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"Wir öffnen unsere Wohnungen immer mehr der Öffentlichkeit!" | BR24

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Philosoph Florian Rötzer beobachtet, wie wir unsere Wohnungen über die (sozialen) Medien immer mehr den Blicken von außen öffnen – so dass im Haus bald schon mehr Öffentlichkeit herrscht als vor dem Haus.

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"Wir öffnen unsere Wohnungen immer mehr der Öffentlichkeit!"

Seit Corona ist die Wohnung zentraler Lebens- und Rückzugsort – gezwungenermaßen. In seinem Buch "Sein und Wohnen" durchstreift der Philosoph Florian Rötzer nun die Kulturgeschichte des Wohnens - und sagt, was sich in Zukunft radikal ändern wird.

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Von
  • Barbara Knopf

Nie war die Wohnung so wertvoll wie in diesen Zeiten, da Corona uns in die eigenen vier Wände zurückwirft. Und noch nie wurde sie vielleicht so stark als Gefängnis empfunden wie gerade jetzt. Wohnte man bisher vielleicht eher beiläufig, schaut jetzt die Wohnung doch sehr penetrant zurück. Aber es geht nicht nur um ein neues Design, das Innenausstattern zufolge das Bewusstsein bestimmen soll, sondern um eine viel grundlegendere Frage, die sich in diesen Tagen gut stellen lässt: Inwiefern das Wohnen das Sein bestimmt. Jedenfalls ist gerade ein Buch mit diesem Titel erschienen, „Sein und Wohnen“. Geschrieben hat es der Medientheoretiker, Philosoph und Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis, Florian Rötzer – der nun zu Gast war bei kulturWelt-Moderatorin Barbara Knopf.

Barbara Knopf: Ist das das Buch zur Stunde oder haben Sie das schon vorher konzipiert?

Florian Rötzer: Das ist eine zufällige Entwicklung gewesen. Ich hatte das Buch schon vor drei Jahren begonnen und kam dabei zufällig auch auf eine Geschichte, die ich als sehr wichtig empfand, nämlich die Folgen der verschiedenen Pestwellen, die durch Europa gezogen sind. Das war keine Vorhersehung, sondern reiner Zufall. Wobei allerdings das Wohnen seit dem Mittelalter sehr stark geprägt ist von den Erfahrungen der Seuchen und der Seuchenabwehr. Bis dann so etwa im 18. Jahrhundert das Zeitalter des großen Reinemachens begann, der Hygienebewegung. Und in der stecken wir eigentlich noch fest.

Sie sagen in ihrem Buch ja auch zum Beispiel: "Wohnen macht den Menschen erst zum Menschen". Das ist ein sehr essentieller Satz. Klingt gleichzeitig aber ein bisschen nach Möbelangebot. Aber das ist es ja nicht. Im Wohnen steckt sehr viel Dynamik und sehr viel Ambivalenz, oder?

Als die Menschen in die ersten Wohnungen einzogen, waren das ja eher so Schilfgebäude mit ein paar Ästen und Zweigen, da ging es im Grunde genommen nur darum, dass sie sich von der Umwelt und ihren anderen Gruppenmitgliedern abgrenzen konnten und einen Innenraum fanden, in dem sich ein eigenes Leben entfalten konnte. Ich glaube, dass das erheblich zur Individualisierung beigetragen hat, und das auch darüber ein Schub an Kreativität stattgefunden hat - weil man dort Verhaltensweisen ausprobieren und Dingen nachgehen konnte, die man in der Öffentlichkeit, in Anwesenheit des Kollektivs nicht machen konnte. Also: Das Wohnen, dieser Rückzug ins Private, die Schaffung des Privaten überhaupt ist eine Grundvoraussetzung der menschlichen Kultur.

