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Sektenaussteiger stehen unter großem sozialen und emotionalen Druck. Damit ein Ausstieg gelingt, braucht es oft psychologischen Beistand – und Therapeuten mit Einblick in das Funktionieren religiöser Sekten. Das Bewusstsein dafür wächst nur langsam.

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Sekten: Für Aussteiger fehlt oft therapeutische Hilfe

Sektenaussteiger stehen unter großem sozialen und emotionalen Druck. Damit ein Ausstieg gelingt, braucht es oft psychologischen Beistand – und Therapeuten mit Einblick in das Funktionieren religiöser Sekten. Das Bewusstsein dafür wächst nur langsam.

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Von
  • Nabila Abdel Aziz

Udo Obermayer ist bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen. Vor vier Jahren ist er aus der Religionsgemeinschaft ausgestiegen. Bis dahin war es aber ein langer Weg, erinnert er sich. In den letzten Jahren vor seinem Ausstieg sei es ihm gesundheitlich immer schlechter gegangen. Chronische Rückenschmerzen hätten ihn in ärztliche Behandlung gebracht, erzählt er im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. "Und da war dann die Situation so, dass ich dann auch über meine ganze Lebenssituation gesprochen habe."

Ein Arztbesuch wegen Rückenschmerzen: der Anfang vom Ausstieg

Die Rückenleiden waren nicht allein körperlicher Natur. Udo Obermayer hatte ein Burnout und Depressionen. Die Ärztin schickt ihn in psychologische Behandlung. Das war für ihn der erste Schritt raus aus der Gemeinde der Zeugen Jehovas. Die Psychologin zu kontaktieren, das sei für ihn aufgrund seiner Prägung durch die religiöse Gemeinschaft kein einfacher Schritt gewesen, erklärt Obermayer: "Psychologen sind total verpönt, weil man da Angst hat, dass die einen vom Glauben abbringen, wenn die bei der Therapie in die Tiefe gehen."

Zum ersten Mal "offen über alles reden"

Das Gespräch mit der Psychologin erlebte er dann wider Erwarten positiv: "Die erste Person in meinem Leben, mit der ich offen über alles reden konnte." Bei den Zeugen Jehovas, so erinnert sich Udo Obermayer, konnte er selbst mit Vertrauten nicht offen sprechen. Zweifel und Depressionen - für einige Gläubige wären das lediglich Zeichen vermeintlich schwacher Überzeugungen gewesen.

Weltanschauungsexperte: "Schmerzhafte Erfahrungen" verarbeiten

Der Ausstieg aus einem Leben in einer Sekte ist nicht einfach: Auf der einen Seite sind da andere Sektenmitglieder, die Druck ausüben. Auf der anderen Seite muss man damit zurechtkommen, spirituell und existentiell womöglich auf falsche Glaubenssätze gebaut zu haben.

Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, weiß, oftmals ist für Aussteiger eine längere Begleitung vonnöten: "Denn es sind oft sehr schmerzhafte Erfahrungen, die Sekten-Aussteigerinnen und Sekten-Aussteiger gemacht haben."

Viele Aussteiger brauchen dauerhafte Begleitung

Neben den kirchlichen Beratungsstellen gibt es Vereine, die Aussteigern Unterstützung anbieten, wie der Verein "JZ-Help", bei dem sich Udo Obermayer engagiert. Das Problem bei Beratungsstellen in kirchlicher Trägerschaft sei, so Matthias Pöhlmann, dass manche Sektenaussteiger mit Religion am liebsten gar nichts mehr zu tun haben wollen. Und dass Beratungs- und Informationsstellen keine langfristige therapeutische Begleitung anbieten können.

Die aber sei oftmals notwendig, so Pöhlmann: "Bei den kirchlichen Beratungsstellen sind ja keine Psychologen oder in diesem Fall keine Psychotherapeuten, die eine längere Begleitung ermöglichen können. Und so wird uns oft die Frage gestellt, ob wir da jemanden empfehlen können. Und ich merke das hier doch nicht so sehr viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit diesem Feld befasst sind."

Auf BR-Anfrage widerspricht die Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten. Es gebe genügend Spezialisten auf dem Gebiet Sektenausstieg. Generell aber gebe es zu viele Menschen in Krisen und zu wenig Verfügbarkeit von Therapieplätzen, nicht nur im Bereich Sektenausstieg.

Aussteiger suchen die Schuld bei sich, nicht bei der Sekte

Doch auch Udo Obermayer vom Verein "JZ-Help" sagt aus Erfahrung: Viele Psychotherapeuten könnten nicht einschätzen, wie viel Angst es bereite, sich von religiösen Überzeugungen zu lösen, wie tief religiöse Vorstellungen von Strafe und Sünde verankert sein können: "Man fragt nicht, was macht die Religion falsch, sondern was mache ich falsch", beschreibt er das seelische Dilemma nach dem Ausstieg. "Und das führt zu kognitiven Dissonanzen, die die Seele nicht aushält. Und das führt dazu, dass man körperlich, psychisch und seelisch krank wird."

Das Bewusstsein, wie stark spirituelle und religiöse Erfahrungen im guten wie im negativen Sinn die Seele beeinflussen, wächst gerade erst bei vielen Psychologen. Gewöhnlich wird während eines Therapieprozesses über Glaube nur wenig gesprochen.

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