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"Dass man diese Menschen dort wissentlich ertrinken lässt" | BR24

© Bayern 2

„Lass uns mit den Toten tanzen“: Sea Watch 3-Kapitänin Pia Klemp schreibt einen Roman über Migration am Mittelmeer. Darin verarbeitet sie ihre Erlebnisse als Seenotretterin und stellt Flüchtlinge als Menschen statt als statistisches Material dar.

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"Dass man diese Menschen dort wissentlich ertrinken lässt"

Die Kapitänin Pia Klemp war als Seenotretterin auf dem Mittelmeer unterwegs. Ihre Erlebnisse dort verarbeitet sie derzeit zu dem Roman „Lass uns mit den Toten tanzen“. Im Gespräch erklärt sie, warum sie sich gegen ein Sachbuch entschieden hat.

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Derzeit vergeht kein Tag, an dem uns nicht Meldungen aus dem Mittelmeerraum erreichen, in denen es um die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen geht beziehungsweise um die Schikanen, welchen die Seenotretter vor allem von Seiten der italienischen Regierung ausgesetzt sind. Das bekannteste jüngste Beispiel ist die Deutsche Carola Rackete, die zusammen mit ihrer Crew Menschenleben rettete an der „tödlichsten Grenze der Welt“. So nennt Sören Moje, der Maschinist auf der „Sea Watch 3“, das Mittelmeer. Doch er, Carola Rackete und ihre Mitstreiter wurden nicht etwa unterstützt bei ihren Rettungseinsätzen, sondern massiv behindert und sind jetzt wegen „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ in Italien angeklagt. Exakt so war es auch bei einer anderen deutschen Schiffskommandantin, bei der Kapitänin Pia Klemp, die 2017 auf der „Sea Watch 3“ und zuvor auf anderen Rettungsmissionen fuhr und im vergangenen Jahr nach Deutschland zurückkehren musste, nachdem ihr die italienische Regierung mit Inhaftierung gedroht hatte für den Fall, dass sie weitere Einsätze fahren würde. Ihre Erlebnisse verarbeitet Pia Klemp derzeit zu einem Roman, der im September im Augsburger Maro-Verlag erscheinen wird: „Lass uns mit den Toten tanzen“ wird dieser Roman heißen - ein Titel so makaber wie die Realität, die er beschreibt. Knut Cordsen hat mit Pia Klemp gesprochen.

Knut Cordsen: Sie sind sieben Jahre lang für verschiedene Nicht-Regierungs-Organisationen zur See gefahren. In Ihrem Roman, von dem mir ein kleiner Auszug vorliegt, heißt es mal: „Es geht nicht darum, Leben zu retten, es geht darum, nicht zu sehen, wenn Menschen sterben. Wut über die Skrupellosigkeit kocht – mal wieder – in mir hoch, Wut darüber, dass wir zuschauen müssen, wie Formalien die Vernunft und die Menschenwürde schlagen.“ Ist aus dieser Wut heraus auch Ihr Roman entstanden?

Pia Klemp: Da hat mit Sicherheit ein ganzes Stück Wut mit rein gespielt. Es macht mir aber auch einfach Spaß, Geschichten zu erzählen, und hilft natürlich auch nach all dem, was wir dort gesehen haben – im Positiven wie aber auch im ganz Schrecklichen. Es hilft dabei, den eigenen Kopf ein bisschen zu sortieren. Aber mit Sicherheit ist da dieser Unglaube darüber, was wir dort unten geschehen lassen, dass man diese Menschen dort wissentlich ertrinken lässt. Es ist ja keine Naturkatastrophe, sondern von der Politik und den Menschen gemachtes Elend. Diese Wut darüber muss auch irgendwo hin und hat dann auch seinen Weg in meine Zeilen gefunden.

Sie sind heute 35 Jahre alt. Wie schwer ist es, sich als Frau zu behaupten in der doch nach wie vor sehr männerdominierten Seefahrt, die ja bekanntlich lange im Aberglauben lebte, eine Frau an Bord bringe Unglück und sogar Mord?

