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"Schwere Knochen": David Schalkos Roman auf der Bühne | BR24

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"Schwere Knochen" von David Schalko am Wiener Volkstheater

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"Schwere Knochen": David Schalkos Roman auf der Bühne

David Schalkos Roman "Schwere Knochen" ist eine Mischung aus Gaunerballade und österreichischem Sittenbild. Das Wiener Volkstheater hat die Geschichte um den KZ-Kapo Krutzler nun auf die Bühne gebracht – eine Nacherzählung ohne eigenes Kraftzentrum.

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Ein eiserner Kettenvorhang nimmt anfangs die Bühne in ganzer Breite ein. Es ist, als hätte sich Ausstatter Ivan Bazak halb metaphorisch, halb konkret den Begriff "schwedische Gardinen" ausgemalt. Starkes Bild!, denkt man beim ersten Anblick, um dann aber zu dem Schluss zu kommen: wohl doch zu schwach. Schließlich wird Ferdinand Krutzler, der schwergewichtige Protagonist von David Schalkos Roman, nicht hinter Gefängnisgittern zu dem, der er ist, sondern hintern den stacheldrahtbewehrten Mauern eines Konzentrationslagers.

Vom Gauner zum Kapo

Krutzerl beginnt seine kriminelle Karriere in den 1930er-Jahren als Kopf einer Viererbande, die sich darauf spezialisiert hat, Wohnungen zu plündern, indem sie sich als Trupp von Möbelpackern ausgibt. Am Tag des Anschlusses Österreichs räumt das Quartett ausgerechnet das Zuhause eines hochrangigen Nazis aus. Die Ermittler kommen den Räubern auf die Spur – und die Räuber ins KZ.

Dieser Ort des Todes wird für den Krutzler zur Schule des Lebens. Er wird zum Kapo, also zu einem Handlanger der Nazis, der seine Mitgefangenen schikaniert. Später, da ist der Krieg schon vorbei, wird Krutzler die Erkenntnis formulieren, dass der Mensch dadurch zum Menschen wird, dass man ihn menschlich behandelt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass im KZ die "Vertierung" des Menschen zu erleben war, in doppelter Hinsicht: Die einen wurden zu Bestien und behandelten die anderen als Schlachtvieh.

© www.lupispuma.com/Volkstheater

Erst Gauner, dann Kapo: Thomas Frank in der Rolle des Ferdinand Krutzler

Erst historistisch, dann surreal

Alexander Charim zeigt die Figuren in der Romanbearbeitung von Anita Augustin als eine Art Menschen-Menagerie sonderbarer Gestalten. Trägt das Ensemble anfangs noch 30er-Jahre-Kostüme in Braun- und Beige-Tönen, verwandeln sich die Spieler bald in bunte Horrorclowns. Und die historisierende Sepia-Anmutung des Beginns weicht einer surrealen Atmosphäre. Fast wirkt das wie eine Referenz an das Serienschaffen von David Schalko, der sich gern ähnlicher Strategien bedient. Doch was auf dem Bildschirm von erfreulich irritierender Künstlichkeit ist, wirkt auf der Bühne konventionell, zumal die Verzerrung bei Charim eher halbherzig bleibt.

Kapos wie den Krutzler hat es in den KZs wirklich gegeben. Andreas Kranebitter, Leiter der Forschungsstelle Mauthausen, hat sie einmal als "personifizierte Ambivalenz der Konzentrationslager" bezeichnet. Mit anderen Worten: Sie waren Opfer und Täter zugleich. Für David Schalko stehen sie damit sinnbildlich für Österreich, dessen Status im sogenannten Dritten Reich ebenfalls irgendwo zwischen diesen Polen changierte. Und Krutzler, als ambivalenter Held, agiert auch nach dem Krieg, wie er das im KZ gelernt hat, weiter in diesem Dazwischen, nun eben zwischen Besatzern und Besetzten, und steigt unter anderem durch Schmuggelgeschäfte zu einer Unterweltgröße auf. Mehr noch als eine Gaunerballade ist "Schwere Knochen" ein Sittenbild Österreichs.

Bühnenadaption ohne eigenes Kraftzentrum

Leider vermag die Bühnenadaption den gedanklichen Überbau dieses grandiosen Buches nur mittels Nacherzählung einiger zentraler Sätze ins Theater hinüberzuretten. Der Rest ist zunehmend fahrige Illustration der Handlung, wozu hin und wieder Kulissen-Versatzstücke herein geschoben werden, um Schauplätze anzudeuten: eine rosa Konditorei-Sitzecke etwa oder ein rotes Bordell-Interieur.

Was fehlt, ist ein Kraftzentrum. Thomas Frank als Ferdinand Krutzler ist zwar ein Bär von Mann, aber doch eher Typ Teddy. Ihm fehlt: die Unberechenbarkeit. Da hätte man sich einen vom Schlage eines Nicholas Ofczarek gewünscht, ohnehin einer von Schalkos Lieblingsschauspielern. Kann aber auch alles noch kommen: David Schalko, der bei der gestrigen Premiere anwesend war, bereitet dem Vernehmen nach gerade eine Verfilmung von "Schwere Knochen" vor.

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