Hat sich aber natürlich ein bisschen weiterentwickelt: Zu dem Bedürfnis, sich auch zu schützen, die Wohnung als Festung - was ja auch wieder ein paar Probleme mit sich bringt…

Ja, aber das war ja von Anfang an. Indem man sich in eine, nennen wir es mal: Wohnung zurückgezogen hat, hat man sich natürlich auch geschützt, vor wilden Tieren oder vor Insekten. Und diese Schutzfunktion blieb auch ganz wesentlich, ist ja auch gesetzlich fundiert als die Unverletzlichkeit der Wohnung. Aber man muss gleichzeitig sagen: Diese Rückzugsmöglichkeit wird eben derzeit durchbrochen, das macht ja die Corona-Zeit noch einmal deutlich: Wir öffnen unsere Wohnungen immer mehr der Öffentlichkeit, indem wir immer mehr mit den Medien, mit dem Außen verbunden sind und im Innenraum mittlerweile an einer größeren Öffentlichkeit teilnehmen, als wenn wir uns draußen im öffentlichen Nahraum bewegen würden.

Ihre These ist ja auch, dass sozusagen diese digitale Unterwanderung der Häuser das Ende der Illusion von Privatheit ist.

Wir erfahren jetzt Schritt für Schritt, wie die Wohnungen sich verändern: Indem neue Techniken einziehen, indem wir Sensoren haben, indem wir Geräte vernetzen und die Wohnung zu einem Smart Home machen. In die Zukunft wird alles, was in der Wohnung vorhanden ist, miteinander vernetzt und durch eine künstliche Intelligenz gesteuert sein. Wir haben das ja schon jetzt, dass wir über digitale Assistenten wie Alexa mit unserer Umgebung sprechen. Noch haben wir den Eindruck, wir würden sie steuern und könnten Befehle aussprechen. Aber wenn wir dann ein vernetztes Haus haben, dann wird sich die Grundsituation des Wohnens grundsätzlich verändern. Das Haus oder die Wohnung wird eher zu einem Gegenüber, zu einer Art Person oder zu einem selbständig handelnden Wesen, mit dem wir dann konfrontiert sind und in dem wir sozusagen wohnen. Das ist etwas, was das Heim erst einmal unheimlich machen wird.

Ich wollte eigentlich gerade fragen: Finden Sie das gut oder nicht? Aber „unheimlich“ wäre ja jetzt die negative Variante..

Das wäre erst einmal eine Art von Befremdung, weil wir seit Jahrtausenden gewohnt sind, dass Wohnungen starre Gehäuse sind. Die können natürlich zusammenfallen, man kann dort einbrechen - aber es ist nichts belebtes. Früher hat man als unheimliche Gebäude solche bezeichnet, die leer stehen, die alt sind und in denen möglicherweise Gespenster ihr Unwesen treiben. Jetzt ziehen wir praktisch in diese Häuser ein. Und die Gespenster von heute, das ist die moderne digitale Technik.

Die Frage ist ja: Wie sehr stört Menschen das? Es ändert sich ja momentan sowieso, dass zum Beispiel das Private und das Öffentliche immer mehr vermischt werden. Der kommende Corona-Sommer führt vielleicht auch dazu, dass auf den Balkonen noch mehr Homeoffice gemacht und öffentlich telefoniert und dass Gärten zu Küchen ausgestattet werden. Das heißt, die Menschen stört es ja gar nicht mehr so sehr, dass sie diese Beziehungen wieder miteinander verflechten…

Ich glaube, eine Folge davon wird sein, dass wir wissen, dass unser Leben in dieser Öffentlichkeit stattfindet - und dass wir darüber auch andere Verhaltensweisen ausbilden werden, die wieder eine andere Art von Privatheit erzeugen werden. Man trifft sich beispielsweise draußen in einem Park, weil man weiß, dass man da nicht so von allen Seiten überwacht wird. Unsere Stadträume werden ja immer weiter von Kameras überzogen, der digitale Raum legt sich sozusagen über unsere ganze Umgebung. Aber es könnte ja sein, dass wir auch wieder versuchen werden, dem zu entkommen. Das Geheimnisvolle ist etwas, das den Menschen ausmacht und das auch die Beziehungen ausmacht. Alles in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, das wäre dann auch eine große Langeweile und eine große Normierung.

Florian Rötzers Buch „Sein und Wohnen“ ist gerade im Westend Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

© Westend Verlag / Montage: BR
Bildrechte: Westend Verlag / Montage: BR

"Sein und Wohnen", das neue Buch von Florian Rötzer

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