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Selbstversuch: Wie dankbar bin ich in Zeiten von Corona? | BR24

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Danke! Eigentlich ist es nur ein Wort. Und doch kann es eine große Wirkung entfalten – und sich sogar auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirken. Doch kann man in Corona-Zeiten dankbar sein? Veronika Wawatschek wagt den Selbstversuch.

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Selbstversuch: Wie dankbar bin ich in Zeiten von Corona?

Danke! Eigentlich ist es nur ein Wort. Und doch kann es eine große Wirkung entfalten – und sich sogar auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirken. Doch kann man in Corona-Zeiten dankbar sein? Veronika Wawatschek wagt den Selbstversuch.

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Von
  • Veronika Wawatschek

Kein Christkindlmarkt, kein Besuch vom Nikolaus und keine große Weihnachtsfeier. Besten Dank, so möchte man am liebsten sarkastisch aufseufzen, haben wir doch eigentlich gerade recht wenig Grund für irgendwas zu danken.

Danke sagen in Corona-Zeiten - wofür? Für nichts!

"Dua oiwei schee dankschee sogn." – "Bedank dich immer schön." Das war eine der wenigen Lebensweisheiten, die mir mein Großvater als Kind mitgegeben hat. Klar, hab ich mich bedankt, als ich den Auftrag für diesen Selbstversuch bekommen habe! Hab ich wirklich? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht mehr. Mein erster Gedanke bei dem Thema war jedenfalls eher: Dankbarkeit in Zeiten von Corona - wofür? Für nichts!

Oder sollte ich mich bedanken, dafür, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben erfahren habe, was allein sein wirklich heißt? Dankbar sein für die Erfahrung, wie angewiesen ich als Angehörige einer Randgruppe – da alleinerziehend und alleinverdienend – auf ein funktionierendes System um mich herum ich bin, das mir staatlich verordnet nun einfach genommen wurde?

Selbstversuch: Dankbarkeitstagebuch schreiben

Nein, für diese Erfahrung kann ich weiterhin keine Dankbarkeit empfinden und doch hab ich mich darauf eingelassen, diesen Selbstversuch zu starten: Eine Woche lang werde ich jeden Abend notieren, wofür ich dankbar bin und schauen, was das mit mir macht – denn schließlich sagt ja nicht nur der Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, Dankbarkeit sei die Quelle alles Guten …

Montag, 16.11.2020

  • Danke fürs Joggen am Morgen, für guten Kaffee und gut gelaunte Kinder

"Trotz aller Herausforderungen den Blick auf das zu lenken, was dennoch gut läuft." Das ist das Ziel der Dankbarkeitskampagne der Jesuiten. Sie wollen damit helfen, den Blick auf das Wesentliche im Leben zu richten, um gerade in diesem außergewöhnlichen Jahr positiv auf Weihnachten zugehen zu können, wie es auf der Internetseite dazu heißt.

Dankbarkeit heißt nicht, alles schön zu reden

"Viele Menschen, so merkte ich gerade, konzentrieren sich vor allem auf das Negative. Auf all das, was jetzt nicht mehr laufen kann. Auf das, was aufgegeben werden muss", sagt Pater Martin Stark von den Jesuiten in München. Dem wollen die Jesuiten etwas entgegensetzen. Natürlich gehe es nicht darum, alles schön zu reden, so Pater Stark, aber "ich kann in all dem Schwierigen trotzdem noch etwas Dankbares finden".

Danke sagen kommt an – und zwar nicht nur bei dem, dem der Dank gilt. Die positiven Auswirkungen auf Körper und Seele dieses kleinen Wortes wurden inzwischen auch empirisch bestätigt. So zeigten zwei US-amerikanische Psychologen: Probanden, die über zehn Wochen ein Dankbarkeitstagebuch führten, waren messbar optimistischer, fühlten sich vitaler und spürten mehr Lebensfreude als die Probanden, die entweder das Negative des Tages notierten oder neutral über das Tagesgeschehen reflektierten.

Außerdem wiesen die Teilnehmer aus der Dankbarkeitsgruppe weniger körperliche Beschwerden auf: Sie hatten weniger Bauchweh, Kopfweh, Schwindel oder Muskelverspannungen und sie trieben mehr Sport als die anderen Probanden.

Dankbarkeit als Prävention vor Depression und Sucht

Inzwischen gehen viele Psychologen davon aus, dass Dankbarkeit sogar helfen kann bei der Prävention von Angst- und Panikerkrankungen, sowie vor Depressionen oder Suchterkrankungen schützen kann. Denn ängstlich, wütend oder neidisch und zugleich dankbar zu sein, lässt sich schwer vereinen – so die Experten.

Mittwoch, 18.11.2020

  • Danke für das nette Kamerateam
  • Danke für 20 Minuten Durchschnaufen beim Yoga am Abend

Donnerstag, 19.11.2020

  • Danke für einen entspannten Tag im Home-Office
  • Danke für Mittagssonne in der Küche
  • Danke, dass mein Sohn nicht wegen Chase von Paw Patrol seinem besten Freund die Freundschaft aufkündigt, sondern sich mit der Zumafigur zufrieden gibt
  • Danke, dass meine Tochter sich beim Treppengeländerrutschen nicht den Hals bricht
  • Danke für nette Tür-und-Angelgespräche beim Kinder abholen

Ich für meinen Teil stelle ab Tag drei fest: meine persönliche Dankbarkeitsliste wird länger. Eine wesentliche Veränderung in meinem Alltag kann ich aber nicht feststellen. Ok, zugegeben – vielleicht ist eine Woche auch zu kurz, eine ganze Lebenseinstellung zu verändern. Oder geht es mir einfach zu gut? Bin ich vielleicht einfach undankbar? Auf der Seite der Jesuiten lese ich die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter aus der Demokratischen Republik Kongo.

"Meine eigene Mutter wurde 2013 von Rebellen getötet, mein Vater und mein Ehemann wurden entführt. Bis heute weiß ich nicht, ob beide noch leben. Der JRS [Jesuiten Flüchtlingsdienst; Anm. d. Redaktion] hat mir und meiner Familie vielfach geholfen, etwa indem ich Englisch lernen und eine Schneiderausbildung absolvieren konnte. Der JRS zahlt die Schulgelder meiner Kinder und unterstützt die Familie während COVID-19 mit Essensgutscheinen. Ohne die Unterstützung durch den JRS wäre unser Leben sehr, sehr schwer, COVID-19 hat uns alle hart getroffen: keine Arbeit, kein Einkommen."

Danke sagen ist mehr als Höflichkeit - es ist eine Lebenseinstellung

Verglichen mit dieser Geschichte geht es mir freilich ziemlich gut, hier in unserem Sozialstaat. Allerdings kann es ja nicht Sinn der Sache sein, sich nur im Vergleich mit anderen besser zu fühlen. Und doch stelle ich fest: Am Ende des Selbstversuchs lässt die große Erleuchtung noch auf sich warten.

Was dennoch bleibt, ist die Erkenntnis, dass mein Großvater wahrscheinlich nicht ganz unrecht hatte: "Dua schee dankschee sogn." – Das ist vielmehr als eine Höflichkeitsfloskel, es ist eine Einstellung zum Leben, die Haltung, dass nichts selbstverständlich ist, sondern dass das Leben an sich Wertschätzung und Achtung verdient.

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