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Schwesta Ewa: Wie feministisch kann eine Verbrecherin sein? | BR24

© Ondro

Schwesta Ewa

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    Schwesta Ewa: Wie feministisch kann eine Verbrecherin sein?

    Einer der erfolgreichsten Stars der deutschen Musikszene widmet aus dem Knast heraus ihrer einjährigen Tochter das nach ihr benannte Album „Aaliyah“. Die Platte ist - wenn auch ungewollt - ein Manifest der Selbstermächtigung und des Widerstands.

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    “Du wirst merken, so viele dieser Rapper leben in einem Film und dass Mamas Texte nicht nur ein paar Reime sind” - So tönt es an in Schwesta Ewas aktueller Single samt Musikvideo “Mama Iz da”. Die Rapperin und ehemalige Prostituierte wird aber – zumindest für die nächsten zwei Jahre – für ihre Tochter leider nicht da sein können. Während viele andere Deutschrapper davon singen, wie kriminell sie seien, lebt die Frankfurter Rapperin dieses Klischee. Der erfolgreiche Hip-Hop-Star (zwei Top-20-Alben in den deutschen Charts) hat sich der Steuerhinterziehung und 35-facher Körperverletzung schuldig gemacht. Dafür sitzt sie jetzt auch eine Haftstrafe ab. Auf dem Track „Mama Iz Da“ singt Ewa auch darüber, dass sie dafür sorgen wolle, dass ihre Tochter niemals so sein wird wie sie. Denn Ewa lebe laut Song in einer Welt, wo die „Moral für ein paar Scheine fällt“. Es sei ihre Tochter, die ihren Körper entgiftet hätte von Alkohol, Marihuana und Kokain, heißt es weiter. Dennoch: Trotz einiger sentimental anmutenden Zeilen der Reflexion, ist das Album „Aaliyah“ kein geläutertes Mutter-Theresa-Projekt. Schwesta Ewa singt noch immer über Waffen und glorifiziert ihren kriminellen Lifestyle.

    Widmung an die Tochter zwischen Knarren, Party- und Drogenexzessen.

    Schwesta Ewas drittes Album ist musikalisch nicht besonders herausstechend. In dem Intro rappt die Musikerin aus der Perspektive ihrer Tochter, noch im Bauch der Mutter. Diese wird mit Geburt zum Ende des Intros samt der Hörerschaft willkommen geheißen in „Mamas Welt“. Außer auf dem Song „Mama Iz Da“ geht es dann nicht mehr explizit um Ewas Tochter, die Namensgeberin des Albums.

    Auf „Aaliyah“ (übrigens auch der Name der Tochter von Rap-Star Bushido, der in keiner Verbindung zu Ewa steht) geht es unter anderem um zu aufdringliche männliche Groupies („Undercover Kommisasar“), ihre Waffen-Sammlung („Bang Bang“, „Milli“) ums Strippen in schäbigen Nachtclubs („Poledance“) oder ums Drogen-Dealen („Rein Raus“) auf eher unterdurchschnittlich guten Trap-Beats. Ewa bedient sich dabei sehr gekonnt, wie viele andere Deutschrapper*innen, arabischer und türkischer Floskeln wie etwa „Habibi“ (Arabisch: Liebling) oder „Kelb“ (Arabisch: Hund) um ihre klischeehafte Gangsta-Proll-Ästhetik abzurunden. Ein Highlight aus dem Song "Tokat" (Türkisch: Backpfeife): „Rapper kommen mir mit Araber an / Und ich fahre sie mit meinem Araba (Türkisch: Auto) an”. In dem Song „Kino“ bezeichnet sie sich selbst als Killerin mit einer irgendwie rassistisch klingenden Zeile über Hindu-Frauen, die ein Bindi tragen, welches sie mit einer Zielscheibe ihrer Waffe vergleicht.

    Kurz: Das Album bedient rassistische Klischees über muslimisch und migrantisch markierte Menschen in Deutschland. Und in ihren Musikvideos dazu ein Frauenbild, dass man problematisieren kann. Ewa zeigt sich super sexualisiert. Und auf der Platte ist sie auch die einzige Frau. Alle fünf Gastbeiträge kommen von Männern, auch die Songwriter und Producer sind Männer.