Ja, das ist leider immer noch so, dass die Seefahrt eine extrem männerdominierte Welt ist. Da ich aber ausschließlich auf NGO-Schiffen unterwegs bin, bin ich damit Gott sei Dank nicht so konfrontiert wie Frauen, die zum Beispiel in der Handelsschifffahrt tätig sind. Ob das jetzt beim Meeresschutz oder bei den Einsätzen im Mittelmeer ist: Bei uns sind die Crews ziemlich fifty-fifty Frauen und Männer. Ich hatte dort Gott sei Dank nie Probleme damit, dass eine Frau das Kommando hat. Interessant ist es aber immer dann, wenn man mit den Hafenbehörden oder der Notruf-Leitzentrale kommuniziert. Da passiert es dann doch noch sehr häufig, dass große Verwirrung herrscht, wenn sich herausstellt, dass eine Frau das Kommando hat.

© picture alliance / Geisler-Fotopress

Pia Klemp hatte das Kommonado auf der Sea Watch 3. Nun schreibt sie ein Buch über die Situation im Mittelmeer: "Lass uns mit den Toten tanzen"

Als 2017 das von Ihnen befehligte Schiff „Iuventa“ beschlagnahmt wurde, haben Sie gesagt, dass die Flüchtlingsorganisation „Jugend rettet“ überwacht worden sei. Telefone seien abgehört worden, es habe verdeckte Ermittler an Bord anderer Schiffe gegeben. Berichten Sie bitte mal, was Ihnen da widerfahren ist?

Wir wissen aus der Beschlagnahmungsakte des Schiffes, dass die Brücke der „Iuventa“ monatelang verwanzt war, dass Telefonate abgehört worden sind, dass es diese verdeckten Ermittler gab. Es ist eine riesengroß angelegte, politisch motivierte juristische Kampagne, die dort gegen die Seenotrettung gefahren wird. Diese ganze Strafermittlung wurde angestoßen durch falsche Beschuldigungen eines vermeintlichen Zeugen, der nachgewiesenermaßen Verbindungen zu den rechtsextremen Identitären hat. Er hat sich mit seinen Behauptungen auch direkt an Matteo Salvini gewandt und an die italienischen Behörden. Die haben dann ein Großaufgebot aufgefahren. Fünf verschiedene Ermittlungsbehörden haben in dem Fall ermittelt, beziehungsweise tun es immer noch. Das hat zu der Beschlagnahmung des Schiffes geführt. Sämtliche Anschuldigungen, die vorgebracht worden sind als Grund für die Beschlagnahmung des Schiffes, sind von einer Forschungsgruppe der Universität von London widerlegt worden. Nichtsdestotrotz bleibt das Schiff beschlagnahmt. Gleichzeitig wissen wir mittlerweile, dass auch gegen zehn Besatzungsmitglieder der „Iuventa“ – darunter auch gegen mich – ein Ermittlungsverfahren wegen „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ in Italien läuft.

Warum schreiben Sie darüber einen Roman und kein Sachbuch, also non-fiction?

Weil es einfach meine Art des Schreibens ist. Ich habe das Ganze nicht als Auftragsarbeit begonnen, sondern eher für mich. Es hilft mir, bestimmte Nuancen und Facetten der Geschichte herauszuarbeiten und zu kristallisieren. Man hat ganz andere Möglichkeiten, verschiedene Ebenen einzufügen. Und vor allem ist auch manchmal die Wahrheit ein ganzes Stück weit zu schrecklich, um sie so niederzuschreiben wie sie ist. Das stößt sich schnell mit Integrität, wenn es um die Würde oder den Schutz unserer Gäste und auch von unseren Aktivisten geht. Ich fände es nicht schlimm, wenn es ein nonfiktionales Buch darüber geben würde, aber das ginge dann eher in die Richtung Geschichtsbücher oder noch besser an die Menschengerichtshöfe, wenn all diese Verbrechen und Missstände endlich mal als das benannt werden, was sie sind. Aber, wie gesagt, der Roman wurde nicht als ein groß angelegtes Projekt begonnen, sondern kam mir so aus dem Kopf oder aus den Händen.

„Lass uns mit den Toten tanzen“ ist nicht Ihr erster Roman. 2018 ist von Ihnen in einem sehr kleinen Verlag, in der Edition Contra-Bass, ein Roman über das Recht der Menschen auf Wasser erschienen, „Allmende und Schrebergarten“. Das heißt, Sie begreifen die Literatur schon als bestes Mittel, um politisch aufzurütteln?

