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Schüsse statt Erlösung: "Judith" an der Bayerischen Staatsoper | BR24

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Kammer des Schreckens

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    Schüsse statt Erlösung: "Judith" an der Bayerischen Staatsoper

    Béla Bartóks Konzert von 1944 und seine Oper "Herzog Blaubarts Burg" im Doppelpack als feministischer Krimi: Regisseurin Katie Mitchell hatte sich einen 100-minütigen Thriller vorgenommen, was musikalisch aufgeht, aber zu wenig ambitioniert bleibt.

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    Ob´s nur ungewohnt wird, fürchterlich oder sogar unterirdisch, darüber diskutierten ein paar besorgte Zuschauer vor der Premiere in der Bayerischen Staatsoper. Die Erwartungen waren zumindest bei diesen Gästen also denkbar niedrig: Der ungarische Komponist Béla Bartók hat es in München demnach nicht leicht. Deshalb wurden draußen am Eingang auch zahlreiche Karten angeboten und es blieben sogar ein paar Sitzplätze leer, höchst selten im ansonsten fast immer ausverkauften Nationaltheater.

    Bartók inspirierte "Planet der Affen"

    Dabei hat der 1945 verstorbene Béla Bartók soviel Skepsis nun wirklich nicht verdient, ganz im Gegenteil, er gehört zu den einflussreichsten Vordenkern der Filmmusik Hollywoods. Sein enorm erfolgreicher ungarischer Landsmann Miklós Rózsa ließ sich von Bartók zum Soundtrack von so populären Sandalenfilmen wie "Quo Vadis" und "Ben Hur" inspirieren, und der Amerikaner Jerry Goldsmith orientierte sich an Bartóks Ideen, als er die Musik für den "Planet der Affen" schrieb.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Der Tisch steht bereit

    Es geht also mehr als in Ordnung, dass die gefragte britische Regisseurin Katie Mitchell unter dem Titel "Judith" in der Bayerischen Staatsoper einen ziemlich reißerischen Krimi zeigte, der mit Bartóks Musik unterlegt war: Zum Einsatz kamen dabei sein Konzert für Orchester von 1944, ein Spätwerk also, kombiniert mit seiner einzigen Oper, "Herzog Blaubarts Burg" aus dem Jahr 1911. Beides zusammen hatte Spielfilmlänge, etwa 100 Minuten.

    Schatten an der Wand des Unbewussten

    Katie Mitchell hatte sich vorgenommen, eine betont feministische Geschichte zu erzählen, ein Vorhaben, das ausgerechnet bei dem Serienmörder Blaubart etwas merkwürdig, um nicht zu sagen unfreiwillig komisch anmutet. Der Mann belästigte ja nicht etwa Frauen, er stapelte sie gleich massenhaft in seiner fensterlosen Burg, halb Dracula, halb Jack the Ripper, ein Monster jedenfalls, traurig und blutrünstig, weniger Mensch als Archetyp, Urbild, ein Schatten an der Wand des Unterbewusstseins.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Anna Barlow am Ziel

    Bei Katie Mitchell bringt ihn eine tapfere Kriminalerin namens Anna Barlow im Alleingang mit zwei Schüssen aus nächster Distanz zur Strecke und befreit drei Entführungsopfer, wobei Blaubart etwas arg einfältig rüberkommt, so plump, wie er sich die Waffe entwenden lässt. Um einen solchen Super-Schurken zu beseitigen, wird im Film sonst immer die Air Force oder 007 eingesetzt, und der soll nach neuesten Berichten aus Hollywood ja weiterhin männlich sein. Das ist gleichwohl einigermaßen plausibel und aufwändig bebildert, erst in einem etwa 40-minütigen Film, dann in der einstündigen Inszenierung, die ebenfalls filmisch die Schauplätze wechselt. Bartók ist ein Meister der blitzschnellen Kontraste, komponierte, als ob er schon Schnitte mitgedacht hat: In wenigen Takten baut er Spannung auf, löst sie mit einem Knall, wirft sich in die nächste Steigerung. Das ist lautmalerisch gemacht und passt hervorragend zu einem modernen Thriller.

    Sehr "oberirdischer" Abend

    Deshalb gab es auch großen Beifall für das Regieteam und die herrlich tatkräftige ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, nicht nur für die beiden schwedischen Solisten Nina Stemme als Judith und John Lundgren als Blaubart. Sie wurden förmlich gefeiert - zu Recht, so schauspielerisch stark, wie sie ihre Rollen meisterten. "Unterirdisch" war dieser Abend an der Bayerischen Staatsoper also ganz bestimmt nicht, er blieb im Gegenteil sehr "oberirdisch", was auch das Problem war.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Tödliche Annäherung

    Natürlich ist es Katie Mitchell und ihren Ausstattern Alex Eales und Sussie Juhlin-Wallén unbenommen, einen feministischen Krimi zu zeigen, in dem Blaubart von einer nervenstarken Power-Frau zur Strecke gebracht wird. Doch Bartók komponierte viel mehr. Die sieben Türen, die hier geöffnet werden, sind sieben Stufen in das archetypische Unbewusste, in die Tiefe der menschlichen Seele, in den schauerlichen Abgrund der Kreatur, die irre wird an ihrem Triebleben. Das alles interessierte Katie Mitchell offenkundig nicht.

    Keine Angst mehr vor Bartók

    Bei Bartók werden Judith und Blaubart am Ende von der einbrechenden Nacht zugedeckt, ausgelöscht. Es ist dieselbe Nacht, die 1914, wenige Jahre nach der Komposition, die europäische Zivilisation schluckte, die danach das gesamte 20. Jahrhundert verdüsterte. Das hat also eine weit größere Dimension als es die Gender-Debatte nahelegt. Bartóks Werk wurzelt im Symbolismus seiner Zeit, in der damals neu entdeckten Psycho-Analyse, es ging ihm und Textdichter Béla Balázs letztlich um Erlösung, um die tiefe, unüberwindbare Traurigkeit des Menschen, gewiss nicht um einen vorhersehbaren Krimi über einen Serientäter. Insofern ein unterhaltsamer, aber auch zu wenig ambitionierter Abend an der Bayerischen Staatsoper, der dem Publikum immerhin die Angst vor Bartók nahm.

    Wieder am 4., 7., 9. und 13. Februar 2020 an der Bayerischen Staatsoper in München, weitere Termine bis 29. Juni.

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