    Doch genau diese Ästhetik ist es auch, was gut klickt, das ist es was unter anderem auch wohlhabende, bildungsbürgerliche Student*innen so fasziniert und anregt, ihre Musik zu streamen, ihre Platten zu kaufen und sie auf Konzerten zu besuchen. Ihre Plattenfirma „Alles Oder Nix“, sowie Ewa selbst, sind natürlich ganz eiskalte Business-Männer und -Frauen. Passend zu ihrer Haftstrafe, wenn die mediale Aufmerksamkeit am höchsten ist, kommt ein Album raus, was genau mit diesen realen Begebenheiten kokettiert.

    Schließlich muss Ewa auch ihre Tochter finanzieren und ob sie als ausgebeutete polnische Hure (Ewa bezeichnet sich selbstbestimmt als Kurwa, polnisch für Hure) so reich und erfolgreich geworden wäre, wie sie es jetzt ist, wenn sie nicht ein paar Regeln gebrochen hätte, ist höchst unwahrscheinlich. Schwesta Ewa ist kein passives Opfer struktureller Diskriminierung mehr, sondern lieber emanzipierte Täterin, die Freier abzieht, aber auch andere Frauen prostituiert. Ihr Drang nach Aufstieg kann aber unmöglich all ihre Mittel heiligen.

    © Alles oder Nix Records

    Albumcover "Aaliyah" von Schwesta Ewa

    Wie feministisch kann eine Frauenschlägerin sein?

    Diese Frage, gestellt 2018 an Bundestagsvizepräsidentin und Feministin Claudia Roth, bekam als Antwort ein emphatisches "Nein" mit der Anmerkung „Das hat nichts Feministisches“. Roth nähme die Rapperin wörtlich und wenn diese ihr ganz offen musikalisch davon erzählt, wie kriminell sie ist, dass sie Frauen verprügelt hat, eine Haftstrafe absitzen muss, gäbe es da nix zu feiern. Interessant ist: Die Rapperin Eunique, die Roth als eine regelrechte feministische Offenbarung empfunden hat, die sie das „junge Deutschland“ genannt hat. Genau diese Rapperin zeigt sich komplett solidarisch mit Ewa. Sie teilt auf den sozialen Medien den Hashtag #FreeEwa, wie es auch andere erfolgreiche Rapperinnen wie Nura, Loredana oder Juju tun. In vielen Teilen der Rap-Community stellt man sich ganz selbstverständlich hinter die Musikerin und scheint über ihre Straftaten hinwegzusehen. Ewa wurde nicht gecancelt und wird auch nicht im Kontext einer möglichen #MeToo-Bewegung tabuisiert.

    Auch die queerfeministische Deutschrap- und Kultur-Journalistin Miriam Davoudvandi (ehemalig Chefredakteurin des Hip-Hop-Magazins Splash Mag), meint man könne den Widerspruch aushalten und fasst es im Podcast "Kanackische Welle" so zusammen:

    „Klar ist Schwesta Ewa nicht politisch korrekt, sie entfernt sich selbst so weit es geht von dem Wort Feminismus. Empowerment muss nicht immer eine feministische Praxis sein. Dass eine Ewa da ist, kann Leute trotzdem empowern, auch wenn sie sich so selbst gar nicht sieht. Empowerment kann auch politisch inkorrekt sein.“

    Und ja in einer Zeit, wo etliche Männer – egal ob im Schlager, im Deutschrap oder im Rock – Frauen zu Objekten reduzieren, ist eine Frau, eine Sexarbeiterin, eine Migrantin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, die authentisch ihre Geschichte erzählt, die auf die Probleme hinweist und sich selbst aus einer Position der finanziellen Abhängigkeit emanzipiert hat, natürlich auch ermutigend uns selbstermächtigend für viele Frauen; vor allem für diejenigen aus vergleichbaren Milieus.

    Letzten Endes ist es wohl wie bei einer Packung Gummibärchen oder Studentenfutter. Man nimmt sich die Nüsse aus der Tüte, die gut sind, und die schlechten lässt man lieber drin. Genauso sollte man mit Schwesta Ewa umgehen. Einige der Nüsse in Schwesta Ewas Snack-Mischung sollte man eher nicht konsumieren oder mit Vorsicht genießen, aber das ein oder andere empowernde Rosinchen, wie zum Beispiel die Zeile „Was für Kahba (Arabisch: Hure), du Bastard?“ mit der sie sich auf dem Song "Milli" gegen Slutshaming ausspricht, entdeckt man da drin dann dennoch.