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"Schwere Jahre" beschreibt die Lebenskrise von Liesl Karlstadt | BR24

© Bayern 2

Auf der Bühne war Liesl Karlstadt die Partnerin von Karl Valentin, im echten Leben seine Geliebte. Als der Münchner Komiker eine neue Geliebte hatte, bekam Karlstadt Depressionen. Jetzt erscheint ein Buch über diese Lebenskrise: "Schwere Jahre".

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"Schwere Jahre" beschreibt die Lebenskrise von Liesl Karlstadt

Auf der Bühne war Liesl Karlstadt die Partnerin von Karl Valentin, im echten Leben seine Geliebte. Als der Münchner Komiker eine neue Geliebte hatte, bekam Karlstadt Depressionen. Jetzt erscheint ein Buch über diese Lebenskrise: "Schwere Jahre".

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Wer Valentin sagt, muss auch Karlstadt sagen, denn was wäre der große Volkskomiker Karl Valentin ohne seine kongeniale Bühnenpartnerin Elisabeth Wellano, Künstlername Liesl Karlstadt. Er der Unverwechselbare, sie die Wandelbare, die an seiner Seite in unzählige verschiedene Rollen schlüpfte. Eine symbiotische Beziehung, möchte man annehmen. Die Zusammenarbeit aber war keineswegs immer nur harmonisch. Valentin war ein neurotischer Hypochonder. Karlstadt litt darunter, entwickelte Depressionen, beging sogar einen Selbstmordversuch. "Schwere Jahre" heißt ein neues Buch, das sich mit Liesl Karlstadts Lebenskrise befasst. Geschrieben haben es Andreas Koll und Sabine Rinberger. Letztere ist Direktorin des Valentin-Karlstadt-Musäums in München. Christoph Leibold hat sich mit ihr über Liesl Karlstadt unterhalten.

Christoph Leibold: Sie schreiben in Ihrem Buch, Valentin und Karlstadt seien "heillos miteinander verstrickt" gewesen. Sie konnten kaum ohne einander, aber miteinander auch nur schwer. Woran zeigte sich das?

Sabine Rinberger: Da treffen zwei ganz eigene Persönlichkeiten aufeinander: Ein wirklich schwieriger, von Neurosen geplagter und Ängsten geschüttelter Mensch auf eine ganz junge Elisabeth Wellano, die was will vom Leben, die aus einfachen Verhältnissen kommt und nun diesem Valentin begegnet, der durchaus auch andere Seiten hatte. Er konnte sehr charmant sein und war ein Shooting-Star der Stadt. Es war natürlich magische Anziehung, obwohl er sie zunächst beleidigt hat. Sie ist als Soubrette aufgetreten im Frankfurter Hof. Er sieht sie und meint: 'Sie, Fräulein, als Soubrette taugen sie überhaupt nichts.' Und trotzdem hat sie sich auf ihn eingelassen. Er bietet ihr an, ein Couplet für sie zu schreiben. Das lehnt sie zunächst ab, aber ich habe schon erwähnt, er war der Shooting-Star der Stadt, da ist man nicht einfach vorbeigegangen. Und so hat sie es dann doch gesungen.

Und am Anfang lief die Zusammenarbeit ja auch gut, aber dann gibt es irgendwann einen Bruch.

Liesl Karlstadt war nicht alleine in Valentins Leben. Er war verheiratet, hat eine Familie gehabt mit zwei Töchtern, und sie war die Geliebte. Am Anfang hat ihr das wohl gereicht, und sie ist auch mit Valentin zurechtgekommen. Aber Liesl Karlstadt hat sich auch künstlerisch zunehmend emanzipiert und sich selber gesehen. Das ist das eine. Und dann setzen Ende der 20er-Jahre, als sich die beiden eigentlich auf dem Zenit ihrer Karriere befinden, zwei parallele Krisen ein, eine persönliche und eine berufliche Krise. Da war zum einen eine Geliebte von Karl Valentin, die er neben ihr hatte. Und gleichzeitig beginnt in München ein großes Bühnensterben, nämlich der klassischen Volkssängerbühnen, die die Bühnen von Karl Valentin und Liesl Karlstadt waren. Hier beginnt es dann eben auch zwischen den beiden zu kriseln.

