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Schwarzer Block von Jerusalem: Cooler "Jesus Christ Superstar" | BR24

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Herodes macht sich´s schön

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Schwarzer Block von Jerusalem: Cooler "Jesus Christ Superstar"

Andrew Lloyd Webber feierte mit "Jesus Christ Superstar" (1971) seinen Durchbruch: Die rockige Bibelstunde bleibt bis heute ein Bühnen-Hit der Flower-Power-Zeit. In München wurde daraus eine queere Rebellen-Revue. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Von wegen Glaube, Liebe, Hoffnung! Diese Apostel sind eher Wutbürger, auf jeden Fall jung und rebellisch. Lieblingsfarbe: Schwarz. Der "Autonome Block" von Jerusalem sozusagen, die Streetfighter gegen Schlipsträger und Bereitschaftspolizei. Beim Letzten Abendmahl gibt es deshalb auch Dosen-Cola, Pappbecher, Fladenbrot und harte Drogen. Jedenfalls kippen die Apostel reihenweise um. Eine sehr konsequente Inszenierung hat Regisseur und Intendant Josef Köpplinger da abgeliefert, ganz ohne Flowerpower, ohne Blumen im Haar, ohne Sandalen, Nachthemd und Walle-Mähne, ohne Herzschmerz und ohne Gefühlsduseligkeit.

Rasante Männerkiste in "queerer" Optik

Ganz schön kalt also, dieser gut zweistündige Abend, und ziemlich hart, schnell und laut. "Jesus Christ Superstar" als aggressive Jugendrevolte, nicht als rockiges Passionsspiel oder karges Wüstendrama, wie im gleichnamigen Film, sondern als rasante Männerkiste in ziemlich queerer Optik. Mit anderen Worten: Diese Apostel lassen sexuell mit Sicherheit nichts anbrennen, zeigen ihre Tattoos, ihre Muckis, ihre Fetischklamotten und ihre Leidenschaften. Und Herodes (pompös-beklatschter Auftritt: Previn Moore) schwelgt dazu ausgelassen in Strass und Pailletten.

Judas wird irre an der Show

Eine Riesen-Revolutions- und Auferstehungs-Party, an der Judas allerdings irre wird. Ihm ist das Ganze zu viel Show und zu wenig Inhalt, wohl auch zu viel oberflächliche Erotik und zu wenig echte Liebe. Nicht auszuhalten auf jeden Fall. Josef Köpplinger hat das ganz frühe Andrew-Lloyd-Webber-Musical schon vor Jahren in Klagenfurt inszeniert, hat 2014 für eine konzertante Aufführung in München gesorgt und somit einige Erfahrung mit dem Stück. Souverän, unterhaltsam und temporeich wie immer wuchtete er die absolut zeitgemäße Bibelstunde in die Reithalle, einer etwas unwirtlichen Location im hässlichen, aber urbanen Teil von München-Schwabing.

Testosteron ablassen

Choreographin Ricarda Regina Ludigkeit ließ die bösen Jungs und Mädels recht martialisch und kraftstrotzend auftreten, wie es sich für Rebellen gehört - von Streicheleinheiten und kostenlosen Kuschel-Momenten keine Spur. Das war mindestens soviel Kampfakrobatik wie Sektenaufmarsch - fast schon einschüchternd. Hier reihen sich Weicheier garantiert nicht gern ein! Ausstatter Rainer Sinell hatte eine weite Spielfläche entworfen, viel Platz also zum Testosteron ablassen, und davon haben diese Apostel eine ganze Menge - ihre Gegner allerdings auch, allen voran Herodes und Pontius Pilatus. Sie lassen das Volk auf den Schlussverkauf los, auf dass sich die Seelen von allen Sorgen frei shoppen. Die Hohen Priester begaffen das Ganze aus erhöhter Position und wenden sich angewidert ab: Zuviel Wut, zu wenig Macht!

Fans können planen: München und Würzburg

Das Regiekonzept geht also voll auf, das Dirigat von Jeff Frohner weniger. Womöglich lag es auch an der Lautsprecher-Anlage, jedenfalls war das Orchester durchgehend viel zu lärmig und scheppernd. Das machte sowohl Armin Kahl als Jesus, als auch David Jakobs in der Rolle des Judas schwer zu schaffen. Bettina Mönch als Maria Magdalena hatte mit ihren ruhigen Songs weniger Probleme. Maximilian Mayer als Simon Zelotes steuerte als fundamentalistische Stimmungskanone coole Vibes und Grooves bei, Erwin Windegger als Pontius Pilatus war eine durch und durch militante Führungskraft. die Risse im Ego einfach weg grummelt. Schade, dass das Klangbild so blechern war. "Jesus Christ Superstar" war dennoch völlig zurecht schwer umjubelt, und das Beste: Am Mainfrankentheater in Würzburg läuft derzeit parallel eine ganz andere, ebenfalls hervorragende Inszenierung. Fans können also planen.

In München wieder am 20., 21. und 23. Mai. In Würzburg am 21., 27. Mai und 11. und 22. Juni.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Superstar!

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Letztes Abendmahl

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Gang in Jerusalem

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Kuss des Verräters