle Belohnung zu zahlen. Die Arbeiten liefen auf Hochtouren! Die Schlangen wurden in großen Mengen angeschleppt. Doch trotz der Tatsache, dass immer mehr Schlangen geliefert wurden, ging die Zahl der Bisse nicht zurück. Als die Briten untersuchten, warum das geschah, stellte sich heraus, dass die Einheimischen, nachdem sie erfahren hatten, dass für Schlangen gutes Geld bezahlt wurde, begannen, die Tiere massiv zu züchten."

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