Was Sie in Ihrem Buch schildern, ist im Grundsatz nicht neu. Dass Liesl Karlstadt unter Versagensängsten und Depressionen litt, war bekannt. Aber sie haben neues Material ausgewertet, das Einblicke in die Psyche von Liesl Karlstadt gewährt.

Eines Tages kam eine ältere Dame zu mir ins Archiv und überreichte mir ungefähr 150 Briefe und Postkarten von Liesl Karlstadt an Norma Lorenzer. Die Dame, die mir die Briefe gebracht hat, war die Tochter von Lorenzer – Brigitte. Liesl Karlstadt pflegte mit Norma einen engen Austausch, der 1935 aus der Psychiatrie heraus beginnt, nach ihrem Selbstmordversuch im April. Das ist der Anfang einer langen Freundschaft. In den Briefen gibt Liesl Karlstadt Facetten aus ihrem Seelenleben preis, die wir bis dahin nicht kannten.

© picture alliance/Keystone

Liesl Karlstadt im Jahr 1950

Sie schüttet quasi ihr Herz aus in diesen Briefen.

Sie war ja über viele Monate in der Psychiatrie in München in der Nußbaumstraße untergebracht, und als es ihr besser geht, beginnt sie aus der Psychiatrie heraus einen Film zu drehen: "Kirschen in Nachbars Garten". Sie verlässt das Krankenhaus und wird abends wieder zurückgebracht. Dazwischen arbeitet sie und ist top präsent, so wie sie das immer war. Aber in den Briefen schreibt sie dann, wie sehr sie das anstrengt und wie viel Disziplin sie das kostet. Das sind ganz neue Facetten, die wir von Liesl Karlstadt so nicht kennen, weil sie vor den Kollegen die professionelle Schauspielerin gibt.

Sie schreiben mal, Valentins Angst sei auch seine Macht gewesen. Inwieweit muss man Valentin seine Tyrannei aber nachsehen, denn sie war ja auch eine Folge seiner eigenen psychischen Probleme.

Ja, das ist so. Und in vielen Bereichen haben sich die beiden ja auch sehr gut verstanden, deswegen hat das auch lange so gut funktioniert. Die Liesl Karlstadt hatte einerseits die Fähigkeit, sich wirklich zurückzunehmen und auf diesen ungeheuer schwierigen Menschen einzustellen, seine Neurosen zu ertragen. Andererseits hat auch Valentin sie in ihrer Krankheit verstanden. Ob er sie in ihrer Krankheit richtig behandelt hat, ist eine andere Geschichte. Aber er hatte einen Sinn für seelische Not.

Nach der Lektüre des Buches muss man sagen, dass das unvergleichliche Werk, das Karl Valentin und Liesl Karlstadt gemeinsam geschaffen haben, einen hohen Preis hatte, vor allem für Liesl Karlstadt. Wirft das für Sie einen schwarzen Schatten auf diese Komik, der das Vergnügen daran schmälert?

Nein. Man muss Leben und Kunst voneinander trennen. Ich glaube, man darf ganz unbedarft die Kunst der beiden genießen, weil die Kunst von Karl Valentin einzigartig ist. Er schöpft alles aus sich selbst. Und da brauchte es vielleicht auch dieses verquere Wesen, dieses verquere Denken. Und das ist bei der Liesl Karlstadt auf fruchtbarsten Boden gefallen, in einer Großartigkeit wie sie in der deutschen Kabarett- und Komiker-Geschichte sonst kaum zu finden ist.

"Liesl Karlstadt. Schwere Jahre" von Sabine Rinberger und Andreas Koll ist im Kunstmann Verlag erschienen.

© Kunstmann/ Montage BR

Cover: Liels Karlstadt: "Schwere Jahre 1935 - 1945"

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