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Schwedische Akademie verteidigt Entscheidung für Handke | BR24

© Francois Mori/dpa

Peter Handke zuhause in Chaville

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    Schwedische Akademie verteidigt Entscheidung für Handke

    Der diesjährige Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist nach Auffassung von Mats Malm, dem Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, kein "Kriegstreiber". Claus Peymann hält die Debatte um den Autor für "sehr aufgeblasen".

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    Der Regisseur und Ex-Intendant des Berliner Ensembles und des Wiener Burgtheaters, Claus Peymann, der viel mit Peter Handke zusammenarbeitete, erwägt nach eigenen Worten, zur Preisverleihung nach Stockholm mitzufahren, so begeistert sei er über den Literaturnobelpreis für den Dichter: "Er ist kein Opportunist, er richtet sich nicht nach der Mehrheit, sondern spricht seine eigene Meinung aus, wie das ein Schriftsteller machen sollte." Peymann nannte in einem Interview mit der "Rhein-Neckar-Zeitung" die Entscheidung des Nobelkomitees die "schönste Nachricht des Jahres". Die Kritik an Handke sei "sehr aufgeblasen".

    Der Autor selbst sagte dem österreichischen Magazin "News", er habe den Eindruck, von den Journalisten, die ihn befragten, habe kaum einer etwas von ihm gelesen, stattdessen seien provokante Fragen gestellt worden: "Im Nachhinein habe ich mir gedacht, ich hätte ein paar Fußtritte verteilen sollen." Gleichzeitig gestand Handke, selbst inzwischen wenig zu lesen, so habe er die Werke der Nobelpreisträgerin 2018, Olga Tokarczuk, nicht gekannt. Es sei eine "Schande", dass er so selten zum Lesen komme, aber er habe "kein rechtes Vertrauen" in das, was heutzutage geschrieben werde.

    Handke "radikal unpolitisch"?

    Unterdessen wird die Debatte um Handke in der krisengeschüttelten Schwedischen Akademie offenkundig aufmerksam verfolgt. Womöglich hat der ein oder andere dort auch bereits ein schlechtes Gewissen, weil der österreichische Literaturnobelpreisträger derzeit für viele, nicht immer positive Schlagzeilen sorgt. So hatte Handke auf Journalistenfragen zu seiner betont serbenfreundlichen Haltung am Dienstag äußerst ungehalten reagiert. Das scheint maßgebliche Literatur-Fachleute in Stockholm aufgeschreckt zu haben. Der "Spiegel" zitiert den Wortlaut einer Stellungnahme von Henrik Petersen, einem der beratenden Experten des Nobelpreiskomitees für Literatur, der Handke als "radikal unpolitisch", aber konsequent antifaschistisch verteidigt: "Es ist ganz offensichtlich, dass Handke in einigen Artikeln über die Jugoslawien-Kriege gar nicht erst versucht, als glaubwürdiger politischer Kommentator aufzutreten. Und obwohl er geradezu reflexartig gegen alles zu schießen scheint, was er als unerschütterlichen Konsens auffasst, lassen sich einige dieser Manöver schlichtweg nicht verteidigen. Aber ein Kriegshetzer ist Peter Handke deshalb nicht."

    "Politisches Kamikazemanöver"

    Handke vollführte Petersen zufolge mit seinen Stellungnahmen zum Jugoslawien-Krieg ein "politisches Kamikazemanöver", sei sich über dessen Risiken aber wohl klar gewesen: "Die Art und Weise, wie Handke seine Kritik artikulierte, war prekär, plump und führte bisweilen zu regelrecht widersinnigen Vergleichen." In einem Artikel im schwedischen Blatt "Dagens Nyheter" hatte sich zuvor Mats Malm geäußert, der Ständige Sekretär der Akademie. Handke habe niemals Blutvergießen im Jugoslawien-Krieg verherrlicht und auch das berüchtigte Massaker in Srebrenica vom Juli 1995 "klar verurteilt". Dabei verwies Malm auf einen Artikel der "Süddeutschen Zeitung" vom 1. Juni 2006, in dem Handke mit dem Satz zitiert wurde, Srebrenica sei "das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde".

    "Bei den Tatsachen bleiben"

    Seinerzeit hatte es Auseinandersetzungen um den Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preis für Handke gegeben. Nach einer heftigen öffentlichen Debatte und einem nach Ansicht des deutschen PEN-Zentrums "unwürdigen Schauspiels" war der Preis für 2006 nicht vergeben worden, weil der Düsseldorfer Stadtrat seine Zustimmung verweigert hatte. Der Autor hatte gefordert, "bei den Tatsachen des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien zu bleiben". So habe es nicht nur "bosno-serbische Gefangenenlager" gegeben, sondern auch kroatische und muslimische Lager. Mit der "blindlings" und "mechanisch" erfolgenden Schuldzuweisung an die Serben solle aufgehört werden, so Handke damals.

    Mats Malm verwies darauf, dass Handke im Zusammenhang mit dem Jugoslawien-Krieg nicht die Begriffe "Konzentrationslager" und "Völkermord" benutzen wollte, was ihm in der Presse sehr angekreidet worden sei, gleichwohl habe sich der Autor von den Geschehnissen "klar distanziert".

    © Francois Mori/dpa

    Handke im heimischen Garten

    Akademie hat nichts Belastendes gefunden

    "Wenn etwas Neues über Handke herauskommt, werden wir es bewerten", schränkte Mats Malm in "Dagens Nyheter" allerdings auch vorsichtig ein. Der Dichter habe "provokative, ungeeignete und unklare Kommentare in politischen Fragen" gemacht, so der Vertreter der Akademie, ergänzte jedoch: "Die Akademie hat nichts in seinem schriftstellerischen Werk gefunden, das eine Attacke auf die Zivilgesellschaft darstellt oder den Respekt für die Gleichheit aller Menschen infrage stellt."

    Die Jury des Literaturnobelpreises habe natürlich nicht beabsichtigt, einen Kriegstreiber und Leugner von Kriegsverbrechen oder Völkermord auszuzeichnen. Malm zeigte sich verwundert, dass Teile der Presse diesen Eindruck vermittelten. Er frage sich, welche Quellen Handkes Kritiker eigentlich verwendeten. Die Akademie habe auch keine Belege dafür gefunden, dass sich der Schriftsteller bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic ungebührlich verhalten habe. Der Autor hatte dort die Grabrede gehalten, habe dabei aber weder "ein Ungeheuer verehrt", noch Verbrechen relativiert.

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