Ich finde, es ist eines der Mittel. Es gibt sehr viele Mittel, mit denen wir politisch arbeiten und aufrütteln können. Für mich ist die Literatur insofern ein sehr schönes Medium, weil sie auch diese persönliche und emotionale Ebene mit reinbringt, so dass wir wegkommen von den Statistiken und den trockenen nüchternen Zahlen und begreifen, worüber wir eigentlich sprechen. Ob das nun in „Allmende und Schrebergarten“ die Privatisierung von Wasser ist und die Nachteile, die sie für riesengroße Bevölkerungsgruppen zur Folge hat, oder ob das in „Lass uns mit den Toten tanzen“ die Situation im Mittelmeer ist. Ich will, dass aus diesen Menschen wieder Menschen werden, dass sie nicht statistisches Material bleiben und dass das auch diejenigen motiviert, die sich dagegen stark machen, die aufstehen und sich solidarisch zeigen.

Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz hat gerade den Einsatz von privaten Hilfsorganisationen als Seenotretter im Mittelmeer kritisiert. Er hält es für falsch, wenn sich Nicht-Regierungsorganisationen wie diejenige, für die Sie arbeiten, daran beteiligten, Menschen illegal nach Europa zu bringen. Zitat Sebastian Kurz: „Sie wecken damit nur falsche Hoffnungen und locken damit womöglich unabsichtlich noch mehr Menschen in Gefahr.“ Was erwidern Sie darauf?

Der Vorwurf, dass die Nichtregierungsorganisationen ein sogenannter ‚Pull-Faktor‘ sind, den haben wir jetzt oft gehört. Das schreien die Rechten sehr gerne immer. Das ändert nichts an der Tatsache, dass er nicht zutrifft. Es gibt verschiedene wissenschaftliche Studien, die belegen, dass die NGOs nicht dazu beitragen, dass diese Menschen über das Mittelmeer kommen. Es ergibt sich auch einfach aus dem gesunden Menschenverstand. Die Einsätze der NGOs im Mittelmeer waren die Antwort auf die vielen Menschen in Seenot und die vielen Toten auf dem Mittelmeer – und nicht umgekehrt. Die Gründe dafür, dass die Menschen auf dem Mittelmeer sind, sind zum einen natürlich die Fluchtursachen, und zum anderen vor allem der Mangel an legalen und sicheren Einreise-Wegen in die EU, um ihr Menschenrecht auf einen Asylantrag überhaupt wahrnehmen zu können. Das ist das, was die Menschen in die Hände von diesen widerlichen Schlepperbanden und auf deren untaugliche Boote treibt. Wo ich zustimmen muss: dass es nicht sein darf, dass diese Arbeit die NGOs übernehmen müssen. Es sollte eine staatliche Aufgabe sein, Seenotrettung zu betreiben, da, wo sie nötig ist. Wenn sie nicht stattfindet, dann springt die Zivilgesellschaft Gott sei Dank dort unten ein.

Sie und Ihre Mitstreiter haben in diesem Jahr bereits den Paul-Grüninger-Preis erhalten. Paul Grüninger war ein Schweizer Flüchtlingshelfer in der Nazi-Zeit. Das ist ein Signal der Unterstützung, das ja auch aus der Bevölkerung kommt. Rund drei Viertel der Bundesbürger – 72 Prozent – finden es gut, dass private Initiativen Flüchtlinge retten, wie jüngst eine ARD-Umfrage ergeben hat. Macht Ihnen das Mut?

Die Unterstützung, die wir aus der breiten Bevölkerung erfahren, macht tatsächlich Mut. Wir sind sehr froh, dass das Thema so viel Aufmerksamkeit findet, dass so viele Menschen gemeinsam mit uns sauer sind darüber, was dort passiert. Vor allem natürlich darüber, dass man dort immer noch so viele Menschen sterben lässt, gerade jetzt im Moment, wo in Libyen wieder Bürgerkrieg tobt und die Zustände in den Lagern noch schlimmer sind als sie es zuvor schon waren. Jetzt, wo fast alle NGOs blockiert sind und dazu noch die Kriminalisierung von uns Helfern immer mehr gang und gäbe wird, ist das natürlich ein sehr gutes Zeichen, dass so viele Menschen mit uns dagegen aufstehen.

Lass uns mit den Toten tanzen“ von Pia Klemp erscheint im Herbst im Maro Verlag.

© Maro Verlag/ Montage BR

Pia Klemp: Lass uns mit den Toten tanzen, Cover

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